Partiturlesen lernen
Paul Suits schafft es in seinem Buch «Score Reading», dieses vielschichtige Gebiet gut strukturiert und praxisnah zu vermitteln.

Zum Thema Partiturspiel gibt es im Gegensatz zu verwandten Bereichen wie beispielsweise Generalbass kaum Literatur. Das liegt sicherlich an der Vielschichtigkeit der Materie, in die auch Fachgebiete wie Blattlesen, Instrumentation, Harmonielehre oder Stilkunde mit einfliessen. Die Didaktik ist entsprechend schwer übersichtlich darzustellen.
Ein dahingehend gelungener Versuch sind die mittlerweile vergriffenen zwei Bände Schule des Partiturspiels von Günter Fork (erschienen 1980), die sich aber wegen ihres Umfangs im Unterricht nicht bewähren konnten. Einschlägig sind noch immer die vier Hefte Partiturspiel von Heinrich Creuzburg (erschienen 1956), in welchen aber Klaviereinrichtungen vorgeschlagen werden, die vollkommen praxisfern sind. Was diesen Aspekt betrifft, bot Alfred Stenger mit Partiturspiel, leichtgemacht von 2004 einen interessanten Zugang, wobei das «leicht gemacht» trügt, denn Partiturspiel ist nicht leicht!
Umfassender Zugang, konkrete Hilfestellungen
Nun legt Paul Suits ein neues, klug aufgebautes, englischsprachiges Buch vor und stellt sich dieser Tatsache: «There are artistic fields in which inspiration outweighs perspiration. In score reading the reverse is true […]» Die Anweisungen sind knapp gehalten und die langjährige Unterrichtserfahrung des Autors ist überall spürbar.
Das Lesen der transponierenden Instrumente vermittelt Suits über das Erlernen der sogenannten «alten Schlüssel»: Ersetzt man einen vorgezeichneten Schlüssel durch einen anderen, verschiebt sich der Bezugston, was eine Transposition zur Folge hat. Korrigiert man zusätzlich bestimmte Versetzungszeichen, lässt sich so eine transponierende Stimme direkt lesen. Vorangestellt wird eine nützliche Leseübung, damit sich die Lernenden im Bezugssystem eines jeweils neuen Schlüssels einrichten. Anhand hervorragend ausgewählter Literaturbeispiele wird man dann durch alle Schlüssel und im Orchester vorkommenden Transpositionen geführt.
Für das Erfassen harmonischer Zusammenhänge empfiehlt Suits Generalbassbezifferung und absolute Akkordsymbole. Besonders wertvoll sind die Kapitel «Arranging the Score at the Piano» und «Dealing with unplayable Pieces». Die darin vorgeschlagenen Methoden und Beispiele sind praxisnah: das Reduzieren eines Orchestersatzes auf sein harmonisches Gerüst und das nachträgliche Hinzufügen spielbarer Stimmen einerseits sowie das regelmässige Lesen und innere Hören ohne Instrument andererseits. Suits versteht «Partiturspiel» umfassend und setzt den Titel Score Reading mit Absicht: «In working with my students, techniques of playing, singing, imagining, and analyzing the score are all employed, often alternating in rapid succession.»
Allen, die sich mit der schwierigen Disziplin des Partiturlesens beschäftigen wollen, sei dieses Buch voller hilfreicher Anregungen sehr empfohlen!
Paul Suits: Score Reading: Time-honored Principles and New Approaches, 124 p., € 37.00, Tredition, Hamburg 2025, ISBN 978-3-384-57748-1
