Die vielfältige Welt der Musikdiagramme

Eine Neuerscheinung in der Serie II der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft vermittelt Einblicke in die noch wenig erforschte Geschichte der Musikdiagramme.

Die Editionsreihe Publikationen der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft stellt ein zentrales Podium für die musikwissenschaftliche Forschung in der Schweiz dar und widmet sich in erster Linie Themen mit inhaltlichem Bezug zur Schweiz. Sie umfasst sowohl grössere Einzelstudien als auch Festschriften und Kongressberichte und offenbart die schweizerische Kulturgeschichte in ihrer gesamten Bandbreite.

Der reich illustrierte Band «The Art of Musical Diagrams – From Boethius to Albersheim and Beyond» (2026) wurde von Daniel Muzzulini redigiert und enthält Beiträge eines internationalen Teams von Autorinnen und Autoren, die aufzeigen, dass visuelle Strategien das musikalische Denken seit jeher geprägt haben.

Der Publikation vorausgegangen sind das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Projekt «Sound Colour Space – A Virtual Museum» (2015–2016) an der Zürcher Hochschule der Künste, das eine vernetzte Sammlung musik- und farbtheoretischer Diagramme präsentiert, und eine Online-Vortragsreihe der 2020 gegründeten Study Group «Musical Diagrams» der International Musicological Society.

Die ersten beiden Kapitel (Daniel Muzzulini) befassen sich mit pythagoreischen Intervallen in historischen Visualisierungen. Zur Sprache kommen unter anderem Dreiecksmatrizen, mit denen sich Ketten aus gleichen Intervallen bestimmen lassen, und vollständige Graphen, die bei der Analyse komplexer Intervallstrukturen eingesetzt wurden.

Das dritte Kapitel (John L. Snyder) befasst sich mit Theinred von Dovers «De legitimis ordinibus pentachordorum et tetrachordorum». Der Traktat und seine innovativen Diagramme haben in der Geschichte der Musiktheorie keine erkennbaren Spuren hinterlassen. Ein vergleichbares Kreisdiagramm in René Descartes’ «Compendium musicae» (1619) dürfte unabhängig von seinen Vorläufern entstanden sein.

Das vierte Kapitel (Judith I. Haug) zeigt, dass Kreisdiagramme in arabischen, persischen und ottomanisch-türkischen musiktheoretischen Quellen weit verbreitet sind. Nicht nur die Oktavähnlichkeit, auch zeitlich rhythmische Periodizität wurde am Kreis veranschaulicht. Ein Beispiel zur diatonischen Skala mit einer kleinen Lücke zwischen den beiden Endpunkten der Oktave ­erlaubt die Unterscheidung von Quarten und gegenläufigen Quinten.

Das fünfte Kapitel (Susan Forscher Weiss) thematisiert Darstellungen der musikalischen Hand und Volvelles (Diagramme mit drehbaren Teilen). Die konventionelle Verortung von Tonhöhen und Solmisationssilben auf der Hand steuert die Vermittlung und Umsetzung eines spezifischen musikalischen Repertoires. Und die verschiedenen Zustände einer Volvelle verleihen einem zweidimensionalen Diagramm eine zusätz­liche dynamische Komponente, die in einem didaktischen Kontext ausgenutzt werden kann.

Kreisdiagramme und Volvelles sind auch Thema des sechsten Kapitels (Michael R. Dodds). Das Interesse gilt dem Übergang vom modalen Denken zum modernen System der frei transponierbaren Tonarten. Die Volvelles von António Fernandez (1626) und João Muito Vaz Barradas (1735) basieren auf einem Tonsystem mit 55 Stufen pro Oktave und deuten Transpositionen als Rotationen.

Das siebte Kapitel (Christoph Reuter) befasst sich mit Visualisierungen zur Klangfarbe. Der Vokal­zylinder von Gerhard Albersheim (1939) und der Klangfarbenraum von John Grey (1975) sind Eckpfeiler eines dynamischen Zugangs zu einem noch immer nicht abschliessend verstandenen mehrdimensionalen Phänomen.

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