Ein Festival wird umgebaut
Auf einer Medienkonferenz in Locarno wurde Ende Januar das neue Musikfestival von Ascona der Öffentlichkeit vorgestellt. Kein Stein bleibt auf dem anderen.

Die traditionsreichen Settimane musicali di Ascona sind Geschichte. Das 1946 gegründete, neben dem Lucerne Festival (1938) und der Musikwoche Braunwald (1936) älteste Klassikfestival der Schweiz ist im achtzigsten Jahr seines Bestehens radikal umgebaut worden und heisst jetzt classicAscona. Realisiert wurde der Transformationsprozess vom neuen Intendanten, dem Kulturmanager Christoph Müller, in Zusammenarbeit mit den lokalen Verantwortlichen. Mit dem Sindaco Giorgio Gilardi auf dem Podium und einem Grossteil der Gemeindevertreter im Saal waren sie bei der Medienkonferenz prominent vertreten. Ein deutlicher Hinweis darauf, welchen Stellenwert man in Ascona dem Festival künftig beimisst. Es soll zu einem Wirtschaftsfaktor der Region werden, und das heisst: den Kulturtourismus fördern und vermehrt zahlungskräftiges Publikum an den Lago Maggiore locken. Der Veranstaltungszeitraum von Mitte September bis Mitte Oktober liegt dafür günstig; die publikumsträchtigen Sommerfestivals sind zu Ende und der sonnige Tessiner Frühherbst tut das Seine dazu. Als malerische Veranstaltungsorte locken neben Ascona und Locarno auch die Brissago-Inseln, der Monte Verità sowie Kirchen in Ronco und im unteren Maggiatal.
Vom Künstlerfestival zum kulturellen Event
Die drastischen Neuerungen reichen vom neuen, etwas kühl wirkenden Firmenlogo über das Marketing und die Publikumsstrategie bis zur Programmstruktur. Aus dem 13 Jahre lang vom Pianisten Francesco Piemontesi geleiteten Künstlerfestival, bei dem der Intendant auch als Solist und Kammermusiker auftrat und eine illustre Schar von Gleichgesinnten um sich versammelte, wird damit ein kultureller Event, in dem wirtschaftliche Überlegungen und künstlerische Planung eng ineinandergreifen.
Der in Basel geborene Müller, als Cellist einst Mitglied des Kammerorchesters Basel, kann sich auf eine reiche Erfahrung als Veranstalter abstützen. Vor seiner Berufung nach Ascona leitete er 25 Jahre lang das Menuhin Festival in Gstaad, wo er – was in Ascona aufmerksam vermerkt wurde – die Zahl von jährlich 13 000 Besuchern auf rund 28 000 steigerte. Daneben gründete er den Lucerne Chamber Circle und zusammen mit Sol Gabetta in der Nordschweiz das Solsberg-Festival. Neuerdings ist er auch noch Intendant des Festivals Klosters Music. Ein musikalischer Multiunternehmer, der sein Geschäftsmodell, das er den lokalen Gegebenheiten durchaus anzupassen weiss, nun auch für Ascona fruchtbar machen will.
Medienpräsenz, Prominenz und Künstlerinnen in Residenz
Der Erfolg soll durch verbesserte Werbung – Müller spricht von 30 000 Mailadressen –, neue Programminhalte und eine Öffnung zu neuen Publikumsschichten gewährleistet werden. Und nicht zuletzt durch den Auftritt internationaler Prominenzen, wobei Müller auf seine jahrelang gewachsenen Künstlerkontakte zurückgreifen kann. Als kostbarste Trophäe kündigte er nun für Ascona Cecilia Bartoli an. Ihr Gastspiel in Glucks Orfeo ed Euridice, halbszenisch aufgeführt, mit den Musiciens du Prince aus Monaco ist mit Tickets für 95 bis 275 Franken allerdings nichts fürs normale Volk. Bei einem auf 1,7 Millionen Franken verdoppelten Budget bewegen sich die Eintrittspreise aber durchaus im Rahmen, auch bei den Konzerten der drei «artisti in residenza», der Sopranistin Julia Lezhneva, der Violinistin Vilde Frang und der Cellistin Sol Gabetta, die auch Meisterkurse geben. Etwas teurer wird es nur bei anreisenden Gastorchestern wie dem Kammerorchester Basel, der Camerata Salzburg oder der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.
Academies aller Arten
Ein neuer und wichtiger Bestandteil des Festivals sind die Ausbildungsprogramme: die classicAscona Academy, die Choral Academy mit dem Londoner Tenebrae Choir und die Baroque Academy mit dem Ensemble Il Pomodoro und dem Flötisten Maurice Steger. In den Schlusskonzerten kann sich der musikalische Nachwuchs präsentieren; sie stehen unter dem Titel «Next Generation» und sind kostenlos. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Conservatorio in Lugano und regionalen Schulen ist geplant. Mit all diesen Massnahmen soll das lokale Publikum auf die zahlenden Konzerte neugierig gemacht werden. Internationales Musikbusiness, Nachwuchsförderung und die Erschliessung neuer Besucherschichten: ein interessanter Mix. Im September wird man sehen, wie das zusammengeht.
