Wann kann mein Kind mit Musikunterricht starten?
Lange galt eine einfache Faustregel: Mit dem Einzelunterricht auf einem Instrument beginnt man frühestens in der dritten Klasse. Eine Annahme, die überholt ist, wie Gespräche mit Lehrpersonen und Musikschulleitungen zeigen. Von neuen Angeboten und angepassten Instrumenten.
Die grosse Mehrheit der Schüler:innen an Schweizer Musikschulen sind im Volksschulalter. Die Kinder suchen sich an Schnuppertagen oder Informationsveranstaltungen in Kooperation mit den Volksschule ein Instrument aus und belegen mehrere Jahre Einzelunterricht. Viele spielen zusätzlich in Ensembles, sie üben im Chor, im Orchester oder in der Band das Zusammenspiel und stehen gemeinsam auf die Bühne. Das Instrument begleitet sie durch ihre Kinder- und Jugendzeit und sorgt für prägende Erfahrungen. Wann ist denn der optimale Zeitpunkt, um an der Musikschule anzufangen?
„Im Grunde gibt es dafür kein Alter, denn das Gehör bildet sich schon beim Embryo“, sagt Philippe Régana, Direktor des Conservatoire populaire in Genf, wo werdende Eltern Kurse im pränatalen Singen besuchen können. Nebst den Angeboten wie dem „Eltern-Kind-Singen“ und Fächern wie „Musik und Bewegung“, französisch „initiation musicale“ und „éveil musical“, beobachtet er hinsichtlich Start des Musikunterrichts einen starken Wandel. „Immer mehr 5-6jährige möchten ein Instrument lernen – was ihnen durch speziell angepasste Instrumente auch ermöglicht wird“, sagt er. Aufgrund der motorischen und sozialen Entwicklung eines Kindes lag es früher auf der Hand, mit bestimmten Instrumenten erst mit etwa acht oder neun Jahren zu starten. Heute ermöglichen viele Musikschulen und spezifisch ausgebildete Musikpädagog:innen bereits Kindergartenkindern einen spielerischen Unterricht auf dem gewünschten Lieblingsinstrument.

Die Tigerklarinette erleichtert den frühen Einstieg (Bild: Daniela Engel)
Die Tigerklarinette als Einstiegsinstrument
Das bestätigt auch Daniela Engel, die an der Musikschule Uster den Unterricht auf der sogenannten Tigerklarinette eingeführt hat. „Die Abstände auf der Klarinette sind für ein fünfjähriges Kind noch zu weit“, sagt sie, „Auf der Tigerklarinette, die über ein Klarinettenmundstück verfügt, aber nur drei Klappen hat, geht das aber problemlos.“ Der Unterricht findet in kleinen Gruppen mit Begleitung der Eltern statt. „Es geht darum, die Kinder früh abzuholen und sie musikalisch zu begleiten“, so Daniela Engel, „Der Unterricht wird ganzheitlicher gestaltet, es geht um die Musik und nicht nur um das Instrument.“
Suzuki-Unterricht: früh Geige spielen lernen
Früher Unterricht auf der Geige nach der Suzuki-Methode, ist bereits länger bekannt.
Doris Estermann bietet sie an den Musikschulen Stans und Alpnach an. Beim Einstieg bekommen die Schüler:innen am Anfang eine Kartongeige, mit der sie sich ans Instrument gewöhnen und die Bogenhaltung üben können, ohne dass die Eltern befürchten müssen, dass ein wertvolles Instrument kaputt gehen könnte. Der Umstieg auf eine „echte“ Geige ist dann umso mehr ein schönes Ereignis und ein Beweis für das Kind, wieviel es bereits gelernt hat.
Wie halte ich eine Geige? Üben mit der Kartongeige (Bild: Doris Estermann)
Gruppenunterricht als Community
Grundidee der Suzuki-Methode ist das frühe Zusammenspiel – die Kinder belegen wöchentlich je eine Lektion Einzel- und Gruppenunterricht und dürfen schon früh ins Anfängerorchester einsteigen. Dieses Konzept wird an der Musikschule Stans im ganzen Schulalter weitergezogen, so dass sich Musikschüler:innen untereinander gut kennen, sich Freundschaften entwickeln und auch ein enger Kontakt mit den Eltern gepflegt werden kann. Dieser ist umso wichtiger, je jünger die Kinder sind – gerade im Frühunterricht ist die Anwesenheit der Eltern erwünscht. „Ich sage immer: Die Eltern sind meine Assistenten“, meint Doris Estermann. Ohne Begleitung der Eltern gehe es nicht. Es sei wichtig, ein gutes Umfeld zu schaffen, das Instrument in den Tagesablauf einzubauen, und es wertzuschätzen, wenn das Kind spiele.
Das Kind im Eintrittsgespräch kennenlernen
An einigen Musikschulen ist es üblich, dass künftige Schüler:innen und ihre Eltern zu einem Eintrittsgespräch eingeladen werden, so auch am Konservatorium Bern. Eine Praxis, die es erlaubt, das Kind kennen zu lernen, zu erfassen, wo es steht, und es auf seinem musikalischen Weg zu unterstützen. „Jedes Kind ist anders“, sagt Saara Vainio, Mitglied der Schulleitung, „Im Eintrittsgespräch finden wir heraus, ob der Einzelunterricht im Moment schon passend ist oder ob es vielleicht noch ein bisschen Zeit braucht – und wir können es zu einer Lehrperson einteilen, die das Kind gut betreuen könnte.“ Entscheidend ist nicht ein bestimmtes Alter, sondern der individuelle Stand und auch Wunsch des Kindes.
Vor- und Nachteile
Wenn Musikschüler:innen früher mit dem Instrument beginnen, heisst das dann auch, dass sie früher wieder aufhören? Hier gehen die Meinungen auseinander. Philippe Régana aus Genf sieht eine mögliche Gefahr darin, dass Kinder nach vier, fünf Jahren das Instrument beiseite legen und ein anderes Hobby verfolgen. Doris Estermann sieht es umgekehrt: „Die, die früh anfangen, hören weniger schnell auf, weil das Instrument schon früh Teil des Alltags wird und zum Leben dazugehört.“ Einig sind sich beide, dass die Pubertät eine kritische Phase ist, in der viele Musikschüler:innen mit dem Unterricht aufhören. Philippe Régana betont, wie wichtig es sei, in diesem Alter Druck herauszunehmen. „Die Lehrpersonen dürfen akzeptieren, dass Schüler:innen ein paar Jahre lang nicht viel machen auf dem Instrument, und darauf achten, dass der Kontakt und die Freude am Instrument bestehen bleibt.“ Auch Saara Vainio betont, wie zentral in dieser Phase die Beziehung sei. „Da ist die Lehrperson wichtig, die sagt: Ich verstehe deine Situation, ich begleite dich da durch“, so Saara. „Oft ist es einfach der Stress, der sie vom Üben abhält, und gar nicht das fehlende Interesse.“
Freude an der Musik
Am Ende, betont Philippe Régana, sei das Alter ohnehin zweitrangig: „Es zählt nicht, ob man Musik macht – sondern wie. Mit einem strengen Kurs, der nicht aufs Kind zugeschnitten ist, funktioniert es nicht, egal ob mit vier, fünf, sechs oder sieben Jahren.“ Oder, wie Doris Estermann aus Sarnen sagt: „Wenn du Musik liebst und das Feuer entzünden kannst, bewirkt das schon sehr viel.“

