Eigene kreative Projekte auf die Beine stellen!

Woher kommt die zunehmende Lust von Musikstudierenden auf Neues, auf Eigenes und auf Interdisziplinäres?

Pavel Stöckmann versuchte in seinem Bachelor-Projekt die Frage zu beantworten, «warum es den Menschen in der Kunst braucht und was ihn ausmacht und weshalb er nicht ersetzt werden kann durch KI.»

Wie neues Publikum für die existentielle Dimension der klassischen Musik begeistert
werden kann, fragte sich Alla Belova in ihrem Masterrezital. «Viele Leute gehen für ein Retreat nach Indien, weil sie denken, dass dies der mentalen Gesundheit hilft. Aber sie wissen einfach nicht, dass sie vor der Haustür ins KKL gehen könnten, um eine vergleichbare Erfahrung zu machen.»

Beide Studierenden der Hochschule Luzern – Musik scheuten keinen Aufwand, um ihre Fragen künstlerisch zu adressieren: Pavel Stöckmann durch umfangreiche Eigenkompositionen, den Einbezug verschiedener Kunst- und Medien-
formen und die Zusammenarbeit mit mehreren Dutzend Musikerinnen und Künstlern, Alla Belova durch musikalische Erforschung der Zeitempfindung in unterschiedlichsten Werken für fünf verschiedene Tasteninstrumente aus mehreren Jahrhunderten – und ihr Rezital war verbunden mit einem mehrmonatigen Vermittlungsprojekt mit Vorträgen, Workshops, Chatgruppen und Kurzvideos auf Social Media, und Publikums-
fragebogen. 

Die Pandemie als Faktor?

Es wird hin und wieder diskutiert, ob die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen der Musikbranche auch künstlerisch-kreative Entwicklungen angestossen hätten. «Viel schneller, als man es sich je vorstellen konnte, sind die Fragen aus dieser Zeit weit weg», ist die Einschätzung von Institutsleiter Michael Arbenz. Andere Faktoren seien für die Entwicklungen weit be-deutender, beispielsweise die mittlerweile allgegenwärtige Verfügbarkeit von Tools, mit denen einfacher als je zuvor auf professionellem Niveau künstlerische Konzepte am Computer bearbeitet und umgesetzt werden könnten.

In langer Frist – der Faktor Curriculum

Während vier Jahrzehnten zeichnete Peter Baur in verschiedenen Funktionen für die Ausbildung junger Musikerinnen und Musiker verantwortlich. In dieser Zeitspanne haben sich nicht nur das Berufsfeld und die Studierenden verändert. Baur weist darauf hin, dass auch die heutigen Prüfungsformate viel mehr Individualisierung erlauben, ja fördern: «Diese Möglichkeiten gab es vor Einführung der Bachelor- und Masterstudien gar noch nicht. Die wesentliche Leistung im heutigen Bachelorprojekt ist die eigenständige Idee, die künstlerisch und organisatorisch umgesetzt und anschliessend reflektiert wird. Ohne inhaltliche Vorgaben.» 

Studienkoordinator Erik Borgir sieht einen grossen Mehrwert in Experimentalformaten, die direkt und kontinuierlich im Studium integriert sind: «Im Fokus der Studiengänge stehen Aufführungserfahrungen. Du kannst üben, soviel du willst, ohne Aufführung weiss du nicht, wo du stehst. Ob eine Idee aufgeht, zeigt sich erst in der Interaktion mit der Bühnensituation, mit dem Publikum – alles andere ist graue Theorie.»

Faktor Infrastruktur

2020 zog die Hochschule Luzern – Musik in ein neues Gebäude mit vielen Experimentier- und Aufführungsorten, damit Ideen nicht graue Theorie bleiben. «Wenn du die Möglichkeiten und die Räumlichkeiten direkt vor dir hast, ist das anregend. In einem Raum Dinge konkret ausprobieren zu können, ist auch für den Entwicklungsprozess zentral. Das war an den früheren Standorten nicht möglich. Die neue Umgebung hat die Lust am Kreieren sehr gefördert», stellt Sascha Armbruster als Dozent und Studienkoordinator fest. Allerdings bringen neue Projekte auch neue Anforderungen mit sich, wie Cornelia Dillier als Leiterin Veranstaltungen/Technik weiss: «Heute braucht es eine Crew drumherum, die begleitet und berät… Es braucht andere Formen von Support.»

Faktor Mensch und mehr

Raum, Technik und Support genügen natürlich nicht. Kreative Projekte hängen von einzelnen Menschen und ihren Fragen ab. Aber die heutigen Formate kreativer Projekte konkretisieren sich oft in Zusammenarbeitsstrukturen, wie auch die hohe Bedeutung der Interaktion in den Abschlussprojekten von Pavel Stöckmann und Alla Belova zeigt. «Je mehr die Studierenden mitbekommen, dass es diese Möglichkeiten gibt, und je mehr sie in einer Umgebung der Kreativität und Kreation sind, desto mehr Interesse haben sie, auch so etwas zu machen», stellt Erik Borgir fest. Und die Umgebung der Studierenden reiche über die Hochschulen hinaus: «Die Schweiz hat eine fantastische Landschaft für diese Art von Arbeit. Es gibt viele kleine Orte, an denen solche Aufführungen möglich sind. Es gibt gute Förderstrukturen. Es gibt eingeschworene Gemeinschaften, die sich dafür interessieren und sich treffen. Und alles liegt geografisch nahe beieinander, sodass man sich schnell gegenseitig kennenlernt.»

Zusammengestellt durch:
Valentin Gloor, Direktor Hochschule Luzern – Musik

Das könnte Sie auch interessieren