Top 3: Klavier, Gitarre, Violine

Der Statistikbericht 2025 des Verbands Musikschulen Schweiz zeigt deutlich auf, welche Instrumente Kindern und Jugendlichen an Musikschulen am häufigsten belegen. Es gab auch dieses Jahr keine Überraschungen: nach wie vor sind dies das Klavier, mit deutlichem Abstand vor der Gitarre und der Violine auf dem dritten Platz. Um herauszufinden, warum diese Instrumente so beliebt sind, haben wir mit drei Musikpädagog:innen gesprochen.

Favorit ist das Klavier

Sara Mendes ist Pianistin und Klavierpädagogin, sie studierte in St. Petersburg und in der Schweiz und arbeitet nach beruflichen Stationen in Wollerau, Sydney und Willisau nun seit vier Jahren an der Musikschule der Stadt Luzern. Sie unterrichtet Kinder und Erwachsene und führt ab dem Herbstsemester 2026 zusammen mit drei Berufskolleg:innen das neue Fach „Frühklavier“ ein.

Seit Jahren ist das Klavier das meistbelegte Instrument überhaupt. Was denkst du, warum ist das so?

Vielleicht weil es zu vielen Musikstilen passt. Klavier geht immer. Es ist ein sehr visuelles Instrument, es gibt auf YouTube sehr viele tolle Tutorials, wo man die Tasten von oben sieht und recht einfach Stücke lernen kann. Das machen viele Kinder und Jugendliche so, das sind für uns Pädagog:innen oft auch interessante Entdeckungen. Und das Klavier ist sehr zugänglich. Bei uns zu Hause steht ein Flügel im Eingangsbereich, der nie geschlossen ist. Jeder, der kommt, auch kleine Kinder, probiert das Instrument aus. Es ist sehr spontan, es geht schnell, und es ist unkompliziert. Dabei gibt es noch so viele andere tolle Instrumente (lacht).

Wie bist du auf das Klavier gekommen?

Bei mir war es ein wenig ein Zufall. Ich war als Kind in einer Ballettschule, wo es auch Musikunterricht gab, die Ballettlehrerin hat mir Klavierstunden gegeben. Sie hatte eine kleine Klasse, war aber sehr aktiv, hat uns auch nach Italien an Wettbewerbe geschickt. Als ich etwa 12 oder 13 Jahre alt war, wurde mir klar, dass ich mehr lernen und weiterstudieren möchte. Dass ich mir wünsche, dass es mein Beruf wird.

Hattest du jemals eine Art Krise und hättest dir gewünscht, du würdest ein anderes Instrument spielen?

In der Teenagerzeit hatte ich weniger eine Instrumentenkrise als eine Zeitkrise: Ich fragte mich, ob ich der Musik weiterhin so viel Zeit widmen will. Meine Freunde machten viel anderes in der Freizeit und ich habe täglich viel geübt. Meine Lehrerin war sehr streng. Das andere kam später. Oft denke ich, ich hätte besser das Cello nehmen sollen. Ich habe das Gefühl, dass ein Melodieinstrument noch mehr zu mir passen würde. Cello ist mein Lieblingsinstrument, nach dem Klavier, oder vielleicht sind auch beide auf dem ersten Platz.

Dann wirst du auch Cello spielen lernen?

Nein. Ich habe es schon probiert, mein Sohn spielt Cello und ich habe schnell gemerkt, wie schwierig es ist. Es ist ein langer Weg, bis man auf einem gewissen Niveau ist, das braucht Zeit, die ich im Moment nicht habe. Es wird also wohl ein Traum bleiben. Beim Cello und bei vielen anderen Instrumenten ist es so, dass der Kontakt so eng ist, man kann es umarmen. Das geht beim Klavier nicht. Die Beziehung zum Instrument, diese körperliche Nähe, muss über die Fantasie gehen. Ich bin deshalb etwas neidisch auf Cellisten (lacht).

Gibt es etwas, was du in der allerersten Klavierlektion mit all deinen Schüler:innen machst?

Ich lege viel Wert auf eine gute Orientierung auf den Tasten. Ich probiere mit den Schülern alles aus, alle Oktaven, auch die Pedale. Wir machen Improvisationen mit Tieren, spielen hoch und tief. Die Kinder erfinden Geräusche, spielen nur auf den schwarzen Tasten, alle möglichen Experimente. So bekommen sie schon von Anfang an ein Gefühl für die Grösse des Instruments.

Wie alt sind die Schüler:innen beim Einstieg etwa?

Es gibt immer noch die Idee, dass man erst ab der dritten Klasse mit dem Klavier starten sollte – ich weiss nicht, woher das kommt. ich finde es sehr schön, schon mit Fünfjährigen anzufangen. Ich liebe diese Arbeit. Klar, es ist ein anderes Tempo, man kann nicht dieselben Erwartungen haben, aber wenn man geduldig ist, kann man spielerisch so viel erreichen, die Fantasie des Schülers wecken und das Kind erreichen. In Luzern fangen wir nun mit Frühklavier in Gruppen für Fünf- bis Siebenjährige an. Ich mag diese Unterrichtsform sehr, es bringt eine andere Dynamik. Als Klavierpädagogin sitze ich sonst sehr lange am Klavier, aber in der Gruppe gibt es viel Abwechslung, man steht auf, man tanzt, es ist sehr spielerisch. Die Idee ist, dass die Kinder einen positiven Einstieg in die Musik erleben und gemeinsam mit anderen spielen können.

Wieviele deiner Schüler:innen hat zuhause ein echtes Klavier?

Etwa die Hälfte. Ich empfehle immer akustische Instrumente, aber ich verstehe auch, dass dies nicht für alle Familien möglich ist. Allerdings ist es wichtig zu wissen, dass ein Klavier nicht teuer sein muss. Auf Ricardo gibt es so viele gute Instrumente, die fast verschenkt werden. Und es reicht, wenn das Klavier einmal pro Jahr gestimmt wird. Aber im Endeffekt ist es natürlich eine Entscheidung der Familie, was möglich ist.

Was ist deine Erfahrung – wie viele Jahre kommen die Kinder im Schnitt in den Unterricht? Gibt es eine kritische Phase?

Oft merken sie im Teenageralter, dass sie sich auch noch für andere Dinge interessieren und mit Freunden abmachen möchten. Wenn sie in die Kanti kommen oder mit der Lehre anfangen, machen sie häufig weniger. Im Primarschulalter kommt es aber eher selten vor, dass sie sich abmelden.

Wieviel sollen Klavierschüler:innen ungefähr üben?

Ich sage immer: fünfmal pro Woche spielen, inklusive Klavierstunde, das heisst zuhause viermal. Das mache ich auch mit meinen Kindern so, die beide auch ein Instrument lernen. Ein Grossteil der Arbeit liegt an uns, den Eltern: Wir müssen die Struktur dafür schaffen. Sie brauchen Hilfe, um das zu organisieren, mindestens im Primarschulalter. Man erinnert sie ja auch ans Zähneputzen und ans Duschen. An der Musikschule der Stadt Luzern haben wir jährlich Elterngespräche – dieses Jahr habe ich das Thema Üben ins Zentrum gestellt. Die Eltern sagen immer wieder, dass die Kinder das Üben vergessen, und ich sage dann, ihr dürft sie daran erinnern, sie werden euch später dafür dankbar sein. Aber ich weiss selber wie es ist: mich kostet es als Mutter enorme Energie, nach einem langen Arbeitstag noch diese Rolle zu übernehmen und mit den Kindern zu üben. Aber dann sitzen sie am Instrument und es ist wunderbar.

Wie lange sollen sie üben?

ich finde es nicht sinnvoll, ihnen eine Zeit zu geben, es kann dazu verleiten, sie einfach abzusitzen. Ich gebe den Kindern einen konkreten Plan mit. Oft würfeln wir in der Stunde, um festzulegen, wie oft sie etwas wiederholen sollen, das machen sie sehr gern. Ich gebe immer drei Hausaufgaben mit: eine kleine Übung zum einsteigen, ein Stück an dem wir arbeiten, und dann entweder ein bisschen Theorie oder eine Rhythmusübung, oder die Schatzkiste. Das ist eine Art Repertoirepflege – ein Stück zu spielen, das man gern mag.

Du unterrichtest auch Erwachsene. Wer kommt im Erwachsenenalter in den Klavierunterricht?

Manche sehnen sich zurück in die Jugendzeit und möchten wieder mehr spielen. Es gibt die, die schon als Kind sehr weit gekommen sind, denen ich immer neue Herausforderungen geben kann. Dann gibt es auch die, die neu anfangen möchten. Sie kommen oft mit hohen Ansprüchen an sich, und der Kopf versteht immer sehr schnell, aber die Übertragung, die bei Kindern so intuitiv ist, ist viel schwieriger. Auch die Koordination ist schwierig. Das habe ich ja auch gemerkt, als ich versucht habe, Cello zu lernen.

Nutzt du auch digitale Hilfsmittel im Unterricht oder für zuhause?

Ich habe eine Online-Plattform, auf der jeder Schüler einen eigenen Ordner hat. Dort legen wir zum Beispiel Aufnahmen der Stücke ab, die sie spielen, so dass sie beim Austritt ein Portfolio mit ihren besten Stücken herunterladen können. Dort lege ich auch Aufnahmen oder Übungen ab, die sie zuhause unterstützen könnten, Videos oder Audio. Ich finde das super. Via QR-Code haben sie jederzeit Zugang dazu.

Mehr über den Statistikbericht erfahren

Kategorien

Das könnte Sie auch interessieren