Aus der Not eine Tugend machen

Viele Musiklehrpersonen finden, dass die Lektionen ihrer Schüler*innen zu kurz sind und dass sie zu viele Lektionen in zu kleine Zeitfenster pferchen müssen. Für längere Lektionen fehlt aber das Geld, und aus organisatorischen Gründen bleibt das Musikunterrichts-Zeitfenster relativ klein.

Die Lösung dieser Probleme kann darin bestehen, dass man aus der Not eine Tugend macht und Unterrichtsformen findet, bei denen die Schüler*innen mehr Zeit an der Musikschule verbringen, ohne dass die Lehrpersonen länger unterrichten müssen, was aus Kostengründen nicht geht. Man müsste also davon abkommen, Einzelunterricht als einzig wahre Unterrichtsform zu sehen. Ensembleunterricht ist sicher eine gute Ergänzung zum Einzelunterricht, aber er ist nur sinnvoll, wenn die Ensemblemitglieder schon ein gewisses Können mitbringen. Und im Gruppenunterricht besteht die Gefahr, dass einzelne Schüler*innen über- oder unterfordert werden. Wie kann also ohne zusätzliche Kosten eine Lernsituation mit mehr Präsenzzeit entstehen, in der sich die Schüler*innen voll entfalten können, in der sie nachhaltig lernen und in der sie auch zum effizienten Üben angeregt werden?

Ich interviewe Musiklehrpersonen, die der Zeit voraus waren, als sie vor Jahren schon neue musikpädagogische Wege gegangen sind.

MultiDimensionaler Instrumentalunterricht

Gerhard Wolters ist sicher vielen bekannt, weil sie bei ihm bereits eine Weiterbildung in MDU® besucht haben. Und auch wenn nicht alle finden, dass seine Methode an ihrer Musikschule umsetzbar ist, will ich mir gerne selbst ein Bild machen, und ich treffe ihn zum Gespräch in seiner Akademie für musikalische Innovation in Langnau im Emmental.

MW: Lieber Gerhard, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, mir Deine Methode vorzustellen. Was ist MDU?

Gerhard Wolters: Im MDU geht es um schülerorientierten Unterricht, wobei das nicht mit schülerzentriertem Unterricht verwechselt werden darf. Im schülerorientierten Unterricht nimmt die Lehrperson stets die Bedürfnisse des Schülers wahr, sie lässt ihn aber nicht alles bestimmen, da sie ja einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung hat, sondern sie gibt Ratschläge, die garantieren, dass das angestrebte Ziel auch erreicht werden kann. Wichtig ist, dass der Schüler nur dann vom Lehrer unterrichtet wird, wenn er das wirklich braucht, also wenn er etwas Neues erfährt oder wenn er eine Frage klären möchte. Sobald dieser Punkt erreicht ist, braucht der Schüler, das, was er verstanden hat, nur noch üben. Dazu benötigt er keinen Lehrer. Den braucht er erst wieder, wenn eine Frage auftaucht oder wenn einmal exemplarisch geübt wird. Wir haben dafür ein Ampelsystem: Rot heisst, der Schüler braucht einen Input vom Lehrer, Gelb, der Schüler hat verstanden und Grün, der Schüler beherrscht das Stück oder eine Sequenz davon und der Lehrer kann nur noch zuhören und geniessen. Wichtig ist, dass der Schüler bei Gelb ungestört üben kann, ohne dass der Lehrer daneben steht und kommentiert. Wir haben für das Lehrerbefinden bei Gelb sogar ein Wort geschaffen: «EUGAZE» – emotional unmöglich, Gelb anwesend zu ertragen.

Deshalb braucht man für diese Unterrichtsform mehrere Räume?

Für den ersten Schritt sicher noch nicht – da geht es erst einmal darum, als Lehrperson die Schüler-Orientierung mit klaren Methoden zu «üben». Später sind dann erweiterte organisatorische Rahmenbedingungen von grossem Vorteil, wenn idealerweise mehrere Personen dazukommen: Schüler*innen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Niveaus und sogar weitere Lehrpersonen. Die Fortgeschrittenen lernen, indem sie den Anfängern zeigen, wie etwas geht. Oder sie merken, dass sie ein Stück, das eigentlich eine Stufe unter ihrem heutigen Niveau ist, gar nicht so leicht spielen können, ohne es wieder zu üben. Sie festigen dadurch, was sie kürzlich gelernt haben. Die Kleinen lernen manchmal lieber von den Grossen als von der Lehrperson, aber sie können den Grossen auch helfen, indem sie diese z.B. beim Vorspiel ablenken und die Grossen so ihre Konzentrationsfähigkeit fürs Vorspiel trainieren können, und alle haben einen Heidenspass dabei! Arbeiten sogar mehrere Lehrpersonen im Teamteaching, können sie bewusst ihre individuellen Stärken für bestimmte Aufgaben einsetzen.

Wie sieht denn die Dimension Zeit hier aus?

Wir beobachten in der MDU-Praxis regelmässig, dass unsere Schüler*innen viel mehr Zeit an der Musikschule verbringen. Innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens haben sie Einzelunterricht, üben sie alleine oder mit anderen, geben sie den Kleineren weiter, was sie schon können und lernen von den Grösseren. Musikalische Spiele und Theorieunterricht haben ebenfalls Platz in der Zeit.

Wie löst du das mit der Bezahlung dieses Unterrichts?

In einer festen Gruppen von vier Kindern z.B. bezahlt jedes 30 Minuten und alle können zwei Stunden da sein. Man kann die Flexibilität aber auch steigern bis zum Punkt, an dem die Schüler*innen täglich, sagen wir zwischen 14:30 Uhr und 19 Uhr zur Musikschule kommen können, wann immer sie wollen. Wer 60 Minuten bezahlt, kann das jeden Tag tun. Wer 40 Minuten bezahlt, an zwei flexiblen Tagen und wer 30 Minuten bezahlt an einem Tag. Es gibt dann natürlich Stosszeiten, zu denen ganz viele Kinder da sind, die gemeinsam üben sowie Spiele und Stücke spielen. Viele Kinder geniessen die Interaktion mit den anderen und sind dadurch unglaublich motiviert zu üben und zu spielen. Und wenn sie irgendwo nicht weiterkommen, ist ja der Lehrer da, der weiterhilft. Ruhigere Schüler*innen und besonders Talentierte kommen zu den Randzeiten, das regelt sich ganz von selbst. Sie merken schnell, dass die Lehrperson dann besonders viel Zeit für sie hat. Insofern braucht es in diesem System auch keine separate Talentförderung. Die ergibt sich ganz natürlich.

Auch wenn man noch in festen Gruppen arbeitet, ist es sinnvoll, sogenannte Chaoswochen oder zumindest Chaostage einzuführen, an denen der Unterricht in diesem ganz flexiblen Modell stattfindet. Damit das funktionieren kann, ist eine gute Kommunikation mit den Schüler*innen und v.a. auch den Eltern das A und O. Mit entsprechend geschulten Argumenten überzeugen wir in der Regel fast alle Eltern dass ihr Kind etwas Neues z.B. sechs Wochen ausprobiert, wenn sie realisieren, dass ihr Kind so besser gefördert wird und fürs gleiche Geld viel mehr Lernzeit erhalten kann. Und dazu hat es dabei viel Spass! Die Erfahrung zeigt, dass sie dann eher dazu bereit sind, ihr Kind zum etwas weiter entfernten Unterrichtsort zu fahren oder fahren zu lassen. Dezentraler Unterricht ist ja hier weniger gut möglich.

Du erteilst Seminare und bildest auch zur MDU-zertifizierten Lehrperson aus. Gelingt es diesen Lehrpersonen, das Prinzip des Simultanunterrichts umzusetzen, auch wenn ihre Musikschule vielleicht in einer Region mit vielen Bergtälern liegt, wo dezentraler Unterricht die Norm ist?

Ja, absolut! Da ist z.B. Sami Lörtscher, der an der Musikschule Interlaken Ost begeistert Trompete nach MDU® unterrichtet. An dieser Musikschule konnte auch ein geeignetes Raumangebot geschaffen werden. Bei den Chaoswochen waren es zwei 8-jährige Mädchen aus Grindelwald, die die meiste Zeit an der Musikschule verbracht haben. Sie haben sich an drei Wochentagen nach der Schule in den Zug nach Interlaken gesetzt, um in die Musikschule zu fahren.

Sami Lörtscher und Sämi Seiler haben viel Spass beim Trompetenunterricht nach MDU®
Foto Gerhard Wolters

Oder da ist Schlagzeuglehrer Andreas Aeppli, der in Winterthur eigens in einen geeigneten Raum mit eingebauten Übezellen investiert hat und dort seinen Musikschulunterricht stattfinden lässt, um nur zwei zu nennen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen und Videos finden Sie unter: www.mdu.ch

Talentförderung

Die ungefähr 2% der Musikschüler*innen, die besonders talentiert sind, brauchen eine besondere Förderung. Heute gibt es etablierte Förderprogramme, Talentkarten und Förderbeiträge des Bundes.
2017 haben zwei engagierte Kolleginnen an der Musikschule Bantiger eine regionale Talentförderung aufgebaut, und sie haben dabei Erkenntnisse gewonnen, die für alle, die heute in der Talentförderung arbeiten, interessant sein können.

Ich spreche mit Valentina Zürcher, Flötistin, Mentaltrainerin und frühere Schulleiterin und mit der Geigerin und Komponistin Gabrielle Brunner, die als Violinpädagogin unzählige Schüler*innen erfolgreich auf Wettbewerbe und Hochschuleintritte vorbereitet hat.

MW: Wie kam es zum Projekt Talentförderung?

Valentina Zürcher (VZ): Als Schulleiterin der Musikschule Wohlen AG kannte ich andere kantonale Fördermodelle, und als Mutter einer Tochter auf dem Weg in den Spitzensport habe ich miterlebt, wie Förderung dort organisiert wird: Trainiert wird mehrmals die Woche – von Anfang an im Team. Es gibt vielfältigen Support und Möglichkeiten, an regionalen, kantonalen und nationalen Veranstaltungen teilzunehmen und Feedback zu erhalten.
Daraus entstand mein Wunsch, an der Musikschule etwas Ähnliches aufzubauen. Ich fragte im Kollegium, ob jemand mitarbeiten möchte – und Gabrielle meldete sich sofort.

Gabrielle Brunner (GB): Ich hatte schon lange erkannt, dass begabte und überdurchschnittlich interessierte Schüler*innen mit dem damaligen Angebot zu wenig gefördert werden konnten, und habe mich deshalb mit Freuden engagiert.

Wie seid Ihr vorgegangen?

VZ: Zur Auftaktveranstaltung hatten sich vierundzwanzig Teilnehmende (7-15j.) angemeldet. Wir schrieben das Angebot im ersten Jahr kostenlos aus, um mit den Teilnehmenden zu besprechen, welche Bedürfnisse sie haben und was zeitlich für sie sinnvoll sein könnte. Sie wollten sich vor allem  mit Gleichgesinnten treffen, musizieren, sich austauschen, Konzerte spielen. Von da an trafen wir uns vierzehntäglich.

Konnten alle teilnehmen, oder habt ihr eine Auswahl getroffen?

GB: Alle! Es ist ja immer ein Wunder, wie sich Kinder entfalten, in ihrer menschlichen und künstlerischen Entwicklung, zu was immer das dann auch führt. Auch ein Hochbegabter muss nicht Berufsmusiker werden; vielleicht wird er ein ganz toller ∙Arzt, und die musikalische Förderung hat ihm in seiner persönlichen Entwicklung als Mensch für diesen Weg ganz viel mitgegeben.

Wie sah das Programm aus?

VZ: Wichtigste Bestandteile des Programms waren der Austausch im Plenum, Kammermusik und Korrepetition. Die Teilnehmenden haben in angeleiteten Settings gelernt, gezielt darüber nachzudenken, was sie musikalisch erleben möchten. Wir haben entsprechende Gruppen gebildet, wobei oft auch unterschiedliche Altersstufen miteinander ins Spiel kamen.

GB: Und wir haben Stapel von Noten mitgebracht, damit sie herausfinden konnten, was ihnen gefällt. Und natürlich standen uns auch einige Hauptfachlehrpersonen mit ihren Literaturempfehlungen zur Seite.

Wurden die Hauptfachlehrpersonen auch sonst eingebunden?

VZ: Natürlich, einige haben mitunterrichtet oder waren zu Talentförderzeiten und bei Konzerten da.

GB: Das Programm hat ja nicht nur aus Kammermusik, Vorspielen und darüber Sprechen bestanden, es gab auch die Arbeit mit Korrepetitor*innen, begleitetes Üben, Mini-Masterclasses, Theorie- und Musikgeschichte-Unterricht, Improvisation und Workshops zu bestimmten Themen. Da haben wir immer Kolleg*innen beigezogen.

Und das zumindest zu Beginn ehrenamtlich?
GB: Ich habe das nicht als ehrenamtliche Tätigkeit verstanden sondern als Bestandteil meines Bildungsauftrags, und mit der Zeit wurden wir dann auch teilweise entschädigt.

VZ: Ja, zu einem grossen Teil. Doch es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt.

Wo habt ihr in dieser Arbeit eure Schwerpunkte gelegt, und was nehmt ihr aus dieser Zeit mit?

VZ: Mein Schwerpunkt lag neben der gesamten Organisation beim Mentaltraining und beim Aufbau einer Feedbackkultur. Faszinierend war zu beobachten, wie die Kinder und Jugendlichen ihre künstlerischen Lernprozesse zunehmend selbst verantworteten. Als auditiver Mensch beschäftigt man sich mit innerem und äusserem Hören und versucht, kognitive, motorische und instrumentale Fertigkeiten – mit stetiger Hingabe – zu differenzieren. Dass sich daraus neue Fragen und Aufgaben ergeben, lässt sich bereits sehr früh erlernen. Die Musik mit Gleichgesinnten zum Klingen zu bringen und zu erforschen, wie man sie noch gestalten oder empfinden könnte, motiviert unglaublich.

GB: Wenn ein/e Schüler/in eine Leidenschaft zeigt, ist es meine Verpflichtung, alles zu geben, dass das Vorhaben gelingt. Ich bin recht streng und fordere klanglich, technisch, musikalisch viel von meinen Schüler*innen. Gutes Musizieren braucht einen ganzheitlichen Einsatz von Körperspannung, etwas ausdrücken Wollen, von hoher Präsenz im Augenblick und technischem Können. In den Kursen konnten wir das vertiefen und in Vorspielsituationen ausprobieren. In der Zusammenarbeit mit den anderen haben sie Fortschritte darin gemacht, selber zu denken, ihre Gefühle wahrzunehmen und ihre Empfindung exakt umzusetzen. Und die Vorspiele, die wir organisiert haben, haben sie natürlich zum viel mehr Üben motiviert. «Put the music first», war unser Motto.

 

Haben auch Sie Erfahrungen mit Methoden und Projekten gemacht, die bewirken, dass Kinder und Jugendliche länger und oder öfter an Musikschulen sind und dass sie motiviert werden, gerne zu üben? Dann würde ich gerne in einer nächsten Nummer darüber schreiben. Schreiben Sie mir an: marianne.waelchli@smpv.ch                        

 

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