Amerika-Schwerpunkt beim Lucerne Festival

Sebastian Nordmann hat sein erstes Sommerprogramm vorgestellt. Das Festival will relevanter werden, das brisante Thema aber rein musikalisch verstanden wissen.

Sebastian Nordmann. Foto: Marco Borggreve

Dass Sebastian Nordmann beim Lucerne Festival auf Michael Haefliger folgen würde, war schon zweieinhalb Jahre lang bekannt. Mit dem 1. Januar 2026 hat nun der frühere Leiter des Konzerthauses Berlin offiziell das Amt des Intendanten übernommen und anlässlich der Programmvorstellung zur Medienkonferenz ins KKL eingeladen. Inhaltlich hatte sein Vorgänger zwar nichts mehr geplant, doch der Stiftungsrat hatte zwei klare Vorgaben gesetzt: Das Lucerne Festival Orchestra und die Lucerne Festival Academy sollten fortgeführt werden. Neben der Sicherung der künstlerischen Exzellenz erwartet man von Nordmann vor allem eine stärkere Relevanz des Festivals. Das betonte Stiftungsratspräsident Markus Hongler in seiner Begrüssung.

Dreams ohne Alpträume

Das Musikfestival soll also noch stärker in die Gesellschaft ausstrahlen. Vor diesem Hintergrund überraschte, wie zurückhaltend sich Sebastian Nordmann zum diesjährigen Thema «American Dreams» äusserte – gerade angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in den USA. Auf der Medienkonferenz blieb der neue Intendant bewusst bei der Musik. Das Motto habe sich vor zwei Jahren in einem Gespräch mit Riccardo Chailly, dem Chefdirigenten des Lucerne Festival Orchestra, herauskristallisiert, der sich einen amerikanischen Schwerpunkt gewünscht habe. So erklingen beim Eröffnungskonzert am 14. August neben Charles Ives‘ 1. Sinfonie auch George Gershwins Concerto in F für Klavier (Solist: Frank Dupree) und Orchester. Ergänzt wird das Programm durch Gershwins Cuban Overture und Steve Reichs New York Counterpoint für elf Klarinetten. Doch kann man das positiv konnotierte «American Dreams» so unkommentiert stehen lassen, während viele Amerikanerinnen und Amerikaner derzeit massive staatliche Gewalt als Alptraum erleben? «Parteipolitisch oder wirtschaftspolitisch möchten wir keine Stellung nehmen», antwortet Nordmann im persönlichen Gespräch. «Uns sind die amerikanischen Träume wichtig, die sich beispielsweise in der Musik von George Gershwin oder in der Minimal Music von Steve Reich und John Adams zeigten.» Eingeladen seien die Künstlerinnen und Künstler wegen ihrer Kunst – von Yo-Yo Ma und Hilary Hahn bis zur Poetin Amanda Gorman.

Die Musik soll für sich sprechen

Ein Forum für Parteipolitik wolle er nicht bieten, sondern im Austausch bleiben und Brücken schlagen. Dabei steht das Festival laut Nordmann für demokratische und humanistische Werte. Doch wie lässt sich dieser Anspruch ohne klare politische Positionierung einlösen, wo es in den USA doch kaum mehr um Parteipolitik, sondern ganz grundsätzlich um die Gefährdung der Demokratie geht? Nordmann antwortet: «Ich glaube, es wäre falsch, wenn Kulturinstitutionen sagen, was parteipolitisch richtig oder falsch ist. Wir wollen für etwas sein und nicht gegen etwas. Wer sich für Hass und Gewalt ausspricht, wird bei uns nicht auftreten. Wir möchten hier die Orchester und Künstlerinnen und Künstler aus den USA unterstützen. Und ihnen zeigen, dass wir sie hören und sehen», meint Nordmann. Die amerikanische Musik soll also für sich stehen – und davon gibt es im Sommer reichlich, von John Adams bis Frank Zappa, von Leonard Bernstein bis Aron Copeland. Artist-in-Residence ist der in den USA lebende Augustin Hadelich, der mit vier verschiedenen Programmen auftritt, darunter den Violinkonzerten von Samuel Barber und Ludwig van Beethoven sowie einer Fiddle Night. Anne-Sophie Mutter, deren Karriere im Alter von 13 Jahren bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern begann, feiert ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum unter anderem mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und Pendereckis 2. Violinkonzert, hat aber mit dem 2. Violinkonzert von André Previn auch Amerikanisches im Programm.

Anknüpfungen und Neuerungen

Bereits im vergangenen Sommer wurde Jörg Widmann in der Nachfolge des verstorbenen Wolfgang Rihm als Leiter der Lucerne Festival Academy vorgestellt. Mit seinem Dirigat von Wolfgang Rihms «monströsem» (O-Ton Widmann) Orchesterwerk Tutuguri wird ein Bogen zum Vorgänger geschlagen. Ganz anders klingt die zerbrechliche Musik des Composers-in-Residence Mark Andre, von der Widmann in höchsten Tönen schwärmt. Neuerungen gibt es beim 20 Sinfonieorchester und 120 Veranstaltungen präsentierenden Lucerne Festival vor allem im Bereich der Vermittlung. Beim aus Berlin mitgebrachten Format «Mittendrin» nimmt man im Orchester Platz, unter dem Motto «Luege Lose Erläbe» erhält ein Kind oder Jugendlicher bei jedem Konzert ein Begleitticket für 10 Franken. Zwei kostenlose Eröffnungsveranstaltungen im KKL und open air auf dem Europaplatz sollen Lust auf das Festival machen, das zwei Tage kürzer ist als im Vorjahr. Mit «Orchestrating the moment» hat man sich einen emotionalen Claim überlegt. Ob der ausreicht für eine grössere Relevanz?

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