Immer mehr erwachsene Musikschüler:innen

Die Zahlen zeigen es deutlich: die Anzahl erwachsener Musikschüler:innen steigt stetig an. Betrug ihr Anteil vor fünf Jahren noch fünf Prozent, sind es heute bereits acht Prozent, Studierende nicht eingerechnet. Entsprechend passen viele Musikschulen ihr Angebot an. Mit flexiblen Abos, Gruppenunterricht und Ensembles holen sie Erwachsene auf zeitgemässe Weise ab.

Volksmusik-Ensemble für Erwachsene an der Musikschule Zollikofen-Bremgarten (Bilder: Anicia Kohler)

«Er fordert uns ziemlich heraus», sagt eine ambitionierte Hackbrettspielerin mit einem Lachen. Die Rede ist von Nayan Stalder, Musikpädagoge an verschiedenen Musikschulen, der heute, an einem Dienstag Vormittag, das Volksmusik-Ensemble «Urchrut» der Musikschule Zollikofen-Bremgarten für Erwachsene leitet. «Mein Ziel ist es, dass die Teilnehmenden immer spontaner miteinander spielen können, so wie es in der Volksmusik üblich ist», sagt dieser dazu. Die kleine Gruppe Erwachsener am Hackbrett, am Cello, an der Klarinette und am Mikrophon stimmt sich auf den Morgen ein, schaut die Noten durch, hat offensichtlich Spass miteinander. «Ich komme immer gern», sagt eine Teilnehmerin. «Es ist eine super Gelegenheit, mit einer Gruppe Musik zu machen. Selbst wenn ich manchmal frustriert bin, wenn es nicht so geht, wie möchte. Aber das hat hier Platz.» – «Ich bin so happy, dass ich mit anderen zusammenspielen kann“, bestätigt eine andere. «Ich habe viel mehr Motivation als früher als Kind und übe jeden Tag.»

«Der Unterricht für Erwachsene ist ein sehr wichtiges Angebot», sagt Schulleiterin Eva Wartenweiler, «Man kann in jedem Alter Musik machen oder ein Instrument lernen.» Eine Herausforderung für die Musikschulen sei die Tatsache, dass der Unterricht anders als bei Kindern und Jugendlichen nicht subventioniert sei. Es gelte deshalb, kreativ zu werden. Zusätzlich zum regulären Einzelunterricht einmal pro Woche gibt es deshalb in Bremgarten viele Gruppenangebote und Abonnemente – und eigene Konzerte für erwachsene Schüler:innen. Die nationale Tendenz zeigt sich auch hier – bereits sind rund ein Achtel der Schüler:innen Erwachsene, und die Zahlen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. «Wir als Musikschule möchten Menschen zusammenbringen, das steht in unserem Leitbild“, sagt Eva Wartenweiler. «Musik hat eine unglaubliche Kraft, Menschen zu verbinden – es wäre wahnsinnig schade, wenn wir sagen würde, das gilt ab zwanzig Jahren nicht mehr.» Auch die Musikpädagog:innen an der Schule unterrichten Erwachsene gern und bringen immer wieder neue Ideen ein.

Erwachsene im Kurs MusikTheaterBox an der Musikschule Kanton Schaffhausen (Bild: zvg)

An der Musikschule Kanton Schaffhausen können sich Erwachsene im Angebot «Musik TheaterBox» interdisziplinär weiterbilden. Alle zwei Wochen treffen sie sich abends während 80 Minuten zu einem Ensemblekurs, der Musik, Sprache und Bewegung zusammenbringt. Kristina Ericson, ausgebildete Klavier- und Theaterpädagogin, brachte die Idee dafür zur Schulleitung und stiess auf offene Ohren. Sie unterrichtet sowohl am Klavier als auch im Fach Musik Theater Box viele Erwachsene und stellt eindeutige Unterschiede zum Unterricht mit Kindern fest: «Gewisse Prozesse laufen bei Erwachsenen viel schneller – alles, was das Intellektuelle betrifft. Dafür brauchen sie auf der physischen Ebene für gewisse Prozesse mehr Zeit.» Grundsätzlich seien erwachsene Schüler:innen sehr motiviert, möchten vorwärtskommen und kämen oft auch mit konkreten Themen und Fragen in den Unterricht. «Erwachsene kommen direkt aus dem Alltag», ergänzt sie. «Man muss wie bei Kindern auch feinfühlig sein und improvisieren können. Manchmal braucht jemand etwas anderes, als man vorbereitet hat, weil sie gerade viel Stress haben. Und manchmal muss jemand auch einfach ein wenig Ballast abwerfen.»

Das Angebot Musik Theater Box besuchen vor allem Erwachsene zwischen 35 bis 60 Jahren. Manche hätten bereits Erfahrung, andere sagten, es täte ihnen gut, hinzustehen und sich zu zeigen, sie möchten sich überwinden und fordern. Ziel ist fast immer eine gemeinsame Aufführung des Erarbeiteten. So zeige sich, welche grossen Fortschritte die Beteiligten im vergangenen Semester gemacht hätten.

«Es ist nie zu spät, ein Instrument zu lernen», betont Robert Zimmermann, Musikpädagoge an der Allgemeinen Musikschule Oberwallis, mit Nachdruck. Er unterrichtet seit mehreren Jahren in Visperterminen eine Bläserklasse für Erwachsene, die auf Anhieb zwölf Teilnehmende hatte – heute sind es bereits achtzehn. Das Konzept ist einfach: Die Teilnehmenden brauchen keinerlei Vorwissen. Sie wählen ein Blasinstrument aus, das ihnen gefällt, setzen sich in der Bläserklasse zusammen, spielen gemeinsam den ersten Ton und lernen das Instrument dann im Register und im ganzen Ensemble immer besser spielen. Geprobt wird einmal pro Woche. Wer später in eine Blasmusikgesellschaft wechseln möchte, belegt parallel dazu noch Einzelunterricht, aber das sei nicht unbedingt das Ziel, sagt Robert Zimmermann: «Es geht darum, zusammen Musik zu machen, und pro Jahr ein oder zwei Konzerte zu spielen.» Musik tue Erwachsenen sehr gut. «Dafür gibt es so viele Gründe: Sie ist gut fürs Hirn, für die Feinmotorik, für die Psyche. Es ist wichtig, auch als erwachsener Mensch etwas Neues zu lernen. Das ist etwas vom Besten, was man tun kann.»

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