Trumpsinn

Seit der Amtseinführung des US-amerikanischen Präsidenten scheint nichts, wie es einmal war. Immer lauter werden die Bedenken, wohin das Verhalten und die Politik von Donald Trump hinführen. Auch der kulturelle Sektor bleibt von diesem Kahlschlag nicht verschont.

Matthias von Orelli — Es begann schon mit den denkwürdigen Absagen von zahlreichen Musikstars, die für die musikalische Umrahmung der Amtseinführung angefragt wurden. Dies zeigte deutlich, dass die Politik Donald Trumps und die Kultur kaum vereinbar sind. In der Zwischenzeit hat der neue US-Präsident auch mit einschneidenden Kürzungen bei der Kulturförderung gedroht, vor allem mit der Androhung der Abschaffung der beiden staatlichen Fördereinrichtungen für Kultur NEA (National Endowment for the Arts, 1965 von Lyndon B. Johnson gegründet) und NEH (National Endowment for the Humanities). Zahlreiche republikanische Politiker des Senats haben zudem durchblicken lassen, dass sie von staatlicher Kulturförderung nichts halten. Sie wollen die Künste dem Markt überlassen, privat organisieren oder am besten ganz abschaffen. Zudem ist es kein Zufall, dass sich der Sparplan eng an einem Budget-Vorschlag der erzkonservativen «Heritage Foundation» orientiert, jene Stiftung, die seit Jahren die Abschaffung der NEA fordert. Der Angriff auf die beiden Organisationen ist sinnbildlich für das neue antiliberale Klima in den USA. Erschreckend ist die Tatsache, dass sich die Ideologie eines Staates auch in anderen, europäischen Ländern, in der Kulturförderung niederschlägt.

Donald Trump setzt seinen Kunstgeschmack ähnlich rigide durch wie die Präsidenten von Polen und der Türkei oder der Ministerpräsident Ungarns. Gefördert wird ausschliesslich «erbauliche» Kunst, die dem nationalistischen Selbstverständnis der Regierung dient. Ein ähnlich begrenztes Kunstverständnis besitzen auch die US-Republikaner. Seit Jahrzehnten führen sie einen erbitterten Krieg gegen die Künste, die in ihren Kreisen als liberal und unsittlich gelten. Grund genug, dass sich drei Stimmen aus dem Umfeld der Schweizer Musikhochschulen zum Thema «Trump – Musikkultur» äussern.

Tragikomödie im Licht der Glühlampen

Sara Horvath — Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bekommt einen Präsidenten, der keine Grenzen respektiert. Entlang der Landesgrenze will er eine Mauer errichten.

The United States of America, the place to be: Im vergangenen Jahrhundert waren die USA für viele Europäer Zufluchtsort und neue Heimat, die Chance in Freiheit leben und denken zu dürfen. In den letzten Jahrzehnten übernahm Amerika öfters weltpolitische Verantwortung, weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus, und wir Europäer beäugten das argwöhnisch, demonstrierten vielleicht dagegen – aber insgeheim waren wir doch froh, dass da noch ein grosser Bruder war, der helfen könnte, wenn es brenzlig wird. In den vergangenen Jahren war ebendieses Amerika für viele meiner Altersgenossen auch das Land, in dem Träume greifbar sind, wahrer werden als hier bei uns. La La Land lässt grüssen. Gut möglich, dass einiges davon vorläufig der Vergangenheit angehört. Manche Einwohner Amerikas scheinen die Nase davon voll zu haben, sich um alle andern zu kümmern ausser um sich selbst. Zu viele ihrer Männer sind irgendwo auf der Welt stationiert gewesen und als sie zurückkamen waren sie ihrer Menschlichkeit beraubt. Zu viele Fremde kamen und konnten ihre Träume erfüllen, während die eigenen Leute zu kurz kamen. Und dann kommt Trump.

Dieser Mensch irritiert mich. Ich würde gerne an ihm vorbeikommen, ihn ignorieren. Fassungslos starrte eine Bekannte am 8. November auf die Wahlergebnisse und fragte mich entsetzt, ob ich das mitbekommen hatte. Das hatte ich. Obwohl ich mich raushielt bei diesem amerikanischen Zirkus, den ich weder so recht verstand noch wirklich ernst nahm. Aber ich war nicht erstaunt über das Resultat. Wenn wir Schweizer Abstimmungsresultate produzieren können, die anscheinend niemand wollte und für niemanden vorhersehbar waren – warum sollten das die Amerikaner nicht auch können? Können und dürfen? Demokratie funktioniert nun mal so. Die Mehrheit hat Recht. In gewissem Sinne mag Donald Trump ein äusserst amerikanischer Präsident sein. Seine präsidiale Kommunikation per Twitter erinnert an den Pioniergeist der ersten europäischen Einwanderer, um eines der Beispiele für seine unkonventionelle Haltung zu nennen. Und da Amerika nie monarchisch organisiert war passt es auch, dass er nicht allzu staatsmännisch-vornehm auftritt. Auf einen weiteren Aspekt, der mir amerikanisch zu sein scheint, möchte ich ein bisschen näher eingehen.

Der russische Komponist Nikolai K. Medtner war um 1920 auf Konzertreise in Amerika. Dabei «bedrückt(e) ihn der geschäftsmässig nüchterne Lebensalltag, in dem weder Poesie noch geistige Werte einen Platz haben.» Er hatte den Eindruck, dass «Amerikaner sich vor der Nacht und ihren geheimnisvollen Geistern (Tjutschew) fürchten, denn wenn es dunkel wird, schalten sie Millionen und Abermillionen elektrischer Glühlampen an, um nur ja nicht auf das Geheimnisvolle zu treffen und sich die glänzende Oberfläche auch nachts zu bewahren.»1

Ob im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tatsächlich kein Platz ist für Poesie oder geistige Werte sei dahingestellt. Aber die glänzende Oberfläche, die sehe ich auch in Trumps Gesicht. Geputzt und geföhnt steht da ein Mann am Mikrofon, der viel jünger aussieht als er es in Wirklichkeit ist. Ein Mensch, der einen fragwürdigen Umgang mit Fakten an den Tag legt, der auch hier mehr auf die glänzende Oberfläche bedacht ist als auf Wahres oder Vorgefallenes. Ein Politiker, dem das Showbusiness vertrauter zu sein scheint als das aktuelle Weltgeschehen. «Die Welt hat nicht ihren Verstand, sondern ihr Herz verloren!» Auch dieser Satz entstammt der Briefkorrespondenz Medtners und scheint mir heute aktueller denn je. Denn wer nimmt sich in diesen Tagen schon Zeit für Herzensangelegenheiten?

Die Zeit, in der Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt gewählt wird, ist eine Zeit, in der mehr immer besser bedeutet. Eine Zeit, die auf schnelle Gewinne und glänzende Oberflächen aus ist. Eine Zeit, die sich nicht auf langwierige Suchen oder mühsame Prozesse einlassen will. Auch wir Musiker sind Kinder dieser Zeit. Wir können von Donald Trump lernen, indem wir ihn anschauen, die Zeichen der Zeit erkennen und uns nicht mit glänzenden Oberflächen begnügen, sondern uns stattdessen auch mit dem Dunkeln in uns und um uns auseinandersetzen. Ohne elektrische Glühlampen. Auf diesem Weg würden wir vielleicht auch unser verloren geglaubtes Herz wieder finden.

Trumpsinn

James Alexander — When asked to contribute a column to this journal, I reminded the editor that I‘m not American (I have Canadian and Swiss citizenship). However, since Canada and the US share the longest undefended border in the world – at least at the time of my writing these lines – the economic and social life of Canada have always been heavily influenced by its powerful neighbour to the south. In this regard, I was impressed by recent statements from Canada‘s Prime Minister, Justin Trudeau, defending the open and humanitarian values on which Canadian society is based and until recently, the US was always proud to proclaim as well. So, as a Canadian who studied in Santa Barbara, Chicago and New York I‘ll add a few thoughts here, albeit from a Swiss perspective!

In the short time since Donald J. Trump took office (I am relieved to learn that the «J» stands for John, and not James), the world has lost no time in responding, for the most part critically, to his actions as President. As shocking as his election is to me personally, he nevertheless was elected democratically: what I find more disturbing is to consider why America chose him, and to ask in what direction our society as a whole is heading. After all, one doesn‘t need to look very far from home: why did no-one predict Brexit, and why was a beautiful young British politician, wife and mother murdered for her belief in a tolerant and integrated society? What is happening in Hungary, and what will happen in Holland and France? Politics aside, these European countries also share a rich culture and long tradition of «classical» music. To take a horribly cynical view, one could argue that there is little to fear from the effects of a Trump presidency upon musical life, since I assume that the names of many important performers and composers are probably unknown to him: unlike Mexicans or Muslims, how can he block or ban people he‘s never heard of?

If we continue in this light, what, if anything, can artists/musicians do in the current political climate, and what should we as a community be saying to the societies in which we live and work? To stand in front of the American embassy in Berne or even the White House in Washington with angry posters probably wouldn‘t attract much attention, even if one is a star: look at Trump‘s sad denouncement of Meryl Streep, one of the greatest actresses of our time. Many of us teach, as well as perform, and to teach music is in my opinion directly related to teaching human values. To excel as a chamber musician, it is essential to learn to listen to your partners, respect other points of view, and to speak with a unified voice. Without this, the result is empty noise – as in politics. The qualities that make a great work of art or a strong society are universal. Listening recently to a moving performance of Bach reminded me that sooner or later (and I suspect the former) Trump will be gone, but Bach is here to stay.

Wenn Trump singt geht die Welt nicht unter

Ranko Marković — Nun hat es Donald Trump also auch noch in die Schweizer Musikzeitung geschafft… Während auf nmz-Online allein seit Jahresbeginn bereits 14 Trump-erwähnende Artikel erschienen sind, haben wir uns an der ZHdK dazu bisher wenig Gedanken gemacht. Wie sollte denn Trump die Musik betreffen wenn es bisher überhaupt keine Hinweise darauf gibt, dass er selbst von der Musik betroffen sein könnte? Nirgendwo ist bislang erwähnt worden, dass der 45. US-Präsident Saxophon, Klavier oder Gitarre gespielt, im Chor Beethovens Neunte oder bei einem Betriebsausflug Karaoke gesungen hätte. Seine Sprache ist vulgär, seine Diktion abgehackt, seine Stimme heiser – Trump klingt schlecht, und als Ursache dafür – das weiss jede gute Pädagogin und auch jeder gute Pädagoge – kommt nur das Fehlen von qualifiziertem Musikunterricht im Rahmen seiner Bildung in Frage.

Es ist also kein Wunder, dass Donald the president unter Musikerinnen, Musikern, Schauspielerinnen und auch Schauspielern ein ausgesprochen schlechtes Image hat: Elton John lehnte es ab, bei Trumps Vereidigungszeremonie zu singen, DJ Moby ist für den Wirtschaftstycoon und Hobbypolitiker nicht buchbar und Robert de Niro möchte ihm «in die Fresse hauen». Noch bis Ende April läuft unter ourfirst100days.us eine musikalische Kampagne, im Zuge derer engagierte Sängerinnen und Sänger täglich einen neuen Anti-Trump-Song lancieren. Den Reigen eröffnete Angel Osten, gefolgt von Mitski und anderen, der alternativen Szene angehörenden Künstlerinnen und Künstlern. Nicht zu vergessen Meryl Streep, die anlässlich der Golden Globe-Verleihung ebenso sensible wie artikulierte Worte fand, um Trumps menschenverachtendes Gehabe zu kritisieren. Ohne den Mann persönlich getestet zu haben berufe ich mich auf meine langjährige musikpädagogische Erfahrung und behaupte, dass Donald Trump unmusikalisch ist. Den Beweis für diese Behauptung leite ich last but not least aus der Anwendung eines von Johann Gottfried Seume 1804 gedichteten Verses ab, der da lautet:

Wo man singet, lass dich ruhig nieder,

Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;

Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;

Bösewichter haben keine Lieder.

Quod erat demonstrandum.

Nun hat es der Bösewicht Trump also nicht nur ins Weisse Haus, sondern sogar bis in die Schweizer Musikzeitung geschafft. In Wien würde man dazu sagen: «Die Welt steht nimmer lang…». Das ist aber alles halb so schlimm: Ein gelernter Österreicher (wie auch die Österreicherin) weiss, dass Weltuntergänge vorübergehende Zeiterscheinungen sind. Bis man sich an der ZHdK auf eine umfassend begründete Position zu Trump verständigt hat und bis sich auch die klassischen Musikerinnen und Musiker ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst geworden sind, ist der Mann vielleicht gar nicht mehr Präsident. Oder er hat singen gelernt. Mein Repertoirevorschlag für seine Verabschiedung wäre jedenfalls ein altes Wienerlied, das vermutlich 1679 vom Bänkelsänger, Sackpfeifer und Stegreifdichter Markus Augustin komponiert wurde:

O, du lieber Augustin, Augustin, Augustin,

O, du lieber Augustin, alles ist hin.

Note

1. Aus Daniel Shitomirski: «Über Nikolai Medtner und seine Musik», in: Einführung in die Klaviermusik von Nikolai Medtner. Berlin, Verlag Ernst Kuhn, S.8.

Sara Horvath

… ist Studierende an der Hochschule der Künste Bern mit Hauptfach Klavier Klassik bei Tomasz Herbut sowie Collaborative Piano bei James Alexander.

James Alexander

… ist Dozent für Kammermusik an der Haute Ecole de Musique de Genève.

Ranko Marković

… ist seit 2014 Studiengangsleiter BA Klassik und Head International Relations Musik an der ZHdK.

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