Music Producing: Immer häufiger im Angebot
Producing, Musik & Computer, elektronische Musik: Immer mehr Jugendliche nehmen Unterricht in Fächern, die nicht nur an traditionellen Instrumenten stattfinden. Musikpädagog:innen aus der ganzen Schweiz berichten von ihren Erfahrungen.

„Heutzutage ist es in der Musikproduktion praktisch unmöglich, ohne Computer auszukommen“, sagt Mauro Fiero, Musikpädagoge am Centro Studi Musicali (CSM) in Lugano. Eine Tatsache, die sich im Angebot der VMS-Musikschulen zunehmend spiegelt. Während manche regelmässig eintägige Einführungskurse in Ableton oder andere DAW (Digital Audio Workstations) durchführen, bieten andere Gruppen- oder Einzelunterricht an.
Einführung in die Synthese
Am Institut Dalcroze in Genf zum Beispiel unterrichtet Margaret Harmer schon seit zehn Jahren das Fach „Aktuelle elektronische Musik“ (musiques électroniques actuelles) im wöchentlichen Gruppenunterricht für Jugendliche. „Elektronische Musik gibt es schon seit fünfzig Jahren“, sagt die Elektronikkünstlerin und Schlagzeugerin, „Es ist deshalb sehr wichtig, sie zu unterrichten.“ Sie macht mit den Jugendlichen Sampling-Projekte, vermittelt die Geschichte von Hip Hop und Techno (unter anderem), und führt sie in die Synthese ein. Gearbeitet wird mit GarageBand, Logic, Ableton oder Maschine, je nach Vorwissen oder Wunsch der Schüler:innen. Am Ende des Schuljahrs produzieren die 12 – 17jährigen eigene Projekte, manchmal ganze Alben. Was Margaret Harmer besonders wichtig ist: „Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen einen ganz eigenen musikalischen Geschmack entwickeln.“
Die Musikwelt der Schüler:innen
„Es ist ein riesiges Feld – der Computer ist ein Instrument für sich“, sagt Marc Scheidegger, Bereichsleiter an der Musikschule Region Sursee. Auch er unterrichtet schon länger Producing für Schüler:innen ab Oberstufenalter, zusätzlich zur E-Gitarre. Zum Angebot an der Musikschule kam es, weil das Mischpult in seinem Unterrichtszimmer immer wieder zur Sprache kam – kann ich damit aufnehmen? Welche Effekte gibt es? Er ging mit der Idee, das Fach Producing separat zu unterrichten, zur Schulleitung, entwickelte mit dem seinem Kollegen Mathias Droll einen Fachbeschrieb, und stellte dann Materialboxen für den Unterricht zusammen. Sie enthalten je einen Laptop, ein Tablet, einen Zoom-Recorder und Mikrophone und können nun niederschwellig auch von anderen Musikpädagog:innen genutzt werden – und in Klassenkursen an der Schule sowie Ferienangeboten. „Die Schüler:innen interessiert Producing sehr“, sagt er, „Es ist ihre Musikwelt. Für mich war es klar, dass wir das anbieten sollten.“ Anhand praktischer Beispiele nimmt er Themen aus der Harmonielehre oder der Rhythmik auf. Geplant ist in Zukunft auch eine Vertiefung in Live-Mixing.

Kurse mit Warteliste
Üben denn die Schüler:innen zuhause? Es sei vergleichbar mit jedem anderen Instrument, meint Marvin Trummer, Keyboarder, Produzent und Pädagoge an der Musikschule Konservatorium Zürich – einige machen zuhause sehr viel, andere nicht. Er unterrichtet seit fünf Semestern einen Gruppenkurs mit zwei Niveaus, der für Schüler:innen, die an der MKZ Einzelunterricht an einem Instrument belegen, kostenlos ist. Der Kurs stösst auf grosses Interesse, es besteht eine Warteliste. „Ich sehe den Unterricht als Türöffner“, sagt er, „Ich wäre damals sehr froh darum gewesen, bei mir gabs nur Chopin …“. Er baut im Unterricht zum Beispiel den Drumbeat eines Songs nach, von der Aufnahme bis zur Bearbeitung, um das Gehör zu schulen, oder er bringt zur Begeisterung der Schüler:innen einen analogen Synthesizer oder eine Tape-Maschine mit.
Producing im PreCollege
Bereits seit den 90er Jahren wird Producing unter wechselnden Namen an der Musikschule der Stadt Basel angeboten. Tomek Kolczynski unterrichtet die Jugendlichen in der Einzelstunde. Rund drei Viertel von ihnen arbeiten mit Ableton, andere mit Logic oder Fruity Loops. Die Schüler:innen haben auch die Möglichkeit, sich im PreCollege auf den Studiengang Audiodesign an der Hochschule vorzubereiten. Im Rahmen dieser Vorbereitung vermittelt er das Grundwissen über Synthese, Sampling und Live-Elektronik. Als wichtig erachtet er es auch den Schülern einflussreiche Künstler:innen aus der Geschichte der Elektronischen Pop – und Tanzmusik zu zeigen.
Kompetenz erlernen
Künstliche Intelligenz macht ihm keine Sorgen: „Sie ist musikalisch noch nicht wirklich nutzbar“, meint er. „Und wenn es dann soweit ist, freue ich mich auf ein neues Tool.“ Auch Marvin Trummer sieht KI als interessantes Tool, sie könne aber auch zur „Kreativ-Killerin“ werden. Deshalb sei sie im Unterricht aktuell kein Thema.
Mauro Fiero betont, dass ein kompetenter Umgang mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen den Musikproduktionsprozess optimiere: „So kann man sich ganz auf die künstlerische und kreative Seite der Musik konzentrieren.“
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Kurz-Infos Producing an Musikschulen
- Kurse, Einzel- oder Gruppenunterricht
- Ausrüstung: Laptops, Midi-Keyboards, DAW
- Vorbedingung: manchmal parallel dazu Solfège-Unterricht, oder Unterricht an einem Instrument (zB Klavier, Gitarre, Drums), aber nicht zwingend
- Alter: meist ab etwa 12 Jahren
