Pianistischer Gang durch Dantes Welt

Viviane Goergen hat nicht nur Marie Jaëlls Konzertstücke auf Dantes «Göttliche Kommödie» eingespielt, sondern ihre Einsichten dazu auch in einem Buch mit CD festgehalten.

Marie Jaëll (1846–1925) als junge Frau mit elegantem Hut. Foto von J. Ganz, herausgegeben 1890, Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg / wikimedia commons

Zusammen mit ersteingespielten Stücken von Marguerite Roesgen-Champion, Otilie Suková-Dvořáková, Stephanie Zaranek und Vera Winogradowa nahm die in Paris geborene, in Deutschland lebende luxemburgisch-schweizerische Interpretin und Musikpädagogin Viviane Goergen 2017 für ihre pionierhafte CD Pianistische Miniaturen von Komponistinnen (ARS 38 559) auch die Valses Mignonnes von Marie Jaëll-Trautmann (1846–1925) auf. (Besprechung von Daniel Lienhard)

Monumentale Konzertstücke

Ihre intensive Beschäftigung mit der von César Franck und Camille Saint-Saëns ausgebildeten, mit dem österrreichischen Pianisten Alfred Jaëll verheirateten Elsässerin führte zu einer CD, die dieser allein gewidmet ist. Hinter dem unscheinbaren Titel Pièces pour piano (Hänssler Classics HC 24004) verbergen sich drei gross angelegte Trouvaillen der programminspirierten Klavierliteratur: auf Dantes Göttlicher Komödie fussende, monumentale Konzertstücke von starker Eigenart mit den jeweils aus sechs Teilen bestehenden Sätzen «Ce qu’on entend dans l’enfer, dans le purgatoire et dans le paradis» (1894).

Mit ihren ostinaten Dies-Irae-Zitaten in den Höllenszenen und weiteren Motivrepetitionen sowie mit den Fünfer-Takten in der Paradiesdarstellung ging die mit Liszt befreundete Komponistin, die auch als Musikwissenschaftlerin hervortrat, eigene, weit in die Zukunft weisende Wege. Den philoso- phisch tiefgründigen Gehalt der Stücke schöpft die Pianistin, die auf der Basis von mentalem Training junge Musikerinnen und Musiker betreut und schon 1994 ein «Zentrum für Musik und Konstruktives Denken» schuf, mit überzeugender Intensität aus.

Zum hundertsten Todestag von Marie Jaëll veröffentlichte Viviane Goergen nun ihre Einsichten in diese Trilogie in einem Buch mit beiliegender CD. Auf Deutsch, Französisch und Englisch und mit Illustrationen aus Dalís Göttlicher Komödie werden einzelne Episoden wie etwa «Dans les flammes», «Sabbat», «Désirs impuissants», «Obsession» oder «Voix célestes» anhand von 38 Notenbeispielen sehr anschaulich beschrieben.

Viviane Goergen: Marie Jaëll – «Pièces pour Piano» und Dantes Göttliche Komödie, 212 S., mit CD, € 59.50, Edition Signum Winfried Heid, Heidelberg 2025, ISBN 978-3-9817062-3-9

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