Bildungsgerechtigkeit ganz praktisch

Bildungsgerechtigkeit heisst nicht, allen dasselbe zu verteilen, sondern jeder und jedem das zu geben, was er oder sie braucht. Am Forum für musikalische Bildung wird Prof. Dr. Sabine Doff, Professorin an der Universität Bremen, die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrer Studie „Expedition Bildungsgerechtigkeit“ konkret vorstellen.

Schulen leisten Enormes, schreibt Sabine Doff im Begleittext zur Studie, für die sie zwölf Schulen, je sechs aus den beiden Städten Bremen und Bremerhaven, ausführlich porträtiert hat. Damit Bildungsgerechtigkeit – das heisst faire Chancen für alle Kinder – nachhaltiger implementiert werden kann, empfiehlt sie der Verwaltung und der Politik, Schulen zu vertrauen, und mehr Dialog und Vernetzung zu ermöglichen.

Prof. Dr. Sabine Doff Professorin und Lehrerbildnerin an der Universität Bremen (Bilderinstitut Berlin)

 

Gleich ist nicht gleich, sagen Sie – wir sollten nicht von Bildungsgleichheit sprechen, sondern von Bildungsgerechtigkeit. Was bedeutet dies?

Ganz allgemein ist wichtig zu wissen: Gerechtigkeit wird nicht höher, wenn alle das Gleiche bekommen, denn es haben nicht alle die gleichen Voraussetzungen. Wer Kinder fragt, wie sie eine Tafel Schokolade unter fünf Kindern aufteilen würden, dann sagen sie meistens, es sollen alle gleich viel bekommen. Das ist natürlich toll, so haben sie teilen gelernt. Aber vielleicht ist ein Kind darunter, das keine Milchprodukte verträgt. Oder eines hat gerade eine ganze Tafel verdrückt, während ein anderes noch nie in seinem Leben Schokolade gegessen hat. Ein anderer Weg ist es, die Voraussetzungen mit einzubeziehen, die jemand mitbringt. Was kann das Kind besonders gut? Was ist vorher geschehen? Mit welchen Stärken und Schwächen kommt es ins Bildungssystem?

Sie unterscheiden drei Formen von Gerechtigkeit – über zwei haben wir gerade gesprochen. Können Sie alle drei kurz erläutern?

Wenn alle das Gleiche bekommen, unabhängig von ihren jeweiligen Ressourcen und Voraussetzungen, dann nennen wir dies Verteilungsgerechtigkeit. Sie hat den Vorteil, dass sie einfach zu organisieren ist, aber den gewichtigen Nachteil, dass sie bestehende Unterschiede nicht ausgleicht. Die zweite Form ist die Anerkennungsgerechtigkeit. Sie anerkennt, dass nicht alle Kinder das Gleiche brauchen, und ihre Stärken und Schwächen werden angemessen berücksichtigt. Die dritte ist die sogenannte Schwellengerechtigkeit. Dann sagt man: Mein Ziel ist, dass alle Kinder den Amazonas durchschwimmen können, und richtet das, was man ihnen anbietet und wie man sie unterstützt, ganz an diesem Ziel aus. Vielleicht hat man schon ganz tolle Schwimmer dabei, die eine neue Herausforderung brauchen. Andere können vielleicht noch nicht schwimmen. Es geht darum, dass am Schluss alle die Schwelle erreichen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich mit Bildungsgerechtigkeit befassen?

Ich selber bin mit einer Mittelstandsbrille aufgewachsen. Die Überschrift meiner Schulbiografie lautete: wer will, der kann. Ich arbeite nun seit 17 Jahren in Bremen, dem kleinsten deutschen Bundesland. Es besteht nur aus den beiden Städten Bremen und Bremerhaven, die beide durch sehr herausfordernde soziale und andere Voraussetzungen geprägt sind. Hier habe ich erfahren, dass der Glaubenssatz wer will, der kann, für eine wachsende Zahl der Kinder nicht zutrifft. Viele Kinder und Familien wollen, sie erleben aber in ihrem täglichen Alltag Begrenzungen und Hindernisse, die sie durch Wollen nicht überwinden können.

Was für Hindernisse können dies zum Beispiel sein?

Eines kann zum Beispiel sein: Komme ich satt in die Schule, habe ich gefrühstückt? Kann ich die Basketball AG besuchen, für die ein Sockelgrundbeitrag pro Schulhalbjahr fällig wird? Oder: Braucht ein Kind ein eigenes Instrument, um am Musikunterricht teilnehmen zu können? Und auch die Sprache kann ein grosses Hindernis sein.

Sie porträtierten im Rahmen der Studie zwölf Schulen und stellten fest, dass diese sehr viel leisten, um die Bildungsgerechtigkeit zu erhöhen. Woran machen Sie dies fest?

Zu einem überproportionalen Teil arbeiten dort äusserst engagierte Menschen. Oft sind die Schulleitungen überaus engagierte und nicht selten charismatische Persönlichkeiten, die ihre Kolleg:innen für Ideen begeistern, und die Dinge entwickeln und sich fragen, wie sie das System zugunsten der Kinder anpassen können. Für mich als Wissenschaftlerin war dies eine ganz tolle Erfahrung, solche Menschen zu treffen und zu sehen, was sie leisten. Andererseits muss man auch sagen: Bildungsgerechtigkeit sollte auch an Orten funktionieren, wo es keine solchen engagierten Einzelpersonen gibt. Das ganze System muss sich verändern. Dazu kommt, dass es schade ist, wenn jede Schule für sich das Rad neu erfinden muss. Mehr Vernetzung und Austausch, nicht nur für die Schulen, sondern auch für Verwaltung und Politik, wären zentral.

Wo sehen Sie die grössten Hürden, damit sich Schulen entfalten können?

Eine Hürde ist die überbordende Bürokratie. Eine zweite ist der Reglementierungsbedarf oberhalb der Einzelschule: Schulen könnten viel besser arbeiten, wenn sie ihre Ressourcen flexibler einsetzen dürften. Eine dritte sehe ich in der Kommunikation. Wissenschaft formuliert Erkenntnisse zu selten so, dass sie in der Praxis ankommen. Schulen wissen sehr genau, was zu tun wäre, und auf der Makroebene weiss es die Politik eigentlich auch – der aktuelle Bremer Koalitionsvertrag ist stark an Bildungsgerechtigkeit orientiert. Nur scheint die mittlere operationale Ebene oberhalb der Einzelschule, der eine Scharnierfunktion zukommt, diese noch nicht wirksam auszugestalten und die beiden Ebenen kaum zu verbinden.

Für Ihre Studie haben Sie auch mit Schüler:innen gesprochen und sie ihre Traumschule visualisieren lassen. Was kam dabei heraus?

Ein Beispiel, das mich sehr beeindruckt hat, war die Schule als grosses Schiff. Für die Kinder war klar, dass es eine klare Rollenverteilung gibt, und klare Regeln. Eine Mannschaft, die zum Schiff Sorge trägt, und die Schulleiterin, die auf der Brücke steht. Das Schiff selber war sehr gross, denn es sollte Sicherheit vermitteln. Man merke Wellengang ja nicht, wenn das Schiff gross genug sei. Zudem war das ganze Schiff sehr ordentlich. Man spürte, dass die Kinder Orientierung suchten an der Schule. Dass sie wissen, worauf sie sich verlassen können, und was sie von den anderen erwarten können. Oft hatten die Traumschulen auch mit der Natur zu tun, es gab Solarpanels auf den Dächern, viel Wasser und Grün. Und viele kreierten Raum für Bewegung.

von Schüler:innen visualisierte Traumschulen (Bilder: © UNLOCK THE FUTURE)

 

Link zur Studie

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