​​​​​​​ Zehn Jahre SONART: Den vollen Wert des Musikerberufs zur Anerkennung bringen

Als ich den Vorsitz von SONART übernahm, tat ich dies aus tiefer Überzeugung: Musik ist einer der grossen Schätze unseres Landes, ein unverzichtbares Gut – doch diejenigen, die sie mit Leben füllen, erhalten nicht immer die berufliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung, die sie verdienen.

Als ausgebildete Musikerin und heutige Direktorin einer Musikhochschule begegne ich täglich Künstlern und Künstlerinnen mit den unterschiedlichsten Werdegängen. Mir ist bewusst, wie anspruchsvoll ihr Engagement ist und wie fragmentiert ihre Arbeit oft zwischen künstlerischen Auftritten, Lehrtätigkeit, Komposition, Projektmanagement und kultureller Vermittlung ist. Ich bin mir auch der Verletzlichkeit bewusst, die solche Laufbahnen bisweilen mit sich bringen. Deshalb bin ich der Ansicht, dass die kommenden Jahre entscheidend sein werden, um die Rahmenbedingungen für die Musikberufe in der Schweiz zu stärken.

Eine erste Priorität liegt auf der Hand: die Umsetzung der Honorarempfehlungen von SONART. Nach der beachtlichen Arbeit des Verbandes verfügen wir heute über einen klaren Rahmen, um musikalische Arbeit besser zu vergüten. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Empfehlungen in die Realität umzusetzen.

Dieser Schritt erfordert Dialog, Aufklärungsarbeit und eine gemeinsame Verantwortung. Es gibt Widerstände. Einige Veranstalter*innen befürchten zusätzliche Kosten, einige Gemeinwesen zögern noch, ihre Förderinstrumente anzupassen. Dennoch bleibt eines unbestreitbar: Niemand möchte, dass die eigene Arbeit unterhalb der tatsächlichen Kosten vergütet wird. Warum sollte es für Künstler*innen anders sein?

Eine der zentralen Herausforderungen besteht zweifellos darin, das sichtbar zu machen, was normalerweise unsichtbar bleibt. Wenn ein Publikum ein Konzert besucht, erlebt es ein oder zwei Stunden Musik. Es sieht nicht die unzähligen Stunden der Vorbereitung, die Proben, die Reisen, die Verwaltungsarbeit, die Recherche, die Bemühungen um Auftrittsmöglichkeiten oder die ständige persönliche Weiterentwicklung, die eine Musikkarriere erfordert. Wie viele andere kreative Berufe basiert auch die Musik auf einem riesigen, unsichtbaren Teil des Eisbergs. Doch diese Arbeit hat einen Wert. Sie verdient es, anerkannt und vergütet zu werden.

Die zweite Priorität ist die soziale Vorsorge. Zu viele freiberufliche Musiker*innen bewegen sich heute in Systemen, die nicht mehr der Realität ihrer beruflichen Laufbahnen entsprechen. Schwankende Einkommen, eine Vielzahl von Arbeitgebern, der Wechsel zwischen unselbstständiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit: Diese Modelle sind zur Norm geworden, während unser Sozialversicherungssystem noch immer weitgehend auf andere Lebensmodelle ausgerichtet ist.

Es handelt sich nicht nur um eine technische oder administrative Frage. Es geht darum, Künstler*innen zu ermöglichen, ihre Zukunft mit mehr Sicherheit zu gestalten. Es geht auch darum, unsere Berufe für die neuen Generationen attraktiv zu machen. Als Leiterin einer Bildungsinstitution liegt mir dieses Thema besonders am Herzen. Junge Musiker*innen auf künstlerische Exzellenz auszubilden, macht nur Sinn, wenn wir uns auch Gedanken über die Bedingungen machen, unter denen sie ihren Beruf künftig ausüben können.

Ein aktuelles Anliegen macht zudem deutlich, wie fragil die Sichtbarkeit der Schweizer Musik nach wie vor ist. Die Ankündigung der SRG, die Sender Radio Swiss Pop, Radio Swiss Classic und Radio Swiss Jazz zu verkaufen, hat bei ­SONART grosse Besorgnis ausgelöst. Den angekündigten Bedingungen zufolge verpflichten sich die neuen Betreiberinnen zwar, die aktuelle Programmausrichtung und einen Mindestanteil von 50 % Schweizer Musik beizubehalten – allerdings nur für die Dauer von zwei Jahren. Darüber hinaus gibt es keinerlei Garantien.

Dieser Entscheid kommt überraschend. Seit vielen Jahren dienen diese Sender als wichtige Plattformen für die Verbreitung, Entdeckung und Förderung Schweizer Künstler*innen. Sie tragen nicht nur zur kulturellen Vielfalt der Medienlandschaft bei, sondern generieren dank Urheber- und Leistungsschutzrechten auch bedeutende Einnahmen für die Urheber*innen. SONART hat sich mit Überzeugung für eine starke SRG und einen ambitionierten Service public eingesetzt, eben weil diese eine entscheidende Rolle für die Sichtbarkeit des Schweizer Musikschaffens spielen. Heute fordern wir, dass die Präsenz der Schweizer Musik dauerhaft gesichert wird und dass allfällige Einbussen an Sichtbarkeit in den anderen Radio-, Fernseh- und digitalen Digitalangeboten des Service public konkret ausge­glichen werden. Der musikalische Reichtum unseres Landes verdient mehr als nur eine kurzfristige Garantie.

Schliesslich wünsche ich mir, dass SONART auch weiterhin ein echtes gemeinsames Zuhause für die Musikschaffenden des Landes bleibt. Die Stärke unseres Verbandes liegt in seiner Fähigkeit, alle Sprachregionen und alle Musikstile zu vertreten. Klassische Musik, Jazz, aktuelle Musik, zeitgenössische Musik, Komposition, Filmmusik, Improvisation, Bühne oder Studio: Was uns verbindet, ist stärker als das, was uns unterscheidet. Wir teilen dieselbe Leidenschaft, aber auch gemeinsame berufliche Herausforderungen.

Im Jahr 2027 feiert SONART sein zehnjähriges Bestehen. Dieses Jubiläum wird sicher ein Anlass zum Feiern sein. Es soll aber auch eine Gelegenheit sein, unseren Mitgliedern zuzuhören, eine klare Bestandsaufnahme zu machen und gemeinsam die Prioritäten für das nächste Jahrzehnt festzulegen. Die Schweiz braucht ihre ­Musiker*innen. Sie braucht ihre Kreativität, ihre Fähigkeit, Verbindungen zu schaffen und die demokratische Debatte zu bereichern. Es liegt nun an uns, dafür zu sorgen, dass die Gesellschaft den Wert ihres Beitrags voll anerkennt und ihnen ermöglicht, ihren Beruf unter würdigen und nachhaltigen Bedingungen auszuüben.

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