Damit möglichst viele Musik machen – Breiten- und Begabtenförderung

Der Bildungsauftrag von Schweizer Musikschulen ist breit – er umfasst die musikalische Breitenförderung genauso wie das Erkennen und Fördern von besonderen musikalischen Begabungen. Ein Einblick in aktuelle nationale und lokale Angebote.

Eine Begabung beschreibt laut Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm ein Potential zu ungewöhnlicher Leistung. Ein Potential also, das sich nicht von selber entfaltet, sondern das entdeckt und sorgfältig gefördert und entwickelt werden will. Wichtige Faktoren sind dabei eine fördernde und begleitende Umgebung, aber auch die individuelle Motivation und die sozialen Kompetenzen eines Kindes. Ebenso zentral ist die Zusammenarbeit von Musikpädagog:innen und Eltern – und der Bildungsinstitutionen untereinander, gerade wenn es ums Entdecken von begabten Kindern und Jugendlichen geht, so der Leitfaden zur Begabtenförderung des VMS.

Junge Talente Musik

Im Rahmen von „Junge Talente Musik“ unterstützt der Bund die Kantone bei der Weiterentwicklung und Umsetzung der Begabtenförderungsprogramme. Die Beiträge werden an Talente zwischen 4 – 25 Jahren gesprochen. Insgesamt gibt es vier Förderstufen: Basis, Aufbau I, Aufbau II (Laien) und Pre-College. Die Aufnahme eines Talentes ins Förderprogramm erfolgt nach einer erfolgreich bestandenen Aufnahmeprüfung. Fast alle Kantone haben Stand Frühjahr 2026 bereits ein eigenes Konzept zur Begabtenförderung beim Bund eingereicht. Konkret bedeutet dies, dass begabte Kinder, die die Eintrittsprüfung ins Talentförderungsprogramm erfolgreich absolvieren, nun jährlich je nach Förderstufe mit zwischen 1000 – 2500 Franken finanziell unterstützt werden. Die kantonalen Programme umfassen dabei nicht nur den Instrument am Hauptfach, sondern oft auch an einem Nebeninstrument, sowie auch Workshops, Theorieunterricht, verschiedene Ensembles und Auftrittsmöglichkeiten.

Pre-College Days 2026

Bereits zum dritten Mal fanden Ende Januar 2026 die Pre-College Days für begabte Schüler:innen der obersten Förderstufe statt. Dieses Jahr wurden sie von der Musik-Akademie Basel ausgerichtet. Rund 100 Teilnehmende aus der ganzen Schweiz reisten für ein Wochenende nach Basel-Stadt, besuchten Workshops aus einem vielfältigen, spartenübergreifenden Angebot und spielten gemeinsame Konzerte. „Die jungen Musizierenden waren sehr offen und neugierig und haben den Austausch miteinander genossen“, berichtet Martin Neher, Stellvertretender Leiter der Musikschule Basel. Von diesem Austausch auf nationaler Ebene hätten auch die Dozierenden aus den Bereichen Klassik, Alte Musik, Jazz und Musik und Bewegung profitiert, und die Standortleitungen aus anderen Pre-Colleges in der Schweiz.

„Es ist wichtig, Strukturen zu haben, die Begabungen erkennen können“, sagt er, „Wo ist eine Affinität da, eine Neugierde, Freude an der Materie?“ Dafür brauche es institutionalisierte Werkzeuge und kompetente Pädagog:innen: „Es gibt so viele verborgene Talente. Sein individuelles Talent entfalten und zum Ausdruck bringen zu dürfen, ist ein Bildungsrecht, das allen zustehen sollte.“ Deshalb sei ohne Breitenförderung keine Begabtenförderung möglich, betont er. „Breitenförderung ist die Basis. Nur so können Talente entdeckt werden, nur so gibt es auch eine Chancengerechtigkeit.“

Schlüsselpersonen bei der Breitenförderung

Musikpädagog:innen seien Botschafter:innen der musikalischen Bildung und setzten sich für Chancengerechtigkeit ein, bestätigt das Berufsbild ‚Musikpädagog:in‘ des VMS. Einerseits kommen ihnen eine Schlüsselrolle bei der Entdeckung musikalischer Talente zu – und andererseits wecken sie Freude an der Musik, fördern das Selbstvertrauen und setzen alters- und interessenangepasste Ziele. Eine besonders wichtige Rolle in der Breitenförderung spielen Ensembles, Freizeitlager oder Konzertprojekte, die nicht nur musikalische, sondern auch soziale und gesellschaftliche Ziele verfolgen. Solche Angebote – von Musikschulen, aber auch von Musikvereinen – werden vom Bundesamt für Kultur mit dem Programm „Jugend+Musik“ unterstützt.

Jugend+Musik

Ein Beispiel dafür ist die Société des accordéonistes „L’Echo des roches“ im Kanton Fribourg, geleitet vom Musikpädagogen Julien Tudisco. Er unterrichtet Akkordeon im Einzelunterricht und dirigiert die Ensembleproben für die verschiedenen Altersstufen. „Für die Kinder und Jugendlichen geht es nicht nur ums Musikmachen“, sagt er. „Es ist nebst der Schule und dem Elternhaus ein anderer Ort, wo sie ihren Platz finden, sich ausleben dürfen.“ Der Verein ist altersdurchmischt, was dazu führe, dass Ältere die Jüngeren musikalisch, aber auch sozial betreuen könnten. Zudem könnten die Jugendlichen schon früh organisatorisch mithelfen und Erfahrungen sammeln. „Das finde ich sehr wichtig“, meint er. „Klar, ich bin Musiker und möchte ihnen das Akkordeon näherbringen, aber wenn ich sehe, wie sich über die Jahre Beziehungen aufbauen, die sie auch in schwierigeren Zeiten tragen, dann freut mich das riesig.“ Gerade der soziale Faktor führe dazu, dass Kinder sich fürs Akkordeon interessieren, weil sie auch im Verein mitspielen möchten – das sei bei einem Instrument, an das Kinder und Eltern nicht als erstes denken, sehr schön. Nicht zu unterschätzen sei zudem die Tatsache, dass Jugendliche, die aktiv im Verein seien,  ihr Instrument bei den sonst kritischen Übergängen in die Oberstufe oder beim Eintritt in die Lehre seltener weglegen würden. „Ich leite L’Echo des Roches nun seit 15 Jahren“, sagt Julien Tudisco, „Im erwachsenen Ensemble sind viele dabei, die schon als Kinder bei uns angefangen haben. Sie machen die Rekrutenschule und kommen danach wieder zurück in den Verein, sie absolvieren ein Studium und kommen wieder zurück. Das ist sehr schön.“

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