Immer weniger Kinder erlernen Blasinstrumente – das spüren nicht nur Musikschulen, sondern auch Blasmusikvereine. Regionale Zusammenschlüsse wie die neu gegründete Regionale Jugendmusik Aareland schaffen Abhilfe.
Anicia Kohler
- 22. Mai 2026
Nachwuchs in der Blasmusik (Bild: Gabi Pavanello)
„Jugendförderung ist ein Thema für alle“, sagt Fabian Gaberthüel, „Du kannst nicht einfach ins Dorf fahren, unterrichten und wieder nach Hause gehen.“. Der Schlagzeuglehrer an mehreren Aargauer Musikschulen, der auch im Musikverein Rothrist mitspielt, sagt dies aus langjähriger Erfahrung. Blasmusikvereine bräuchten Nachwuchs, Jugendliche profitierten vom Zusammenspiel im Verein – und Musikschulen sorgten für ihre Ausbildung. Da es in der Region zwar fünf Blasmusikvereine aber nur noch eine Jugendmusik gab, entschied er sich vor zwei Jahren dazu, aktiv zu werden. „In den fünf Gemeinden in der Umgebung haben wir 4400 Schulkinder, von denen rund jedes fünfte ein Instrument spielt“, rechnet er vor, „Rund 80 spielen ein Blasinstrument, und rund 90 Schlagzeug. Das gibt ein enormes Potential.“ Er erarbeitete ein Konzept für eine Regionale Jugendmusik, organisierte Kennenlerntreffen mit Musikschulen und Musikvereinen und stellte die Idee auch sämtlichen Musikpädagog:innen persönlich vor. „Wir wollten alle Beteiligten ins Boot holen“, sagt er, „Es braucht alle: Die Vereine, die Musikschulen und die Lehrpersonen.“ Im Februar 2026 fand die erste Probe mit fünfzehn Jugendlichen statt, bereits sind erste Konzerte geplant.
Fabian Gaberthüel, Initiant der Regionalen Jugendmusik Aareland (Bild: zvg)
Enge Zusammenarbeit mit den Musikschulen
Dank der dreiteiligen Struktur wird die Regionale Jugendmusik eng in bestehende Angebote eingebunden. Die Stufe „Mini“ wird an den Musikschulen durchgeführt, wo Kinder und Jugendliche in Bläserensembles erste Spielerfahrungen sammeln können. Die Stufe „Midi“ entspricht der neu gegründeten Regionalen Jugendmusik, und auf Stufe „Maxi“ treten die Jugendlichen in den Blasmusikverein ein. „Die Regionale Jugendmusik soll der Topf sein, aus dem sich die Musikvereine alimentieren können“, so Fabian Gaberthüel. Dass es nach intensiver Aufbau- und Vermittlungsarbeit nun geklappt habe mit der neuen Jugendmusik, sei für ihn der höchste Lohn.
Regionale Struktur auch im Berner Oberland
Ähnliches berichtet auch Marco Aebersold. Der heutige Leiter der Musikschule Aarberg stellte vor rund zwanzig Jahren zusammen mit seinem Kollegen Jörg Burkhalter, beide Blasmusikdirigenten, das Jugendblasorchester unteres Simmental – kurz JBUS – auf die Beine. „Die Vorbereitungsarbeit dafür war sehr intensiv“, sagt er, „Es ging darum zu sensibilisieren, und auch Ängsten zu begegnen.“ Dank einem vereinsübergreifenden OK konnte das Jugendblasorchester sicherstellen, dass der Nachwuchs in die einzelnen Vereine nachrücken würde. Es sei wichtig, sich intensiv um den Nachwuchs zu kümmern, man müsse Brücken schlagen, einen Bezug schaffen zu den Erwachsenenvereinen.
Ein Gewinn für beide Parteien
Schon damals suchte das JBUS die Zusammenarbeit mit den Musikschulen – beide Gründer unterrichteten selber auch an der örtlichen Musikschule. Als Musikschulleiter sieht Marco Aebersold dies heute noch als Vorteil: „Wenn Musikpädagog:innen sich auch für die Blasmusikvereine engagieren, ist das ein absoluter Gewinn für beide Parteien.“ Blasmusikvereine seien sehr wichtige Partner für Musikschulen. Da sie im Einzugsgebiet der Musikschule Aarberg musikalisch sehr aktiv seien, sei es umso wichtiger, dass die Kinder und Jugendlichen an der Musikschule vorbereitet und gefördert würden. „Für den Zusammenhalt in der Gesellschaft sind die Blasmusikvereine zentral“, sagt er, „Sie bringen unterschiedliche Altersgruppen, unterschiedliche Menschen zusammen. Man kann nicht genug honorieren, dass es die Blasmusik gibt – sie ist ein verbindendes Hobby.“
Das Eidgenössische Musikfest 2026
Sie sei ein Vereinsmensch, sagt Nadja Günthör, OK-Präsidentin des Eidgenössischen Musikfests 2026 in Biel: „Das Vereinsleben schrumpft, das ist sehr schade.“ Entsprechend sei bei der Organisation des ersten Eidgenössischen seit zehn Jahren darauf geachtet worden, dass die Jugend viel Platz bekomme, und dass Generationen zusammenrückten. „Wir Menschen leben von Emotionen und Leidenschaft – dafür ist die Musik da“, sagt sie. Blasmusikvereine, Musikschulen, auch kantonale und nationale Verbände zögen gemeinsam am gleichen Strick, und deshalb lohne sich, miteinander zu kommunizieren, mutig zu sein, und anzupacken.
Auch Musikschulen standen beim EMF auf der Bühne
Dass die Musikschule Biel – wie sämtliche Musikschulen in der Region – angefragt wurden, am EMF mitzuspielen, freut die stellvertretende Musikschulleiterin Isabelle Lehmann sehr. Mehrere Formationen, zum Teil extra für den Anlass gegründet, standen auf der Bühne. In Biel sind die Belegungszahlen bei den Blasinstrumenten stabil, rund ein Fünftel aller Schüler:innen nehmen Einzelunterricht in einem Blasinstrument, dazu kommen noch zwanzig klassische Schlagzeug-Schüler:innen. Ein Drittel aller Schüler:innen mit Blasinstrument sind zudem Mitglieder des JUBIS, des Jugendensembles der Stadtmusik Biel. „Blasmusikvereine decken etwas ab, was wir nicht können“, sagt Isabelle Lehmann, „Das gemeinsame Musizieren in einem grossen Ensemble, das Vereinsgefühl und die Ausflüge oder Wochenenden. Wir können uns gegenseitig bereichern.“
„Wir Menschen leben von Emotionen und Leidenschaft – dafür ist die Musik da. Deshalb ist Zusammenarbeit wichtig. Es braucht alle: Blasmusikvereine, Musikschulen, auch kantonale Verbände und Sektionen.“
Nadja Günthör, OK-Präsidentin EMF 2026
Das Eidgenössische Musikfest 2026: 550 Blasmusikvereine aus der ganzen Schweiz (Foto: Roger Stöckli)