Die Jungen hören die falsche Musik. Seit 2500 Jahren
Zu laut, zu simpel, zu kommerziell, zu wenig handgemacht: Über den Musikgeschmack der nächsten Generation wird zuverlässig die Nase gerümpft. Das war schon immer so. Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, was junge Menschen hören – und mehr darüber, unter welchen Bedingungen sie die Musik von morgen machen können.
Die schlechte Nachricht zuerst: Die Jugend hört die falsche Musik. Die gute: Sie tut das seit ungefähr 2500 Jahren.
Schon in der griechischen Antike wurde darüber nachgedacht, was neue musikalische Formen mit jungen Menschen und letztlich mit der Gesellschaft anstellen könnten. Platon jedenfalls hielt musikalische Moden keineswegs für harmlos. Veränderungen in der Musik konnten für ihn ziemlich schnell Veränderungen der staatlichen Ordnung nach sich ziehen.
Ganz so schlimm kam es dann doch nicht.
Dafür wiederholte sich das Stück mit bemerkenswerter Regelmässigkeit. Mozarts Werke hatten angeblich zu viele Noten, Jazz galt als anstössig, Rock’n’Roll verdarb die Jugend, Punk konnte angeblich gar keine Musik sein, Heavy Metal war gefährlich und Techno bloss «Bum-Bum». Später kamen Hip-Hop, Autotune und Streaming. Heute reichen manchmal fünfzehn Sekunden TikTok, damit eine ältere Generation überzeugt ist, nun sei das Ende der Musikkultur endgültig erreicht.
Es gehört offenbar zur Musik, dass sich jede Generation darüber aufregt, was die nächste aus ihr macht.
Zum Glück hört niemand auf uns
Dabei liegt genau darin eine ihrer grossen Stärken. Musik wird weitergegeben, aber sie gehorcht dabei nicht besonders gut.
Bach wird auf dem Synthesizer gespielt, Volksmusik mit elektronischen Beats kombiniert, ein Song aus den Achtzigern taucht vierzig Jahre später in einer Playlist von Jugendlichen auf. Grenzen zwischen E und U, Hochkultur und Pop, analog und digital interessieren dabei zunehmend weniger.
Das kann man als Verlust von Gewissheiten beklagen. Oder als beeindruckenden Beweis dafür verstehen, wie lebendig Musik ist.
Denn kulturelle Weitergabe bedeutet eben nicht, dass die nächste Generation gefälligst dasselbe tun soll wie die vorherige. Ein Erbe, das nur unverändert bewahrt werden darf, landet irgendwann im Museum. Musik dagegen bleibt lebendig, weil jede Generation sie sich aneignet, verändert – und gelegentlich auch gehörig gegen den Strich bürstet.
Die entscheidende Frage ist eine andere
Für die Musikpolitik ist deshalb nicht entscheidend, was die nächste Generation hört. Und schon gar nicht, ob uns das gefällt.
Entscheidend ist, ob sie überhaupt die Möglichkeit bekommt, Musik zu entdecken, zu lernen, selbst zu machen und öffentlich hörbar zu werden.
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Es braucht Musikunterricht an den Schulen. Musikschulen, die zugänglich bleiben. Programme wie Jugend und Musik. Vereine, Chöre, Bands und Orchester, in denen junge Menschen nicht nur Publikum sind, sondern mitmachen. Es braucht professionelle Ausbildung, Räume zum Proben und Auftreten und Rahmenbedingungen, unter denen aus musikalischer Leidenschaft irgendwann auch ein Beruf werden kann.
Und es braucht mediale und digitale Räume, in denen neue Schweizer Musik überhaupt gefunden wird. Denn eine Generation kann noch so kreativ sein: Wenn ihre Musik im algorithmischen Grundrauschen verschwindet, hilft ihr das wenig.
Das alles entsteht nicht von selbst. Vieles davon haben frühere Generationen aufgebaut. Wir haben es übernommen und tragen heute die Verantwortung dafür.
Unser Job ist nicht der Musikgeschmack der Zukunft
Vielleicht sollten wir den viel beschworenen Generationenvertrag in der Musik deshalb ganz einfach verstehen.
Unsere Aufgabe ist nicht, der nächsten Generation vorzuschreiben, welche Musik wertvoll ist. Wir müssen ihr auch nicht erklären, wie lange ein Song dauern soll, welche Instrumente darin vorkommen müssen oder ob Mensch, Computer oder Künstliche Intelligenz dabei mitspielen dürfen.
Unsere Aufgabe ist wesentlich unspektakulärer – und gleichzeitig anspruchsvoller: Wir müssen dafür sorgen, dass sie gute Voraussetzungen vorfindet.
Was die nächste Generation daraus macht, können wir ihr dann getrost selbst überlassen.
Vermutlich werden wir einiges davon schrecklich finden. Und das wäre ein gutes Zeichen.
