Die bunte Vielfalt des Schweizer Jodels

Der Schweizer Jodel hat eine jahrhundertealte Geschichte. Immer wieder hat er sich verändert, dem gesellschaftlichen Klangideal angepasst und sich wieder neu erfunden.

Beim Jodel denken heute viele an bunte Trachten, Schweizerfahnen und idyllische Berglandschaften. Doch dieses stereotype Bild wird der Vielfalt und der Geschichte des Jodels kaum gerecht. Der Jodel stellte nie eine isolierte Vokaltradition dar, sondern stand immer im Austausch mit unterschiedlichen Musikgenres und den jeweiligen gesellschaftlichen Idealen. So hat er sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert: in Bezug auf seinen Klang, seine Funktion und seine Wahrnehmung in der Gesellschaft.

Der geheimnisvolle Kuhreihen

Die ältesten Erwähnungen von jodelartigen Klängen stammen aus dem späten 400. Jahrhundert, als christliche Mönche die Alpen überquerten und dort die «schrecklichen Jubelschreie der Hirten» beschrieben. Hinter diesen Rufen steckte mutmasslich eine Kommunikationsform der Alpenbewohner über weite Distanzen hinweg. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts werden Alpengesänge und -melodien in schriftlichen Quellen als «Kuhreihen» bezeichnet und durch fremde Reisende aufgeschrieben. Die älteste schriftliche Notation eines «Kue Reiens» mit Jodelsilben und Text stammt aus dem Liederbüchlein der appenzellischen Nonne Maria Josepha Barbara Brogerin aus dem Jahr 1730.

1768 notierte der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau in seinem Dictionnaire de ­musique einen Ranz des Vaches – das Äquivalent zum Kuhreihen in der Romandie. Dazu gibt er eine Legende aus dem späten 17. Jahrhundert wieder, wonach die Schweizer Söldner beim Anhören des Kuhreihens vom Heimweh gepackt, in Tränen ausgebrochen und aus dem Sold desertiert seien. Diese Legende war mitverantwortlich dafür, dass der Kuhreihen im Laufe der Zeit immer weiter mystifiziert wurde und im 18. und 19. Jahrhundert von unzähligen Komponisten als Inspira­tionsquelle für ihre Alpenromantik diente, so z.B. die Ouvertüre von Giacomo Rossinis Oper«Wilhelm Tell».

Der Eidgenössische Jodlerverband und das Jodellied

Klangideale aus der klassischen Musik schwappten im 19. Jahrhundert auf den Jodel über: es entstand das mehrstimmige Jodellied mit Texten, die die heimatlichen Landschaften, die Berge und ein idyllisches Leben auf dem Land beschrieben. So existierten zu Beginn des 20. Jahrhundert zwei ­unterschiedliche Jodelarten nebeneinander: der wortlose Naturjodel,  der nur auf Silben gesungen und heutzutage vor allem rund um den Alpstein, im Muotathal, im Entlebuch und im Berner Oberland gepflegt wird und das Jodellied mit Strophen, welches besonders durch den 1910 gegründeten Eidgenössischen Jodlerverband (EJV) protegiert wurde und sich immer stärker als Schweizer Nationalsymbol etablierte – eine Entwicklung, die den Schweizer Jodel besonders vom österreichischen Jodel (der sogenannten «Tyrolerei») abgrenzen sollte. Seit 1924 veranstaltet der EJV regelmässig Jodlerfeste mit Jodelwettbewerben, die nach einem strengen Reglement durchgeführt werden.

Aktuelle Entwicklungen

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts entstand gegen diese stickten Regeln Widerstand. Besonders in den urbanen Gebieten wurde nach neuen Möglichkeiten für den Jodel gesucht: das Urban Yodelling. So vermischte etwa die Berner Sängerin und Schauspielerin Christine Lauterburg in den 1990er-Jahren den Jodel mit Techno und Dancefloor, ein Crossover, das bei vielen Tradi­tionalisten für Empörung sorgte.

Seit ungefähr 2010 sind weitere Entwicklungen im Bereich des Jodelns zu beobachten: etwa der sogenannte Wildjodel. Hier suchen experimentierfreudigen Jodler*innen nach den archaischen Ursprüngen des Jodels und verbinden ­diese mit traditionellen Musiken aus anderen ­Kulturen. Sie kreieren dadurch eine Möglichkeit, den Jodel auch im Zeitalter der Globalisierung ­relevant zu machen.

Radiosendung SRF2 Kultur: «Passage»: Vom Kuhschrei zum Jodeldiplom: Die Geschichte einer Vokaltradition, Freitag, 27. 2. 2026, 20 Uhr

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