Grossartiger Musikalienfund im Oberengadin

Das Kulturarchiv Oberengadin in Zuoz bewahrt eine der grössten privaten Musiknotenbibliotheken mit Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts in der Schweiz auf. Inzwischen wurde sie für RISM (Répertoire International des Sources Musicales) erschlossen.

Claudio Bacciagaluppi beim Ordnen der Musiknoten im Kulturarchiv Oberengadin in Zuoz. Bild: Gian-Nicola Bass

Neben der Chesa Planta im Dorfzentrum prägt sich in Zuoz vor allem die Chesa Poult mit dem turmartigen Mitteltrakt und den beiden Seitenflügeln dem Betrachter ein. Das Turmhaus ging im 18. Jahrhundert in den Besitz des Generals Gian Battista Planta über, um 1762 dann in jenen von Jachem Pult, dessen Vater Cla mit der Schwester des Generals verheiratet war. Sowohl Gian Battista Planta wie auch Cla und Jachem Pult dienten als Militärs in den Niederlanden und bekleideten dort hohe Positionen. Für die Mitwirkung in den 1693 gegründeten Bündner Kompanien der Niederlande gab es mehrere Gründe. Neben konfessionellen und politischen Übereinstimmungen mit den Drei Bünden versprachen vor allem die kolonialen Handelsmöglichkeiten der Seemacht, ausgehend von Hafenstädten wie Amsterdam, das Anhäufen eines beträchtlichen Vermögens.

Infolge des Verkaufs und Umbaus der Chesa Poult erhielten Mathias Gredig und Kurt Gritsch im Herbst 2023 den Auftrag, historische Schriftdokumente in das Kulturarchiv Oberengadin (KAOE) zu überführen. Anders als erwartet, befanden sich im Gebäude nur wenige Schriftspuren zum Söldnerwesen. Von der Militärsfamilie Pult stammten aber zahlreiche Notenstimmen, die in mehreren Zimmern und Schachteln verstreut herumlagen und die zusammen eine ansehnliche Notenbibliothek ergaben. Ferner versteckte sich im Stall unter Holzstücken und Hüten noch eine alte Traversflöte.

Die Notenbibliothek wurde dieses Jahr durch Claudio Bacciagaluppi geordnet und erschlossen und ist inzwischen auf den Katalogsystemen von RISM und des KAOE vollumfänglich sichtbar. Mit 281 bibliografischen Einheiten – wobei jede Einheit in der Regel eine Sammlung von Musikstücken umfasst – zählt sie neben jener des Lukas Sarasin in der Universitätsbibliothek Basel sowie jener der Königin Hortense de Beauharnais im Napoleonmuseum Arenenberg zu den grössten privaten Schweizer Musikbibliotheken des 18. bis frühen 19. Jahrhunderts. In ihrem Repertoire, ihrer Auswahl der Gattungen und der instrumentalen Besetzungen, ihrer Provenienz und der hohen Anzahl an Drucken (66 Einheiten) sowie unbekannter Musikstücke aber bildet die Zuozer Musiknotenbibliothek einen Sonderfall in der Schweizer Musiklandschaft.

Musik aus dem Bündner Regiment in Maastricht

Abgesehen von wenigen Sammlungen aus dem 19. Jahrhundert und aus der Barockzeit, dazu noch zwei rätoromanischen Psalmenstimmbüchern und einem Fragment der Brevis musicae isagoge (1554) von Johannes Frisius, enthält die Pultsche Musiknotenbibliothek mehrheitlich profane Werke aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Kammermusikstücke, Tänze, Sinfonien und Konzerte sowie Opernarien für Sopran und Orchester.

Die Arien, etwa von Pasquale Anfossi oder Giuseppe Gazzaniga, wurden, vermutlich in der Schweiz oder in Süddeutschland, auf in Basel hergestelltes Papier kopiert und deuten vor allem auf Musik der venezianischen Oper. Der Major Jachem Pult hatte sie erworben, ebenso wie zahlreiche Duette für zwei Flöten und zwei Violinen oder für merkwürdige Besetzungen wie zwei Fagotte, zwei Klarinetten oder Cello und Bass. Ferner kaufte sich Jachem Pult mehrere gedruckte Musikstücke, wohl öfters auch in den Niederlanden selbst. Darauf verweisen Werke von Komponisten wie Friedrich Schwindl,  bestimmte Verlagsorte oder der Stempel einer Musikalienhandlung aus Den Haag. Zudem taucht der Major in einer Subskribentenliste auf, die  ein Organist der Maastrichter Servaasbasiliek für die Bearbeitung einer Triosammlung von Luigi Boccherini erstellen liess. Für die Kadermitglieder der Bündner Kompanien, in Maastricht stationiert, war es von Vorteil, in der Winterpause noch Violine oder Flöte zu üben, um sich durch das Musikspiel leichter Zugang zur aristokratischen Elite zu verschaffen.

Musik der Herrnhuter Pietisten in Neuwied

Noch mehr Musikwerke als sein Vater Jachem erwarb Nicolo Pult. In Neuwied bei Koblenz etwa kaufte er offenbar auf einen Schlag ein Konvolut von gedruckter und handschriftlicher Kammermusik der Mannheimer Schule, aus Deutschland und Böhmen. Laut einer Notiz auf dem Titelblatt gedruckter Cembalosonaten von Johann Christian Bach holte sich Nicolo bereits 1773, damals im Alter von elf Jahren, Musiknoten aus der Herrnhuter Brüdergemeine.

Wie andere Engadiner Kinder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dabei nicht selten solche der sogenannten Noblesse (Albertini, Frizzoni, Perini, Planta), wurde vermutlich auch Nicolo nach Neuwied geschickt, um dort Deutsch und Musik zu erlernen. Die Herrnhuter Pietisten pflegten tüchtig das Spiel der Kammer- und Orchestermusik und dies stand vielleicht auch im Zusammenhang mit der musikaffinen böhmisch-mährischen Diaspora. Ein weiterer Teil der Musiknotenbibliothek, meistens für Tasteninstrument, teils auch für Harfe gesetzt, kam aus dem Besitz Uorschla Perinis aus S-chanf, Nicolos dritter Ehefrau.

Die Musiknotenbibliothek der Chesa Poult enthält erstaunlich viele unbekannte Stücke von bekannten und teils unbekannten Komponisten. Diese werden erstmals im Sommer 2028 in Zuoz im Rahmen des Engadin Festivals erklingen.

Mathias Gredig forscht an der Universität Basel und arbeitet für das Kulturarchiv Oberengadin in Zuoz. Claudio Bacciagaluppi ist Mitarbeiter des RISM Digital Centre in Bern.

 

Benutzte Literatur:

Bundi, Martin, Bündner Kriegsdienste in Holland um 1700. Eine Studie zu den Beziehungen zwischen Holland und Graubünden von 1693 bis 1739, (= Reihe Historia retica, Band 3), Chur: Calven Verlag 1972.

Finze-Michaelsen, Holger (Hg.), Gian Battista Frizzoni (1727–1800). Ein Engadiner Pfarrer und Liederdichter im Zeitalter des Pietismus. In Zusammenarbeit mit Gion Gaudenz-Ganzoni und Hans-Peter Schreich, Chur: Verlag Bündner Monatsblatt 1999.

Kaiser, Dolf, Cumpatriots in terras estras. Prouva d’üna documentaziun davart l’emigraziun grischuna – considerand in speciel l’Engiadina e contuorns, Samedan: Stampara engiadinias S. A. 1968.

Kaiser, Dolf, «Genealogia Pult/Poult. Famiglia da Sent, ram Zuoz», in: Kulturarchiv Oberengadin, sig. 29.9.2017, Schachtel 18.

Kantonale Denkmalpflege Graubünden (Hg.), Zuoz. Inventar der historischen Bauten im Ortskern von Zuoz: von den Anfängen bis um 1920, Chur: Kantonale Denkmalpflege Graubünden 1993.

Kopp, Peter, «Die Brüdergemeine und ihre Musik: aus Herrnhut in die Welt – und zurück», in: herrnhuter. Zeitschrift der Herrnhuter Brüdergemeine in der Schweiz 23 (2022), S. 2–4.

Naamregister der Heeren Militaire Officieren, den Capitein Generaal en Veld-Marschalk. De Generaals, Lieutenant Generaals, Generaals Major, Colonels, Lieutenant Colonels, Majors, Capiteins, Lieutenants en Vendrigs van den Cavallery, Dragonders, Infantery, Artillery, Ingenieurs, Mineurs, enz. over de Troupen der Verenigde Provintien […] in dienst van Haar Hoog Moogende. Veranderd en Verbeterd voor de Jaare 1779, Leiden: Hendrik van der Deyster 1779 [Exemplar in: Kulturarchiv Oberengadin, sig. 30.10.2023].

Planta, Peter Conradin von, Chronik der Familie von Planta. Nebst verschiedenen Mittheilungen aus der Vergangenheit Rhätiens, Zürich: Orell Füssli 1892.

Schmidt, Töna, Famiglias veglias vaschinas da Sent, Sent: Archiv cumünal Sent 1998.

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