Festival Between Mountains: Zwischen Konzertsaal und Dancefloor
Zum zweiten Mal fand in Hölstein BL das Festival Between Mountains statt. Klassische Solistinnen und Ensembles trafen auf elektronische Liveacts und DJs.

Die zweite Ausgabe von Between Mountains erstreckte sich über drei Tage, vom 4. bis zum 6. September. Rund 800 Personen besuchten das Gelände auf der Holdenweid bei Hölstein BL; gegenüber der ersten Ausgabe wurden nach Angaben der Veranstalter doppelt so viele Tickets verkauft. Klassische Solistinnen und Ensembles trafen dabei auf elektronische Liveacts und DJs; Konzerte in Sälen gehörten ebenso zum Programm wie Auftritte im Freien und in ehemaligen Sanatoriumsräumen. Die verschiedenen Formate folgten oft dicht aufeinander – erst ein Klavierrezital, direkt im Anschluss ein Dancefloor auf dem Garagenareal.
Between Mountains versteht sich als Schweizer Variante des seit 2019 stattfindenden Detect Classic Festivals in Berlin, das Verbindungen zwischen klassischer Musik, Elektronik und anderen musikalischen Szenen sucht. Auf der Holdenweid wird zwischen den Konzerten gegessen, diskutiert und getanzt; Konzert und Festivalbetrieb sind bewusst nicht deutlich voneinander getrennt.
Andere Zugänge zur Musik
Baldur Brönnimann, der für die klassischen Programmteile mitverantwortlich ist, beschreibt den Gedanken dahinter als Suche nach anderen Zugängen zur Musik. Das Interesse an klassischer Musik sei keineswegs gering. Viele Menschen hörten sie heute über Streamingdienste und eigene Playlists, gingen aber trotzdem nicht in Konzerte.
Gerade darin sieht Brönnimann eine interessante Schnittmenge: Menschen, die sich durchaus für diese Musik interessieren könnten, für die der traditionelle Konzertrahmen aber eine Schwelle darstelle. «Das ist eigentlich ein bisschen die Grundidee: dass es eine Tür gibt», sagt er. Auf der Holdenweid soll diese möglichst weit offenstehen.
Das Publikum bewegt sich zwischen den verschiedenen Räumen und trifft dabei auf Musik, nach der es möglicherweise selbst nie gesucht hätte. Dabei geht es Brönnimann nicht einfach um die Verbindung von elektronischer und klassischer Musik. Entscheidend sei vielmehr, die Kategorien selbst weniger wichtig werden zu lassen. Idealerweise solle man gar nicht erst darüber nachdenken, ob das, was man gerade höre, neu oder alt, klassisch oder elektronisch sei. Im besten Fall sei es einfach Musik.
Franz Liszt mit Kuhglocken
Wie unterschiedlich sich dieser Gedanke in der Praxis auswirken kann, zeigte das Programm immer wieder. Die Walliser Pianistin und Komponistin Beatrice Berrut war gleich zweimal zu hören, zunächst im Freien bei Tageslicht, später in einem der Innenräume. Ihre beiden Auftritte fanden damit unter unterschiedlichen Bedingungen statt und machten deutlich, wie sehr die Wahrnehmung eines Konzerts auch vom jeweiligen Raum geprägt wird. Ein tadellos dargebotenes Werk von Franz Liszt wird auf einer kleinen Festivalbühne mit Kuhglocken im Hintergrund plötzlich zum Ohrenöffner der besonderen Art. Berrut führte in ihrem vielseitigen Programm Mahler-Bearbeitungen, Popklassiker und originelle Eigenkompositionen auf überraschende Weise zusammen.
Einen eigenen Akzent setzte auch das Junge Kammerorchester Baselland. Die sehr jungen Musikerinnen und Musiker traten mehrfach und auch mal mit einem Hauptakteur wie dem Trompeter Simon Höfele auf und wirkten dabei bemerkenswert selbstbewusst. Auch andere Beiträge schienen sich unmittelbar in die Offenheit des Formats einzufügen. Der Auftritt von Los Sara Fontan gehörte zu den gelungenen Festivalmomenten ebenso wie jener von AFAR & Kai Schumacher. Hier entstand jene Selbstverständlichkeit, die das Festival sucht: Musik musste nicht erst über ihre stilistische Zugehörigkeit definiert werden, sondern konnte sich im jeweiligen Moment und Raum behaupten.
Besonders deutlich zeigte sich beim gemeinsamen Auftritt von Acid Pauli und dem Detect Ensemble, wie unterschiedlich die Erwartungen an eine solche Begegnung sein können. Die Verbindung von elektronischem Künstler und klassisch geprägtem Ensemble liess zunächst eine pointierte musikalische Wechselwirkung vermuten. Das Konzert entwickelte sich dann vor allem als offene Improvisation, in der Acid Pauli dem Ensemble viel Raum liess und selbst eher zurückhaltend in Erscheinung trat.
Bitte mehr davon!
Für Brönnimann geht es bei diesem Experimentieren ohnehin um mehr als bloss um einige gelungene oder weniger gelungene Konzerte. Offenheit für neue Ideen prägt auch seine Arbeit mit jungen Dirigentinnen und Dirigenten im Contemporary-Conducting-Programm der Lucerne Festival Academy. Der klassische Ausbildungsbetrieb sei noch immer stark von Traditionen geprägt, sagt er. Umso wichtiger seien Orte, an denen noch nicht alles festgelegt sei und neue Ideen erprobt werden könnten. Die klassische Musik habe ihn immer fasziniert, ergänzt Brönnimann. Gleichzeitig sei sie ihm bisweilen wie eine «geschlossene Gesellschaft» vorgekommen. Heute versuche er deshalb, Räume für andere Erfahrungen zu schaffen: «Unser höchstes Ziel ist eigentlich, dass du gar nicht merkst, was du hörst.»
Between Mountains verfolgt diesen Anspruch konsequent, auch wenn die verschiedenen musikalischen Welten nicht immer gleich selbstverständlich ineinandergreifen. Auf der Holdenweid treffen unterschiedliche Publika und Hörgewohnheiten aufeinander – was daraus entsteht, bleibt offen. Und wenn zum Festivalschluss auch noch das Cello von Dobrawa Czocher in den umliegenden Wäldern des Baselbiets widerhallt, ist man geneigt zu sagen: bitte mehr davon.
