Eine Sonate für alle Arten von Klavieren
Die «Sonata da Cimbalo» von Marianna Martines verbindet den vorgegebenen spätbarocken Ablauf mit der Ausdruckspalette der Wiener Klassik.

Der Name der Wiener Sängerin, Komponistin und Clavierspielerin Marianna (von) Martines (1744–1812) ist längst kein Geheimtipp mehr. Sie war Schülerin von Joseph Haydn und wurde vom Hofpoeten und Librettisten Pietro Metastasio gefördert, der sie auch als Haupterbin seines Vermögens und seines künstlerischen Nachlasses einsetzte. Sie veranstaltete musikalische Soireen, die von Mozart und anderen musikalischen Grössen besucht wurden, und hinterliess geistliche Vokalwerke, ein Oratorium, eine Sinfonie sowie Klavierkonzerte und -sonaten. Jüngst ist die jüngste ihrer drei «sehr artigen Claviersonaten» (Burney) in einer Einzelausgabe erschienen. Die einzige Quelle dafür ist eine Dresdner Abschrift, welche das Werk aufs Jahr 1769 datiert.
Den stilistischen und pädagogischen Hintergrund dieser Sonate bilden jene Divertimenti, die der Hofkomponist Wagenseil für die begabten Töchter von Kaiserin Maria Theresia verfasst hatte. Spätbarocker Einheitsablauf wird hier kombiniert mit der Ausdruckskraft der späteren Wiener Klassik, speziell im Moll-Mittelsatz, der einiges an rhythmischer Differenzierungsfähigkeit erfordert. Die raschen Aussensätzen bergen manche typischen Bewegungsmuster der Claviermusik des mittleren 18. Jahrhunderts.
Vielleicht hätte mir diese Sonate meine jugendliche Sonatinen-Krise im Klavierunterricht besser überwinden geholfen als die unerträgliche Leichtigkeit der längst abgespielten Clementi- und Kuhlau-Kleinigkeiten, und möglicherweise hätte sie mir die Kreativität längst vergessener, zu ihrer Zeit aber angesehener Komponistinnen eröffnet. Den tadellosen Notentext ergänzen wertvolle «Hinweise zur Aufführungspraxis», welche zur Bewältigung der bunten Ornamentik frühklassischer Claviermusik beitragen. Darum sei diese Sonate nicht nur den Cembalisten, sondern besonders den Spielerinnen aller Arten von «Clavieren» empfohlen.
Marianna Martines: Sonata da Cimbalo in G-Dur, hg. von Judith Valerie Engel, BA 10888, € 11.95, Bärenreiter, Kassel

