100 Jahre Caspar Diethelm
Der Innerschweizer Komponist Caspar Diethelm (1926–1997) hätte am 31. März seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Sein Werk ist bedeutend – doch droht es in Vergessenheit zu geraten. Daher setzen sich Musiker und Musikerinnen, die ihn noch persönlich gekannt und Werke mit ihm zusammen einstudiert und uraufgeführt haben, dafür ein, dass seine Musik wieder mehr Resonanz bekommt, sei es durch Aufführungen oder durch Aufnahmen. Insbesondere engagiert sich der Pianist Patrizio Mazzola für die Erinnerung an eine herausragende Künstlerpersönlichkeit und ihr Werk.

Der hundertste Geburtstag dieses bedeutenden Schweizer Komponisten soll Anlass sein, ihn hier zu würdigen und dazu beizutragen, dass das Andenken an ihn lebendig bleibt. Womöglich ist er jüngeren Menschen bereits nicht mehr bekannt, obwohl er die Schweizer Komponistenlandschaft würdig bereichert hat. Die Schweiz ist allgemein künstlerisch zu bescheiden und damit zu wenig stolz auf ihre Kunstschaffenden der Vergangenheit und Gegenwart im Vergleich zu manch anderen Nationen. Bevor hier auf Diethelms künstlerische Merkmale und Leistungen eingegangen wird, soll eine Auswahl einzelner äusserer Fixpunkte seines Lebens als Rahmen abgesteckt werden.
| Vita | |
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31. 3. 1926 |
geboren in Luzern |
| ab 1944 | Schüler an Konservatorium und Kirchenmusikschule Luzern Privatunterricht in Komposition bei Johann Baptist Hilber und Albert Jenny |
| 1946-50 | Dirigierunterricht bei Ernst Hans Beer, Luzern, und Alexander Krannhals, Basel |
| 1946-79 | Berufstätigkeit als Grundbuchverwalter, Steuerbeamter etc. in Sarnen, politische Aktivitäten dortselbst |
| 1948 – 1952 | Kurse bei Hindemith und Honegger, sowie Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen |
| ab 1958 | Dirigententätigkeit (Radio-Orchester Zürich, Einstudieren eigener Werke) |
| 1960 | Heirat mit Brigitte, geb. Ullrich, drei Töchter: Esther, Jutta, Irene |
| 1963-93 | Lehrer für Musikgeschichte, theoretische Fächer und Kammermusik am Konservatorium Luzern |
| 1969 | Kunstpreis des Kanton Obwalden |
| 1985 | Kunstpreis des Kanton Luzern |
| 1. 1. 1997 | gestorben in Luzern |
Kein «Nur-Musiker»
Ich durfte Caspar Diethelm 25 Jahre musikalisch und menschlich begleiten. Die anfängliche gegenseitige Unterschätzung unserer künstlerischen Fähigkeiten schlug bald einmal um in eine grosse Anerkennung füreinander. Anfängliche Skepsis wird ja fast ausschliesslich durch Nichtwissen und Unkenntnis genährt. Dies erinnert an den originellen Spruch in der Sarner Aula Cher, wo (wohl bis heute) gross geschrieben steht: «Mänge macht sich Gedanke aber dänkt nid derbiä.» Dieser markige Satz im originalen Obwaldner Dialekt hätte durchaus von Diethelm sein können (oder stammt er gar von ihm? – wer weiss …). Aussagen «parierte» er schlagfertig, und seine Werke versah er gerne mit passenden Titeln. So ist beispielsweise sein für mich geschriebenes Klavierkonzert mit Yggdrasil betitelt, was von seiner Lektüre der altnordischen Edda–Texte herrührt, die ihn immer wieder sehr beeindruckten. Das Wort ist altnordisch für «Weltenesche», gleichsam der Baum des Lebens (alles hängt mit allem zusammen). Andere Werktitel sind etwa Menhir, ein hochragender (bretonischer) Stein-Block, Das Rad des Lebens (nach einem buddhistischen Mandala), Mandala-Sinfonie, Maya (nach den Vier buddhistischen Wahrheiten). Aus diesen wenigen Beispielen wird bereits ersichtlich, welche Phänomene und Wissensgebiete Diethelm durch sein Leben begleitet haben. Auch die Philosophie (er las «alte Griechen» wie Platon oder Aristoteles im Original), die Biologie, Botanik, Pilzkunde (auf professionellem Niveau als kantonaler Pilzkontrolleur!) und seine Aktivitäten als Lokalpolitiker sind zu erwähnen, wobei ich mich hier auf ausgewählte Beispiele beschränke. Seine Bildung war also sehr vielseitig, gar umfassend, soweit das einem Menschen möglich ist. Er war somit kein «Nur-Musiker», hierin etwa Robert Schumann ähnlich.
Künstlerische Eigenständigkeit
Da ich Caspar Diethelm hier aber primär als Komponisten skizziere, sollen hier Charakteristika seines Stils erläutert werden: Stilistisch kommt er ursprünglich nach meinem Dafürhalten durchaus aus der Tradition der deutschen Romantik, was vielleicht überraschen mag. Seine Vorfahren stammen weiter zurück teilweise aus Deutschland. Diese deutsche Romantik, und zwar sowohl die «traditionelle» eines Brahms, Bruch oder Reger etwa, wie auch die «speziellen» Richtungen Bruckners und Mahlers, hat Diethelm in sein grosses umfangreiches Gesamtwerk einfliessen lassen. Er hat sie gleichsam in eine modernere Tonsprache des 20. Jahrhunderts transferiert. Darin ist er vergleichbar etwa mit Bartók, Strawinsky, Martin oder Honegger. Das alles ohne abhängiges Epigonentum, sondern mit grosser Eigenständigkeit. Dazu hat er ähnlich wie Debussy und Ravel gelegentlich einen Hang sowohl zu «Balkanismen» als auch zu fernöstlichen Einflüssen (auch aussermusikalisch).
Von Bruckner erzählte Diethelm diese Anekdote: Auf die Frage, ob er denn nun ein «Brahmsianer» oder «Wagnerianer» sei, habe Bruckner geantwortet: «Bin selber Aner (Einer)». Und zu Honegger bleibt mir ebenfalls etwas unvergesslich: Das Radio spontan einschaltend, ohne zu wissen, welches Werk gerade gespielt wird, dachte ich mir, dass der von mir hier verdächtigte Honegger eben doch noch genialer sei als Diethelm, um danach zu erfahren, dass es sich um die Mandala-Sinfonie von Diethelm gehandelt habe … Fürwahr, Diethelm war «selber Aner», um auf Bruckner zurückzukommen.
Es bleibt zu hoffen, dass sich die Schweiz in Zukunft ihres bedeutenden Sohnes Diethelm erinnert, ihn wieder vermehrt durch seine Musik aufleben lässt und ihn als grossen Botschafter der kleinen Schweiz in die Welt hinausträgt.
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Weitere Materialien und Informationen zu Caspar Diethelm
Eine Selbstverortung Caspar Diethelms, vermutlich Ende der Siebzigerjahre entstanden
«Caspar Diethelm versucht in seinen Werken eine ihm gemässe Aussage zu finden, ohne sich einer bestimmten Schule oder Stilrichtung zu verpflichten. Auf der einen Seite steht eine starke Verwurzelung in der Tradition, in der Landschaft seines Kantons, in dem er seit Geburt lebt und wirkt, und in der Betonung einer schweizerischen Eigenart. Auf der anderen Seite steht die Beschäftigung mit allen Stilrichtungen von der Dodekaphonik bis zur Avantgarde seit Webern. Soweit sie dem Komponisten als Bereicherung seiner Aussagemöglichkeiten gelten können, finden sich Einflüsse all dieser Bereiche mehr oder weniger deutlich. Dagegen wird die ‹Atonalität›, was immer dies in concreto bedeuten mag, vermieden, sondern die Gliederung und Formung der Musik erfolgt nach Gravitationszentren, d.h. nach den Tonalitätsebenen im Sinne Hindemiths. Neben einer selbständigen Harmonik, die neben äusserst komplexen Klängen auch das Einfache nicht vermeidet und einer eigenwilligen und gelegentlich aggressiven Rhythmik mit einer Vorliebe für zusammengesetzte Taktarten, gilt die besondere Hingabe des Komponisten aber dem Element der Melodik und zwar in immer stärker werdendem Masse. Schon in den frühesten Werken sind Anklänge an Elemente der Volksmusik nicht zu überhören, wobei es aber nie zu Zitaten kommt, sondern lediglich zu Bildungen, welche gewissermassen ein schweizerisches oder gar urschweizerisches Klangbild evozieren sollen. Vorbilder des Komponisten sind, ausser den grossen Meistern der Vergangenheit, Paul Hindemith und Bela Bartók, sowie die Schweizer Arthur Honegger, Othmar Schoeck und Frank Martin.»
Veranstaltungen und Publikationen zum Jubiläumsjahr
Neben diversen Konzerten ab Ende März sind zwei CD-Produktionen geplant. Im Oktober erscheint im Label Toccata die Weltersteinspielungen der Konzerte op. 210, 285 und 211 mit der Deutschen Staatsphilharmonie unter der Leitung von Rainer Held. Solist in Yggdrasil ist der Widmungsträger Patrizio Mazzola, der das Klavierkonzert nun uraufführt, nachdem es Esther Diethelm 2024 herausgegeben hat. Den Solopart im Geigenkonzert Anubis übernimmt Sibylle Tschopp, die das Werk noch mit Caspar Diethelm einstudiert und 1996 zur Uraufführung gebracht hat. Im Concerto Hiemalis schliesslich ist Kilian Herold, Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker, zu hören. Die Vernissage dieser CD findet am 29. November in Luzern statt.
Die zweite CD erscheint im November ebenfalls beim Label Toccata und bringt fünf Ersteinspielungen von Kammermusikwerken.
Weitere Details zu CDs und Konzerten finden Sie in diesem Dokument (Link zu PDF). Ein Newsletter zum Jubiläumsjahr kann über caspardiethelm.com bestellt werden. https://www.caspardiethelm.com/aktuelles.html
Rezension in der Schweizer Musikzeitung
Caspar Diethelm: Symphonic Works, Royal Scottish National Orchestra, Leitung Rainer Held.
Guild GM3CD 7808
