Glück – ein Momentum, das man packen muss
Eine Kolumne von Michael Kaufmann

Wie die meisten anderen Berufe auch ist der Musikberuf nicht immer von Glück begleitet. Viele von uns haben nicht das Glück – oder ist es jeweils nur eine zufällige Fügung? –, mit ihrem Schaffen in der Konsumgesellschaft anzukommen, Wirkung zu entfalten, Erfolg zu haben oder wohlhabend zu werden. Dieses Glück in der Musikwelt ist denn auch meist kurzlebig. Nachhaltig rezipiert werden im Vergleich zum gewaltigen Output der Musikschaffenden als Komponierende, Songschreibende, Interpretierende und Bühnenkünstler*innen letztlich nur ganz wenige Werke sein, und auch die klingendsten Namen von «Stars» verblassen spätestens innerhalb einer Generation.
Klar ist die Formel «Glück = Erfolg» eher schief und ganz sicher keine ausreichende Definition von Glück. Glück für Musikschaffende könnte auch sein, das zu finden, was man als Künstler*in sucht: das Finden einer eigenständigen und gültigen Aussage, die Gewissheit, dass das, was man wollte, im Kunstwerk erfüllt ist. Damit einhergeht sicher auch die Genugtuung darüber, dass sowohl Aufführende als auch ein (vielleicht kleines) Publikum diese Sprache verstehen, sich davon inspirieren und anregen lassen. Es ist schon etwas wie ein Glücksgefühl, verstanden zu werden – und wenn davon einiges weitergetragen wird.
«Glück könnte aber auch sein, dass die Musikberufe gesellschaftliche Bedeutung und Anerkennung haben.»
Dass alle, die Musikkunst machen, eine gemeinsame «Hefe» sind, um im «Teig» der Gesellschaft Bewegung, (Nach-)Denken, Freude und Menschlichkeit auszulösen. Dabei spielt in dieser Hinsicht der einzelne Musiker oder die einzelne Musikerin gar nicht so eine Rolle. Bei dieser Art von Glück geht es lediglich um das gesellschaftliche Verständnis dafür, dass alle Kulturschaffenden unabhängig von ihrem Status und ihrem Ruf als wichtig erachtet werden, weil jeder und jede von ihnen mit ihrem Werk einen kleineren oder grösseren Beitrag leisten. Der Bekanntheitsgrad oder das künstlerische Renommee spielen dabei keine Rolle.
So weit sind wir hierzulande noch lange nicht. Erst mit der Pandemie von 2020–2022 hat in der Schweiz erstmals ein gesellschaftlicher und politischer Diskurs darüber begonnen, dass künstlerische Berufe – mehr denn je – systemrelevant sind, Anerkennung verdienen und nicht zuletzt auch einen ökonomischen Wert haben. Das damals deutlich sichtbar gewordene Prekariat vieler Musikschaffender war für die breitere Öffentlichkeit ein Schock. Dies hat sich in ersten gesetzlichen Grundlagen der Arbeits- und Sozialrechte niedergeschlagen, aber auch in der sich seither zuspitzenden Kulturpolitik von Bund, Kantonen und Kommunen. Man spricht heutzutage über die Musikberufe, man debattiert über gerechte Honorare und Sozialleistungen. Das hat die bundesrätliche Kulturbotschaft 2025–2028 deutlich festgehalten. Viele Kantone und Städte haben, darauf gestützt, ihre Förderpolitik neu ausgerichtet – und teilweise verstärkt.
Mit der Anwendung digitaler Technologien bei der Produktion von Musik sowie deren kapitalistischer Massenvermarktung durch global tätige Medien- und Musikkonzerne werden aktuell im Schweizer Bundeshaus Fragen wie Urheberrechte, Lizenzen für kreative Kunst, der erweiterte Schutz der Urheber*innen sowie die Abgeltung für die Verbreitung oder Aneignung von Musik zu wichtigen Themen. All diese Anzeichen für eine wertschätzendere Anerkennung der Musikberufe stehen erst am Anfang. Real hat sich für die Musikschaffenden seither noch nicht wirklich etwas verbessert.
Damit sich dies substanziell verändert, bedarf es eines Treibers. Und das sind die Kulturdachverbände. Für die freien Musikschaffenden ist dies selbstredend SONART. Wenn der Komponist, Musikdenker und Publizist Hans Zender [1] von einem «politischen Akt» im Zusammenhang mit «der Arbeit an autonomer Kunst» gesprochen hat, meinte er genau das:
«Das Kunstwerk, die Musik per se, muss nicht offensichtlich politisch sein. Aber ihr Hintergrund, ihre Produktionsbedingungen, ihre Verwertung und ihre wirtschaftlichen und sozialen Abgeltungen haben sehr viel mit Politik zu tun.»
Glück kann man nicht erzwingen. Aber das aktive und öffentliche Vorantreiben gerechter Honorare, einer vielfältigen und kontinuierlich ausgebauten Kulturpolitik, der sozialen Absicherung im Arbeitsleben und im «Ruhestand» sowie deutliche Antworten auf die Herausforderungen der digitalen Welt sind der unverrückbare Fokus von SONART. Ich bin zuversichtlich, dass SONART das packt: So können Glücksmomente entstehen.
«Die Arbeit an der autonomen Kunst selber ist ein politischer Akt» [Hans Zender]
Note
1. Hans Zender (1936-2019), Zitat aus dem Essay «Kulturpolitik» in «Waches Hören», Hanser Verlag, 2014
