Musik für 0 – 4jährige: Zu Besuch im Eltern-Kind-Singen

Rund die Hälfte der Musikschulen bietet musikalische Einstiegskurse für Vorschulkinder an. Unterrichtet werden diese von qualifizierten Musikpädagog:innen, die die spezifischen Bedürfnisse der Altersgruppe – und der Eltern – gut kennen. Ein Einblick.

Klänge erforschen, singen, tanzen, trommeln: Eltern-Kind-Musik (Fotos: Anicia Kohler)

Es ist fast neun Uhr morgens in Belp, in der Musikschule Region Gürbetal im Kanton Bern. Die Tür zum Saal geht auf, ein etwa zweijähriges Mädchen kommt an der Hand seiner Mutter herein, ein anderes springt auf und bringt ihm freudestrahlend eine Rassel. Kurz darauf stimmt Kursleiterin Anja Martin ein Willkommenslied an: „Wär isch hüt aues da?“ Jedes Kind und jeder Elternteil werden persönlich begrüsst. In den nächsten rund fünfzig Minuten kommen kleine Glöckchen und Tambourine genauso zum Zug wie das Klavier, das einen Tanz musikalisch untermalt – und viele Lieder.

Gemeinsam in die Musik einsteigen

„Die Kinder saugen die Musik förmlich auf“, sagt Anja Martin, „Immer wieder berichten Eltern davon, dass sie zuhause nun singen. Es ist ein schöner Einstieg in die Musik.“ Die Geigerin, die unter anderem im Berner Kammerorchester und in der Sinfonietta Basel spielt, unterrichtet das Fach Eltern-Kind-Musik seit fünf Jahren an mehreren Musikschulen. Begleitend dazu spielt sie auch Kinderkonzerte und lädt die kleinen Schüler:innen und ihre Eltern auch mal an eine Hauptprobe eines Konzerts ein, an der sie selber mitspielt. „Musizieren im frühesten Kindesalter ist besonders sinnvoll, das zeigen viele Studien“, sagt auch Dorothee Schmid, Leiterin der Musikschule Region Gürbetal, „Und zudem ist es für uns ganz toll, dass Kinder und Eltern bereits früh mit der Musikschule in Kontakt kommen.“ Das Fach Eltern-Kind-Musik werde bereits seit dreissig Jahren angeboten – einziger Wermutstropfen sei die fehlende Subventionierung, die erst im Schulalter beginnt. Dank einer Stiftung könnten die Preise trotzdem tief gehalten werden. In Zusammenarbeit mit einer Kirchgemeinde soll bald ein neues Angebot lanciert werden, das Deutschkurse für Migrant:innen mit Eltern-Kind-Musik kombiniert.

Ein Erlebnis für Kinder – und für die Eltern

Auch in der Romandie zählt die vorschulische musikalische Bildung zu einem Grundpfeiler des Angebots. „Kleinkinder haben eine natürliche musikalische Sensibilität“, sagt Marie Reymond, Leiterin der Ecole de musique de Lausanne. Während Kurse für Kinder und Eltern in der Deutschschweiz oft erst ab etwa zwei Jahren starten, gibt es hier drei Abstufungen im Fach „Eveil musical“: für die Kleinsten, für 2-3jährige und für 3-4jährige, jeweils mit den Eltern zusammen. Rund die Hälfte besucht danach die darauf aufbauende dreijährige „Initiation musicale“ und bringt so mit sieben Jahren bereits ordentlich Rüstzeug für den Instrumentalunterricht mit. „Es ist sehr bereichernd, die Kinder während mehrerer Jahre zu begleiten“, berichtet Wolfgang Leresche, der sämtliche Altersgruppen unterrichtet, „Die ganz Kleinen gehen so spielerisch und fröhlich an die Musik heran. Zudem sehe ich auch, dass die Kurse Raum für schöne Momente zwischen den Kindern und ihren Eltern schaffen. Das finde ich sehr schön.“

Kursleiterin Anja Martin von der Musikschule Region Gürbetal

Fachausbildungen: auch für Kita und Spielgruppe

Für den Musikunterricht mit den Kleinsten können sich Musikpädagog:innen mit fachspezifischen CAS qualifizieren, die mehrere Hochschulen in der Deutschschweiz und in der Romandie anbieten. Auch die Musikschule „Espace musical“ und der Verein Eltern-Kind-Singen bilden Interessierte aus. Alle Ausbildungen geben Einblick in musikalische und allgemeine Entwicklungspsychologie, Methodik/Didaktik, altersgemässe Lied- und Spielrepertoires sowie in die Planung und Umsetzung eigener Angebote in der Musikschule, aber auch in der Kita und der Spielgruppe.

Musikalische und soziales Lernfeld

Besonders wichtig bei der Unterrichtsplanung ist der ritualisierte Ablauf. „Das ist für die Kinder zentral, denn der Unterricht fordert sie stark“, meint Andrea Strohbach von der Musikschule Luzern. Wenn der Ablauf immer ähnlich sei, wüssten die Kinder nach dem zweiten, dritten Mal wie es laufe und sie trauten sich immer mehr zu. Mithilfe von Liedern, Geschichten und Klangexperimenten – zum Beispiel laut und leise trommeln, Geräusche nachmachen, hohe und tiefe Töne erkennen – sammeln die Kinder erste musikalische Erfahrungen. Aber auch die Eltern profitieren. „Es tut den Eltern gut, loszulassen und ohne Druck Musik zu machen“, meint Martina Felber, Co-Präsidentin des Vereins Eltern-Kind-Singen, dem zahlreiche Musikschulpädagog:innen,  auch Anja Martin und Andrea Strohbach, angehören. Sie beobachtet auch, dass Familien mit kleinen Kindern manchmal der Kontakt zu Gleichaltrigen fehle: „In den Kursen entstehen Freundschaften.“

Zuhause weitersingen

Das bestätigen auch die Teilnehmenden in Belp, wo die Stunde unterdessen mit dem Abschiedslied geendet hat. Nach einem Besuch in der Zwergenwelt, Experimenten mit Geräuschen und Klängen und einem wilden Stopptanz sind die Kleinen sichtlich erschöpft. Sie habe nach einem Angebot gesucht, das ihr und ihrer Tochter unter der Woche soziale Kontakte ermögliche, berichtet eine Mutter, und eine andere ergänzt, das sei umso wichtiger, weil sie nicht in die Kita gehe. Für das Eltern-Kind-Turnen seien die Kinder noch zu klein. Nicht zu klein aber, um die Lieder aus dem „El-Ki-Singen“ zuhause nach- oder den Grosseltern vorzusingen.

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