Abschied

Mit zwei «Zukurzgeschichten» verabschiedet sich Frank-Thomas Mitschke in den Ruhestand.

Frank-Thomas Mitschke — Das Ensemble «Après-Avantgarde» war zu Gast in H., und die sechs Musikerinnen und Musiker – engagiert in einer konzertierten wie gleichermassen konzertierenden Aktion vom städtischen Kulturamt und der Volkshochschule – brachte dem Publikum die Musik der Ultramoderne nahe. So z. B. das dreizehnminütige Epos «Niemaczegośtakiegojakprzypadek» des in der Umgebung von Opole sehr geschätzten Komponisten Zbigniew David Owidzenia. Dieser Meister moderner Töne vermied es sorgfältigst, auch nur eine Stelle in seinem Meisterwerk so zu gestalten, dass sie irgendjemand hätte nachsingen können. Stattdessen spielten sie ohne Partitur das, was ihnen der liebe Gott oder ihre Schwiegermutter eingeflüstert hatte. Wortreich erklärte der extra zu diesem Zweck aus Polen angereiste Maestro – es war schliesslich die Uraufführung des Werks, und Berichten zufolge soll es auch die einzige geblieben sein – die Bedeutung der 17 einzelnen Abschnitte aus seinem Epos. Leider auf Polnisch, was in H. so gut wie niemand verstand.

Die Einführung in das Opus Kakophonisticum des deutschen Tonsatzmeisters Johannes S. C. Heuslich übernahm der Alphornspieler des Ensembles. Er erklärte wortreich die Beziehungen zwischen den vom Alphorn zu erzeugenden Tönen und der Relativitätstheorie von Einstein – und das sogar auf Deutsch! Da er aber aus Bern stammte, hielten die Konzertbesucher dies ebenfalls für Polnisch und verstanden nichts, was sie umso heftiger applaudieren liess.

Leider brach der städtische Flügel der Firma Schiedmayer & Söhne unter dem geforderten siebenfachen forte im Opus Kakophonisticum zusammen, so dass Fräulein Schimmelpfennig, die als Vertreterin der Stadt beim Konzert zugegen war (sie hatte beim Streichholzziehen verloren) den Klavierstimmer Markus W. anrief. Dieser war glücklicherweise zuhause beim Abendessen, das er stehen liess und sofort in die Konzerthalle eilte, wo Besucher und Mitwirkende aufgrund dieser Panne eine Zwangspause machten und die einen mit ein paar Flaschen warmen Bier die Erinnerung an die erste Hälfte hinunterzuspülen versuchten, während die anderen sich mit warmen Wodka in die Stimmung für die anspruchsvolle zweite Konzerthälfte brachten.

Markus W. begab sich an die Arbeit, versuchte alles, um den alten Schiedmayer nebst Söhnen wieder spielbar zu machen und stimmte dann das Instrument. Dabei spielte er – wie das alle Stimmer zu tun pflegen – Akkorde, Tonleitern, Bruchstücke aus Mozart-Sonaten, Bach Präludien und Schubert Impromptus.

Bereits bei den ersten Klängen der Skalen kamen die ersten Besucher wieder in den Saal hinein, und bei Mozärtlichen Bruchstücken, gepaart mit Takten von Schubert, strömten alle Besucher, die schon mit dem Gedanken gespielt hatten, ein plötzliches Problem mit dem Babysitter vorzutäuschen, wieder in den Saal auf ihre Plätze.

Als Markus W. mit seiner Arbeit fertig war und seinen Stimmhammer wieder in seine Werkzeugtasche packte, brach ein frenetischer Beifall aus, er erhielt standing ovations und etliche «Zugabe»-Rufe, so dass er die gesamte eingestrichene Oktave noch einmal stimmte.

Als er die Bühne – immer noch unter tosendem Beifall – verliess und das Ensemble wieder die Bühne betrat, leerte sich der Saal mit rasender Geschwindigkeit – bis auf Fräulein Schimmelpfennig, die den Türschlüssel hatte und bis zum Schluss ausharren musste.

Die Kritik in der H´schen Zeitung überschlug sich vor Begeisterung und testierte Markus W. einen wunderbar-sensiblen Anschlag sowie ein beeindruckend grosses Repertoire.

Für alle künftigen Konzerte hat der Rat der Stadt H. beschlossen, den Namen des Stimmers in grossen Lettern mit Foto auf dem Plakat zu veröffentlichen, während die Namen der eigentlich engagierten Musiker neben den Vorverkaufsbedingungen im Kleingedruckten zu finden sind.

Mitschkipedia – MODERNE MUSIK: Wenn du in Konkurrenz zu Mozart oder Schubert trittst, hast du verloren.

Der Tenor

Ronald wollte Tenor werden. Mit jeder Faser seines Regenwurmkörpers fühlte er sich als Opernsänger, nichts lag ihm mehr am Herzen als die Meisterwerke des belcanto, und nichts konnte ihn davon abbringen, durch ständiges Üben zu versuchen, diesem Ziel näher zu kommen.

Leider war seine Stimme – vielleicht auch aufgrund seines naturgemäss sehr beschränkten Körperumfangs – sehr klein, und zudem hatte er hatte Mühe, die tenoralen Kapriolen erschallen zu lassen, die beispielweise der grosse Gioacchino Rossini dem Grafen Almaviva in die Gurgel gelegt hat. So beschloss er, bei Madame Grazielle Gazelle in Paris Unterricht zu nehmen. Sie war bekannt für ihre unglaubliche Leichtigkeit bei schwersten Koloraturen – die Königin der Nacht klang bei ihr, als habe Mozart ein harmloses Kinderlied komponiert. «Bonjour» begrüsste Ronald Regenwurm Mme Gazelle, «ich möchte meine Stimme bei Ihnen ausbilden lassen, besonders liegen mir Ihre wunderbaren Koloraturen am Herzen, die ich mit der gleichen Leichtigkeit, der gleichen Grandezza…..» «Merci, merci» unterbrach ihn die berühmte Sängerin und schaute ihm in die Augen – was nicht ganz leicht war, da sie sich dazu sehr tief bücken musste. «Alors, mon cher – singen Sie, singen Sie!» Ronald sang die Arie des Grafen Almaviva und stolperte durch die Koloraturen. «Oui, eh – wissen Sie» sagte Mme, «was Sie brauchen, ist zunächst einmal Volumen, Volumen, Volumen – ohne das können Sie nicht beste‘en in der Opéra! Mein Rat: ge‘en Sie zu Leopold Löwe, dem grossen Bariton – er singt alles an die Wand, das sich ausser ihm auf der Bühne auf‘ält, und von ihm werden Sie die Technik lernen, mit Ihrer Stimme ein ganzes Opern‘aus zu füllen!»

Ronald reiste nach Milano, wo der grosse Leopold Löwe als Stargast an der Scala sang. Er hatte die Arie des Herzogs von Mantua aus Verdis Rigoletto vorbereitet, aber ehe er dem grossen Bariton stimmlich unter Beweis stellen konnte, dass ihm alle Frauen gleichermassen lieb seien, unterbrach ihn der Sänger und dröhnte mit seiner berühmten Donnerstimme «Carissimo, bene, bene – aber ich kanne Sie nichte unterrichtene! La voce – äh, Stimme viel zu klein, troppo piccola, fehlte Fundamente…..Sie brauchene Basisunterrichte bei grosse Martin Maulwurf, grösster Basso der Gegenwarte! Seine voce so tief wie seine Wohnunge unter Erde, huahuahua, der machen mit dir Basisarbeite und dann du komme wieder bei mir und wir arbeitene zusammene!»

Ronald Regenwurm nahm dankbar den Ratschlag an und reiste nach München, wo der Bass Martin Maulwurf an der Staatsoper sang. Seine Wohnung befand sich in der Tat tief unter dem Erdgeschoss, im 5. Untergeschoss, weil er es dort so angenehm und ruhig fand und weil er glaubte, dass seine berühmten tiefen Töne sich weit unter der Erde besser entwickelten. Ronald sang «Nessun dorma» aus Puccinis Turandot, und er sang mit einer nie gekannten Inbrunst und Leidenschaft.

Maulwurfs Nachbar, Werner Wühlmaus, erzählte später, dass gerade in dem Moment, in dem er auf das hohe «b» als Schlusston der Arie wartete und er schon wegen Ruhestörung an die Wand klopfen wollte – es war schliesslich Mittagszeit – der Gesang plötzlich abbrach und er ein lautes Schlürfen und Schmatzen aus der Nachbarwohnung hörte. Die Bretter, die die Welt bedeuten, mussten auf Ronald Regenwurm verzichten.

Und die Moral von der Geschicht: Auch für einen Tenor reicht es nicht aus, zu singen wie ein Wurm!

Das könnte Sie auch interessieren