Umfangreiches, wenig bekanntes Orgelwerk

Unter den Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört Joseph Jongen nicht zu den bekannten. John Scott Whiteley hat das Orgel- und Harmoniumwerk des Belgiers nun in drei Bänden herausgegeben.

Der belgische Komponist und Organist Joseph Jongen. Foto: Conservatoire royal de Bruxelles

Auch wenn seine schwergewichtige Sonata eroica (1930) oder die Toccata (1937) gelegentlich auf Orgelkonzert-Programmen auftauchen oder man mit etwas Glück auch einmal seine Symphonie concertante (1926) für Orgel und Orchester im Konzertsaal hören kann: Der Grossteil des Orgelschaffens des belgischen Komponisten Joseph Jongen (1873–1953) dürfte nur wenigen Spezialistinnen und Spezialisten bekannt sein. Dank dieser dreibändigen Gesamtausgabe, bei Bärenreiter mustergültig herausgegeben und ausführlich kommentiert von John Scott Whiteley, lässt sich nun aber ein vollständiger Blick auf Jongens Orgel- und Harmonium-Werk gewinnen, das zuvor über diverse Verlage (auch in Form von Reprints oder sogar Raubdrucken) verstreut war. – Der kritische Bericht gibt akribisch darüber Auskunft.

Jongen hatte nach brillanten Orgel-, Klavier- und Kompositionsstudien schon früh als Komponist wichtige Erfolge zu verzeichnen (u. a. 1897 den belgischen Prix de Rome) und war mit vielen Musikgrössen seiner Zeit in Kontakt (neben Richard Strauss, bei dem er kurzzeitig Kompositionsunterricht hatte, auch Fauré, d’Indy, Arthur Rubinstein, Joseph Joachim u. v. m.). Nachdem er zunächst in Lüttich unterrichtet hatte, verbrachte Jongen die Kriegsjahre im Londoner Exil und war dann ab 1920 am Brüsseler Konservatorium tätig, das er später auch als Direktor leitete. Sein vielgestaltiges kompositorisches Schaffen schliesst eine Fülle an Kammer- und Orchestermusik ein.

Auch das Spektrum der in diesen drei Bänden publizierten Musik ist ausgesprochen breit: neben kurzen Versetten und Préludes (oft nur wenige Takte umfassend) und weiteren liturgischen Stücken findet sich eine Vielzahl von Charakterstücken für Gottesdienst und Konzert in unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad, bis hin zu glänzender Virtuosität. Während die frühen Werke stilistisch noch stark an Schumann, Brahms und v. a. César Franck und sein Umfeld erinnern, entwickelt sich Jongen dann in eine Richtung, welche auch Einflüsse des Impressionismus aufnimmt und schliesslich in eine Musiksprache mündet, die der Herausgeber im Vorwort als «oneirischen Stil von abstrakter, synästhetischer Farbigkeit» beschreibt, dem er verschiedene Publikationen gewidmet hat und über den man gerne auch in dieser Ausgabe etwas mehr erfahren hätte.

Viele der Werke verfügen über detaillierte Registrierungsangaben und setzen eine Orgel mit den wesentlichen Klangfarben der französischen Romantik (Streicher, Voix céleste, Hautbois etc.) voraus; die Harmonium-Stücke sind relativ unspezifisch registriert, was eine Adaption für einen ähnlichen Orgel-Typ problemlos erlaubt. Fazit: wer sich für selten gespielte Orgelmusik des früheren 20. Jahrhunderts interessiert, wird sich über diese vorbildlich präsentierte Gesamtausgabe freuen.

Joseph Jongen: Sämtliche Orgel- und Harmoniumwerke, hg. von John Scott Whiteley, 3 Bände, BA11255–11257, je € 54.00, Bärenreiter, Kassel

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