Wechselseitige Gastfreundschaft
Intersubjektive Verständigung ist auf Übersetzung angewiesen. Was das für die Musikpädagogik bedeuten könnte, zeigen zwei Streiflichter auf eine Forschungstagung, die Anfang Mai in Muttenz stattfand.
Noch nie war Übersetzen so einfach wie heute: KI-gestützte Programme liefern in Sekunden Resultate für x-beliebige Sprachen und scheinen damit eine universelle Verständigung zu ermöglichen. Bereits Paul Ricoeur weist jedoch darauf hin, dass die perfekte Übersetzung eine Illusion sei und plädiert für eine sprachliche Gastfreundschaft von eigener und fremder Sprache. Gerade für die Musik und ihre Didaktik, wo inkorporierte und nicht-sprachlich verfasste Wissensformen hinzukommen, ist dies ein reizvoller Gedanke. Er setzte den Ton für die musikpädagogische Forschungstagung, die am 8./9. Mai in Muttenz stattfand. Zwei Beiträge zeigen stellvertretend, wie Forschung Übersetzungsleistungen verdeutlichen und selbst erbringen kann.
Kollektive Überzeugungen
Wie kann Forschung implizite Wissensbestände bewusst und damit für die Reflexion verfügbar machen? In einem vom Schweizer Nationalfonds geförderten Projekt zum gymnasialen Musikunterricht erfolgte ein Forschungszugang über Gruppendiskussionen, die mithilfe der von Ralf Bohnsack entwickelten Dokumentarischen Methode ausgewertet wurden. So konnte David Lichtsteiner in seiner Analyse geteilte handlungsleitende Orientierungen von Lehrpersonen herausarbeiten. Unter anderem waren dies die zentrale Bedeutung von Gemeinschaftserlebnissen als Weg und Ziel, Auftritte als Dreh- und Angelpunkt des Unterrichts, der unhinterfragt angenommene positive Effekt von Musikunterricht sowie das Beklagen mangelnder Vorbildung in der Primarschule. Komplementär dazu verfolgte Christoph Marty einen ethnografischen Ansatz. Mit teilnehmender Beobachtung von Unterrichtsstunden ging er der Frage nach, wie die schulmusikalische Praxis an Gymnasien von allen Beteiligten gemeinsam hergestellt wird und welche Subjektivierungsweisen damit einhergehen. Er skizzierte ein Spannungsfeld zwischen pädagogischer Norm der Individualisierung und dem Musizieren im Kollektiv und zeigte auf, wie entsprechende Subjekte durch wechselseitige Adressierung hervorgebracht werden.
Übersetzungen in der Identitätsbildung
Anne Günster und Sabine Mommartz sind in ihrem Symposium der Frage nachgegangen, wie biografische Erfahrungen Studierender der Musikpädagogik für ihre zukünftige pädagogische Tätigkeit bedeutsam werden können. Auf Grundlage ihres Datenmaterials konnten die beiden Vortragenden darlegen, wie sich in biografischen Interviews Positionierungen als Formen der Problematisierung an Gegenständen vollziehen und dabei bestimmte Bedeutungen konstruiert werden. Veranschaulicht wurde dies unter anderem anhand eines empirischen Beispiels, in dem eine interviewte Studentin unterschiedliche Positionen zum Gegenstand des «Übens» einnahm. Anhand ihrer biografischen Erfahrung versetzte sie sich zuerst in die Position als sie Schülerin war und berichtete, dass sie selbst wenig geübt habe. Anschliessend nahm sie die Perspektive der zukünftigen Instrumentalpädagogin ein und beschrieb das Üben als wesentliches Element musikalisch-instrumentaler Entwicklung. Das Beispiel verdeutlicht, wie die Reflexion und Übersetzung eigener biografischer Erfahrungen in die zukünftige Position als Musikpädagogin zu einem konstitutiven Bestandteil professioneller Identitätsbildung werden kann.
Geduldige Kleinarbeit
Verständigung, sei sie kollektiver oder biografischer Art, funktioniert nicht einfach per Knopfdruck, sondern muss, wie die Beispiele zeigen, in geduldiger Kleinarbeit immer wieder neu ausgehandelt werden. Diese Haltung zog sich als Grundtenor durch die Tagung, bei der sich das Thema des Übersetzens als anschlussfähig für unterschiedliche musikpädagogische Bereiche, Forschungsperspektiven und theoretischen Fundierungen erwies und eine offene Diskussionskultur beförderte.
«Vom Übersetzen – musikbezogene Didaktik in Diskurs und Praxis»: Musikpädagogische Forschungstagung und Abschlusstagung des SNF-Projekts «Gymnasialer Musikunterricht als Spiegel einer praxisbasierten Didaktik» vom 8. und 9. Mai 2026.
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- Organisation: Sarah Allenspach (Zürcher Hochschule der Künste), Olivier Blanchard (Pädagogische Hochschule Luzern), Andrea Ferretti (Hochschule der Künste Bern), Jürg Huber (Hochschule Luzern – Musik), Sabine Mommartz (Pädagogische Hochschule FHNW)
- Campus FHNW Muttenz, 8.& 9. Mai 2026
- Tagung: https://www.fhnw.ch/de/ph/aktuelles/veranstaltungen/alle/3-musikpaedagogische-forschungstagung
SNF-Projekt: https://data.snf.ch/grants/grant/215658
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