Die Nationalphonothek zwischen Vergangenheit und Zukunft

1987 in Lugano gegründet und heute Teil der Nationalbibliothek sammelt, bewahrt und erschliesst die Phonothek das klingende Kulturerbe der Schweiz. Sie kümmert sich um die Gesamtheit der öffentlichen und privaten Aufnahmen mit dokumentarischem oder identitätsstiftendem Wert für das Land: Musik, Stimmen, Interviews, Werbung oder Klanglandschaften.

Die phonographischen Zylinder von Thomas Edison, 1878 patentiert, erlaubten als erste Tonträger die Wiedergabe der Klänge. Foto: Nationalphonothek

Es ist eine Geste aus der Kindheit, und je nach romantischer Veranlagung hören wir auch später nicht damit auf. Halten Sie sich nicht auch manchmal eine dieser Muscheln ans Ohr, die auf dem Büchergestell liegen? «Hör das Meer», sagte man uns, als wir klein waren, denn es ist ja bekannt: Muscheln haben die magische Fähigkeit, den Klang ihrer Umgebung aufzusaugen und für immer zu bewahren. Später lernt man (wenn man will), dass sie nur kleine, unvollkommene Resonanzkörper für die Umgebungsgeräusche sind, eben auch für unser Blut, das durch die Ohren pulsiert. Aber der Wunsch, an dieses kleine Meer zu glauben, bleibt bestehen. Vermutlich entspricht er dem grossen Begehren unserer Spezies, sich anzueignen, was sie umgibt, und zwar in der ungreifbarsten und flüchtigsten Form, der Welt der Klänge.

Schallwellen, die alles Hörbare ausmachen, breiten sich aus und verlieren sich schliesslich. Die Idee, eine Folge von Musiknoten oder Worten identisch zu wiederholen, erweist sich als Chimäre. Musiker und Schauspielerinnen erfahren das immer wieder. Um diesen Kontrollverlust zu mildern, hat der Mensch die Technik des Schreibens erfunden. Verba volant, scripta manent: eine geniale Abhilfe für den ständigen Energieverlust in der Welt der Klänge. Schreiben ist eine Verschlüsselung, die nicht auf Bewahrung abzielt, sondern auf Wiederholbarkeit des Gemeinten, wobei sie sich auf die Vorstellungskraft des menschlichen Gehirns stützt.

Aber was ist mit dem wahren Klang, dem wahren Objekt? Die Kastraten des barocken Roms übten vor hallenden Wänden, um ein flüchtiges Echo ihrer Stimme zu erhaschen, und erst 1857 patentierte Éduard Léon Scott de Martinville den Phonautographen, eine Art Oszillometer, mit dem er Schallwellen auf geschwärzten Gläsern aufzeichnen konnte. Aufzeichnen, aber noch nicht wiedergeben. Erst 2008 gelang es, seine Phonautogramme hörbar zu machen: ein Fragment aus Au Clair de la Lune, einige Verse von Tasso und andere kleine Experimente.

1878 patentierte Edison seinen Phonographen, bei dem die Schwingungen von einer Nadel auf einen folienüberzogenen Zylinder geritzt wurden und der nun auch das Umgekehrte möglich machte: die Rille wieder «zu lesen», das Aufgenommene wieder zu hören. Berliner verwendete 1888 anstelle von Zylindern Schallplatten, die sich für die Massenproduktion und die Vermarktung besser eigneten. Im 20. Jahrhundert erfolgte dann der Übergang zu elektrischen Aufnahmen auf Magnetbändern und schliesslich zu rein digitalen Aufzeichnungen und zur endgültigen Entmaterialisierung des Tonträgers: Die Musik wanderte ins Internet. Mit unserem Smartphone können wir heute stundenlang Tonaufnahmen machen und wiedergeben sowie online auf fast die gesamte Musik der Welt zugreifen.

Eine Bibliothek der Töne

Um schriftliche Dokumente zu bewahren und der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, gibt es Bibliotheken. Und für Töne? Wenn man Klänge festhalten kann, stellt sich auch die Frage, was mit den Trägern dieser klingenden Erinnerungen einer Gesellschaft geschehen soll.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts, wenige Jahre nach Edisons Erfindung, wurde eifrig aufgenommen. Einige europäische Institutionen erkannten früh, dass es wichtig war, dieses Erbe ebenso zu konservieren wie schriftliche Zeugnisse. So entstand 1899 das Phonogrammarchiv Wien und 1900 dasjenige von Berlin. In der Schweiz sammelte die Nationalbibliothek seit Beginn des letzten Jahrhunderts auch einige Tondokumente. In den Sechzigerjahren wurde aber der Ruf nach einer spezialisierten Institution laut. 1984 stellte die Gemeinde Lugano Räumlichkeiten und Mittel zur Verfügung, worauf man 1987 die Stiftung Nationalphonothek gründen konnte. 2016 wurde sie eine Sektion der Nationalbibliothek. Nach Anfängen im Studio Foce, zog die Phonothek im Jahr 2000 ins Centro San Carlo. 2031 wird sie in die Città della Musica umziehen, ein futuristisches Projekt, das in den Lokalitäten von Radio RSI in Besso verschiedene Partner aus dem Musikbereich zusammenführt.

Das Aufnehmen hat sich entmaterialisiert und in der digitalen Welt angesiedelt. Foto: Nationalphonothek

Der Auftrag der Nationalphonothek leitet sich aus dem Bundesgesetz über die Schweizerische Nationalbibliothek ab: das akustische Kulturerbe sammeln, erschliessen, erhalten, zugänglich und bekannt machen. Die Tonträger, man nennt sie Helvetica, denn sie haben zwingend einen Bezug zur Schweiz, werden in fünf Bereiche eingeteilt, vier musikalische – Klassik, Jazz, Rock & Pop, Folk – und einen nicht musikalischen, in dem Stimmen, Hörbücher, Hörspiele, Interviews, aber auch Naturgeräusche und Klanglandschaften zusammengefasst sind.

«Unsere ältesten Stücke sind Wachszylinder mit klassischer und Operettenmusik aus der Sammlung einer Privatperson in Chiasso», erklärt Günther Giovannoni, seit 2019 Direktor der Phonothek. «Was Musikaufnahmen anbetrifft, besteht in der Schweiz keine Pflicht, ein Belegexemplar bei uns einzureichen. Daher sind wir seit vierzig Jahren daran, mit Unterstützung der Suisa, weiterer Verwertungsgesellschaften und in Zusammenarbeit mit dem Radio und anderen Partnern den Sammel-Rückstand aufzuholen. Für gestreamte Inhalte hat das Parlament ein Gesetz über die Einreichung von digitalen Pflichtbelegen ab 2027 verabschiedet: eine gigantische Menge an Material, aus dem wir auswählen müssen. Wir sind nur verpflichtet zu konservieren, was als wichtig erachtet wird, eine anspruchsvolle Auswahl, an der Verantwortliche verschiedener Bereiche beteiligt sind.»

Das klingende Kulturgut eines Landes

Beim flüchtigen Scrollen in den sozialen Medien könnte man sich fragen, was es denn so Wichtiges zu erhalten gebe in all dem oft sehr kommerziellen Lärm. «Es ist nicht an uns zu urteilen», unterbricht Giovannoni, «kommerzieller oder künstlerischer Wert sind nicht unsere einzigen Auswahlkriterien. Wir haben beispielsweise eine Abteilung, die sich um Werbung kümmert. Das könnte man unter gewissen Gesichtspunkten für weniger gehaltvoll oder lehrreich halten, ist aber historisch und soziologisch äusserst wichtig, insbesondere für Fachleute. Die entscheidende Frage ist diejenige nach der Nachhaltigkeit: Ist es sinnvoll, so viel Material aufzubewahren? Wie hoch sind die Kosten, ökologisch und finanziell? Unsere Richtlinien erlauben uns, nicht alles zu nehmen, um nicht überlastet zu werden. So lesen wir beispielsweise auch unter neuen künstlerischen Produktionen aus: Wir lassen sie eine Weile ruhen, bevor wir sie in unseren Bestand aufnehmen.»

Eine exponentiell wachsende Menge an Material macht eine Auswahl unumgänglich. «Wir sind nicht verpflichtet, alles zu haben, aber alles, was als wichtig erachtet wird.»
Foto: Nationalphonothek

Dazu braucht es eine klare Vision, was das klingende Kulturgut unseres Landes sein soll. «Unser Selbstverständnis wird zu einem Teil von erinnerten Klängen bestimmt», erklärt Giovannoni. «Die Schweiz ist klein, aber äusserst vielfältig, was Sprachen, Kulturen und Besonderheiten angeht. Der Archivar hat die Aufgabe, dieses Klanggedächtnis für die nächsten Generationen zu erhalten. Wir schützen Vergangenes für die Zukunft.»

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Bereich Sprache und Geräusche, vermutlich der reichhaltigste der Phonothek. Während es ausdrückliche Absicht war, eine grosse Zahl von Glockengeläuten landauf, landab zu dokumentieren, sind die eingefangenen Klanglandschaften manchmal ein Nebenprodukt anderer Aufnahmen. Sie bieten uns über Jahrzehnte hinweg tönende Chroniken gewisser Räume: eines ländlichen Marktes, eines städtischen Platzes. «Die Klänge ändern sich wie unser Alltag», sagt Giovannoni, «nehmen Sie das Knirschen eines Gletschers, das sich mit der Zeit verändert und bald gar nicht mehr existieren wird. Oder prosaischer: Die Gemeinde Lugano hat uns die Aufzeichnungen der Gemeinderatssitzungen der letzten 60 Jahre übergeben. Man kann also die Entwicklung des politischen Diskurses verfolgen, linguistisch, soziologisch … »

Unter den Musikdokumenten führen uns einige durch die Geschichte des Landes, beispielsweise der Nachlass von Hanny Christen: «Fünfzig Tonbänder, die Anfang der 90er-Jahre zufällig entdeckt wurden. Sie bewahren einen Teil der ‹alten und reinen› traditionellen Schweizer Musik und haben unsere Sichtweise revolutioniert», erklärt Andrea Sassen, Leiterin der Abteilung für Volksmusik. «Oder denken Sie an den K-Sound-Bestand von Kiko Berta, der einige der wichtigsten Alben der 90er-Jahre aufgenommen hat, darunter Perlen, die nie in den Handel gekommen sind», fügt Yari Copt, der Verantwortliche für die Abteilung Rock, an.

«Aber es ist auch interessant, auf die Gegenwart zu schauen», fährt er fort. «Heute ist eine Generation von Schweizer Künstlern und Künstlerinnen mit einer klaren Vision und einer hohen Produktionsqualität am Werk. Und für alle, die sich mit dem musikalischen Erbe beschäftigen, ist das ein starkes Signal: Die Phonothek ist nicht nur ein Archiv für Vergangenes, sondern ein lebendiger Ort, der die Gegenwart dokumentiert und das klangliche Erbe von morgen aufbaut. Diese Produktionen heute zu bewahren, ermöglicht es in Zukunft, genau sagen zu können, was sich in diesem Moment in der Schweizer Musik abgespielt hat.»

In die Zukunft gerichtet

Hier wird also bewahrt, aber erstaunlicherweise auch kreiert, als wolle man den Blick darauf lenken, was es für die Zukunft zu verewigen gilt: Auf dem Youtube-Kanal der Phonothek feiert Bruno Spoerri seinen 90. Geburtstag, indem er das Publikum mit einem wunderbaren Livestream begeistert, meisterhaft von Lara Persia im Studio Lemura aufgenommen. «Das ist das erste einer Reihe von Konzerten, die wir dank einer ausserordentlichen Spende ausrichten konnten», erklärt Giovannoni. «Eine Art Schaufenster: Wir unterstreichen den Wert unserer Archive, indem wir denjenigen eine Bühne bieten, die zum klingenden schweizerischen Kulturerbe beigetragen haben. Eine Hommage an diese Menschen, die so viel gegeben haben.»

Auch hier kommt das Konzept des Vermächtnisses zum Ausdruck, der Ausrichtung auf die Zukunft. Das führt uns zurück zu den technischen Herausforderungen, wie sie die Speichermedien stellen: ein zentrales Thema für die Konservierungsaufgabe der Phonothek. «Wir sind eng an die Technologie gebunden. In erster Linie bezüglich der Langlebigkeit der Trägermedien. Schellack- oder Vinylplatten beispielsweise sind robust. Ihre Inhalte können wir auch in hundert Jahren noch hören, wenn sie professionell gelagert werden. Tonbänder verlieren dagegen langsam ihre Informationen; ‹selbstgebrannte› CDs haben eine durchschnittliche Lebensdauer von fünf Jahren. Ebenso altern die Abspielgeräte und unterliegen der historischen Entwicklung.

Ein Beispiel sind die DAT-Cassetten von Sony, die während 20 Jahren hergestellt wurden. 2007 hat der Konzern die Produktion eingestellt, die Lizenzen aber behalten. Im Moment haben wir noch einen Vorrat an Tonköpfen, aber wenn sie aufgebraucht sind, stehen wir vor einem gravierenden Problem. Daraus ergeben sich unsere Prioritäten in Sachen Digitalisierung und Konservierung. Es ist eine stetige technische Herausforderung, das Material greifbar zu machen: Wir wollen ein Ort sein, an dem Nutzerinnen und Nutzern Anregungen sowie Gelegenheiten geboten werden, Neues zu entdecken.»

Visual Audio ist ein Leuchtturmprogramm der Phonothek: ein Digitalisierungsverfahren, bei dem der Inhalt einer beschädigten Platte gerettet wird, indem sie analog fotografiert und das Bild eingescannt wird. Foto: Nationalphonothek

Dieser Wille zeigt sich in zukunftsgerichteten technologischen Projekten wie beispielsweise den Forschungen, um weiterhin DAT-Tonträger lesen zu können, oder Leuchtturmprogrammen wie Visual Audio, einem Digitalisierungsverfahren, das es möglich macht, den klingenden Inhalt einer beschädigten Platte zu retten, indem sie analog fotografiert und das Bild eingescannt wird.

Ein Bildungsangebot mit Führungen, Workshops, Vorträgen und Schulbesuchen richtet sich an ein breites Publikum. Äusserst wichtig ist der Phonothek auch die Sensibilisierung der Jüngsten auf das Hören und auf Klänge. «Junge Menschen hören Musik, aber über ihr Mobiltelefon in oft dramatisch schlechter Qualität», klagt Giovannoni. «Wir müssen ihnen bewusstes Hören beibringen, auch im Hinblick auf mögliche Schädigungen durch Überlastung. Ihnen soll bewusst werden, dass Klangqualität ein wichtiger Faktor ist beim Musikhören und dass Zeitpunkt, Medium und Format die Wahrnehmung beeinflussen können. Viele Jugendliche wissen gar nicht, dass es andere Wege gibt, als Musik übers Handy zu hören, und sie haben keine Ahnung von den Qualitätsunterschieden. Man muss es ihnen beibringen, und das ist möglich, indem man ihnen den technischen Fortschritt und die unterschiedlichen Klangqualitäten im Verlaufe der Geschichte der Tonträger vorführt.»

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