Jerusalem im Zentrum
Das fünftägige Kammermusik-Festival Mizmorim setzte in Basel vom 21. bis 25. Januar auf interkulturelle Begegnungen.

«Im Wort Jerusalem steckt sowohl das jüdische Wort ‹Shalom› als auch das arabische ‹Salam›. Beides bedeutet Friede. Wir möchten beim Festival nicht zwischen den verschiedenen Kulturen trennen, sondern über die Musik zusammenfinden. Jerusalem ist eine Stadt, die uns als Gesellschaft zusammenbringt», sagt Michal Lewkowicz, die Gründerin und künstlerische Leiterin des Kammermusik-Festivals Mizmorim in Basel. Fast alle Konzerte, Lesungen und Führungen der zwölften, unter dem Motto «Jerusalem» stehenden Ausgabe waren ausverkauft. Renommierte Künstler und Ensembles wie das Gringolts Quartet, der Klarinettist Reto Bieri oder der Flötist Ariel Zuckermann sorgten für musikalische Exzellenz. Aber auch junge Talente wie das erst 2024 gegründete Arola Quartet aus Bern, das aus der im November erstmals stattgefundenen Masterclass hervorging, konnte man beim Festival entdecken.

Um Jerusalem drehten sich also fast alle Veranstaltungen. Lukas Landmann gab im Jüdischen Museum der Schweiz einen Einblick in die 5500-jährige Geschichte der Stadt, die 34-mal erobert wurde. Heidy Zimmermann zeigte in der Paul-Sacher-Stiftung die 1967 entstandene, unveröffentlichte Komposition Jerusalem für Solosänger, Sprecher, zwei Chöre und Orchester von Roman Haubenstock-Ramati. Das Vokalensemble Voces Suaves widmete sich in seinem Programm «Wenn ich Dein vergesse …» Psalmvertonungen von der Renaissance bis zur Gegenwart, denen der israelisch-palästinensische Oud-Spieler Taiseer Elias in seinen Soli arabische Melodien gegenüberstellte. Schon im Eröffnungskonzert «The Ties that Bind us» von David Krakauer (Klarinette) und Kathleen Tagg (Klavier) fand sich neben Jazz- und Klezmer-Anklängen mit November 22 ein Werk des syrischen Komponisten Kinan Azmeh.
Von Bach bis Feldman
Das Konzert «Yerushalayim shel zahav» im SRF-Studio Basel verband abendländische Musik von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach mit sieben ganz verschiedenen, von Hila Baggio expressiv gesungenen Jerusalem-Liedern, die die Bandbreite des Judentums und seiner Musik zeigten: von sephardisch bis chassidisch, von jiddisch bis jemenitisch. Marcelo Nisinman hat dafür spannende Arrangements für Flöte (Ariel Zuckermann), Violine (Ilya Gringolts), Cembalo (Francesco Corti) und sich selbst am Bandoneon geschrieben, die jedem der Lieder eine eigene Farbe geben.
Yerushalayim shel zahav im langsamen Dreiertakt, das durch die israelische Sängerin Ofra Haza international bekannt wurde, verliert in Nisinmans Version an Pathos und gewinnt an Vielschichtigkeit. Sein The silent wall genanntes Porträt der Stadt, das das Festival in Auftrag gegeben hatte, ist überraschend weltlich, klingt nach Tango und Lebensfreude. Und vermittelt einen guten Eindruck von der Lebendigkeit und Multikulturalität der Stadt, über die man sich anschliessend im Foyer bei Hummus, Pita und Bier noch rege austauscht.

Dem jüdischen US-amerikanischen Komponisten Morton Feldman, der am 12. Januar 100 Jahre alt geworden wäre, waren gleich zwei Konzerte gewidmet. Beim Late-Night-Termin stand das halbstündige Why patterns? für Flöte, Glockenspiel und Klavier (1978) auf dem Programm. Tiefe Flötentöne (Anja Clift) treffen auf hohe, warme Klavierklänge (Dmitry Batalov). Christian Dierstein verbindet die Linien am Glockenspiel. Das ist ganz zärtliche, intime Musik, die die Zeit stehen lässt und aus einfachen Tonwechseln Ereignisse macht. Das mit etlichen Schweizer Erstaufführungen gespickte Abschlusskonzert «Jerusalem-Syndrom» mit dem Mizmorim-Festival-Ensemble spannte im Ackermannshof einen Bogen vom aus Nazideutschland in die USA geflohenen jüdischen Komponisten Stefan Wolpe (1902–1972) zum in Deutschland lebenden israelischen Palästinenser Samir Odeh-Tamimi, dessen Trio Li-Umm-Kámel arabische Musik mit europäischen Komponiertraditionen verbindet. Eine weitere interkulturelle Begegnung an diesem Festival.
Radio SRF 2 Kultur präsentiert am 19.3.2026 von 20 bis 22 Uhr in der Sendung «Im Konzertsaal» einen Querschnitt aus dem Programm des diesjährigen Mizmorim-Festivals.
