Blick über den Gartenhag

Das Forum Musikalische Bildung (FMB) beschäftigte sich in diesem Jahr mit dem Thema «Veränderung: Chance oder Bedrohung». Hintergrundwissen, Austausch und Innovation erwiesen sich als Mittel, positiv mitzugestalten.

Joël Luc Cachelin sagt, man müsse nicht alles mitmachen. Foto: Niklaus Rüegg

 

Die Megatrends Alter, Migration und Digitalisierung verändern unser Leben. Sie in Verbindung mit musikpädagogischer Innovation zu betrachten, lockte eine Rekordzahl von Besuchern an die VMS-Fachtagung: Am Freitag, 19. Januar, fanden 230 Teilnehmende den Weg in den Trafo in Baden, am Samstag waren es noch einmal 190.

Die Essenz der zwei intensiven Tage könnte lauten: Wer sich auf den Weg macht, empfindet Veränderung als Befreiung – wer die Augen davor verschliesst, als Bedrohung. Veränderungen können Aufbruch bedeuten, aber auch Gefahr, wenn sie zu schnell oder in die falsche Richtung laufen. Den Zuhörern wurde dies ausgerechnet beim Thema Digitalisierung, das heute schon fast als ein Synonym für Veränderung gilt, vor Augen geführt: «Man muss nicht alles mitmachen, aber prüfen, welche Technologien der Vernetzung welche Vor- und Nachteile haben», formulierte es der Vordenker Joël Luc Cachelin.

Die «Alten» machen den Auftakt

Für einen stimmigen musikalischen Auftakt sorgte das Senioren-Orchester Baden mit der Solistin Michelle Süess (Trompete) mit Werken von Mozart und Friedrich Dionys Weber. Am zweiten Tag war das Trio Dolce Vita, Gewinner des 1. Preises mit Auszeichnung am Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb und des VMS-Sonderpreises, an der Reihe. Das Trio in der Besetzung Blockflöte, Violine, Cello begeisterte mit Stücken von Frescobaldi, Telemann und Matteis.

Das Duo Calva muss nicht mehr vorgestellt werden. Mit einer witzigen Show und atemberaubender Virtuosität bewies es, dass sich klassische Musik und Humor nicht auszuschliessen brauchen.

Jonathan Bennett, Professor und Leiter des Instituts Alter an der Berner Fachhochschule, sprach über einen relativ neuen Markt, den Musikunterricht im reiferen Alter. Er präsentierte die Ergebnisse seiner Studie zu den Bedürfnissen, Zielsetzungen und Grenzen des Musikunterrichts für ältere Menschen aus der Sicht von Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen. Die Motive der lernwilligen älteren Menschen sind ebenso vielfältig wie es unterschiedliche Biografien gibt. Den kleinsten gemeinsamen Nenner umschreibt Bennett so: «Alle sind sich bewusst darüber, welche Bedürfnisse sie befriedigen möchten.» Im Unterricht sind ältere Menschen fordernd und kritisch, auch sich selbst gegenüber. Sie wollen verstehen und nicht einfach tun. Eine Lehrperson sollte sich dementsprechend mehr als fragende, begleitende und erklärende Fachperson einbringen.

Andere Länder, ähnliche Richtlinien

Der Präsidentin des Verbandes Musikschulen Schweiz, Christine Bouvard, war es ein besonderes Anliegen, ihren deutschsprachigen Nachbarländern die Gelegenheit zur Präsentation ihrer eigenen Musikschultraditionen zu geben. Sie lud dazu als Vertreterin aus Österreich Michaela Hahn ein. Die Geschäftsführerin von «Musikmanagement Niederösterreich», der zentralen Kompetenzstelle für das Musikschulwesen, sprach über Aufbau und Tradition der ausserschulischen musikalischen Bildung, über die Ziele und Strategien der KOMU (Konferenz der Österreichischen Musikschulwerke), einen möglichst breiten Zugang zur musikalischen Bildung sowie Angebote für Talente.

Ulrich Rademacher, Professor für Liedinterpretation und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Musikschulen (VdM), hob in seinem Referat die Werte des Musizierens hervor, betonte aber auch die Wichtigkeit angemessener Arbeits- und Anstellungsbedingungen für Lehrpersonen. Das Leitbild der öffentlichen Musikschulen des VdM gilt als Grundlage der deutschen Musikschularbeit. Hier sind Richtlinien zur musikalischen Bildung festgeschrieben, die sich, ausser vielleicht bei der Bedeutung der Rahmenlehrpläne, nicht wesentlich von den schweizerischen Grundsätzen unterscheiden.

Förderung innovativer Projekte

Die sieben auserkorenen Projektbeiträge des zweiten VMS-Best-Practice-Wettbewerbs zeigten beispielhaft, wie neue Wege in der musikalischen Bildung fantasievoll und zukunftsorientiert beschritten werden können – zum Nutzen von Schulen, Schülerinnen und Schülern.

Der erste Preis ging an die Fachgruppe Bild & Ton, für ein Kooperationsprojekt der Musikschule Basel mit dem K’Werk der Schule für Gestaltung Basel. Die Allgemeine Musikschule Oberwallis (amo) und die Zeughauskultur Brig (ZHK) erhielten für ihr spartenübergreifendes Gemeinschaftsprojekt «Kultur für die Kleinen und ihre Begleitpersonen» den zweiten Preis. Als Dritte kam die Musikschule Luzern mit «Musikschule auf Reisen – zu Besuch im Schulhaus» aufs Podest. Der Publikumspreis ging an die École de musique Bienne / Université populaire Bienne-Lyss für «Initiation musicale pour enfants issus de la migration». Mit bemerkenswerten Beiträgen waren ausserdem die Musikschulen von Bern, Oberland Ost, und Schüpfheim im Rennen. Jodok Kobelt führte geistreich durch die Präsentation.

Ausgewählte Projekte werden in den nächsten Monaten auf den VMS-Verbandsseiten detailliert vorgestellt werden.

Alles wird besser – aber nicht für alle

Der charismatische Schweizer Soziologe Ueli Mäder baute in seinem Inputreferat «Sozialer Wandel: Migration und Integration» auf einem sozialliberalen Weltbild auf: «Integration ist ein Prozess, in dem sich alle bewegen.» Beim Umgang mit Migranten gehe es nicht um das Verstehen, sondern um das Zulassen des Fremden, um die Auseinandersetzung mit dem Andersartigen und mit dem Fremden in uns selbst. Mäder erklärte, wie unsere Welt politisch, gesellschaftlich, ökonomisch, sozial und pädagogisch funktioniere und wie sich diese Teilbereiche mit- und gegeneinander entwickelten. Wortgewandt zeichnete er ein Bild der Gegenläufigkeiten: Einige wenige werden reicher und viele andere müssen zurückbuchstabieren. Das Erziehungsmodell der Nachkriegszeit bezeichnet er als «behavioristisch». In den Siebzigern mussten die Pädagogen lernen zu argumentieren, aber heute sei wieder eine Rückkehr zu mechanistischen Rezepten erkennbar.

In einer Zeit, in der Ökonomismus vorherrscht, werde der Musikunterricht immer wichtiger, weil er die sinnliche Wahrnehmung und das Miteinander fördere. Anstelle der Globalisierung, die nur ökonomistisch ausgerichtet ist, sähe Mäder lieber eine «Globalisation», die auch die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Gebiete mit einschliesst.

Joël Luc Cachelin beschwichtigte jene, die sich vor der Digitalisierung fürchten. Gemäss der sogenannten «Oxford-Studie» dürften in den nächsten 20 Jahren rund die Hälfte unserer Jobs durch Computerisierung und Roboter wegfallen. Drei Tätigkeitsfelder sind aufgeführt, die nicht durch Maschinen ersetzt werden können. Dazu gehören Berufe, die mit «Wahrnehmung und handwerklicher Kompetenz», «Sozialer Intelligenz» und«Kreativität» zu tun haben – dies sind genau die Dinge, die das Musizieren ausmachen, stellte Cachelin fest. «Arbeit, mit der man andern eine Freude bereitet, ist nie bedroht», beruhigte er. Schlussendlich gehe es darum, eine Haltung zur Digitalisierung zu finden, sich mit ihr auseinanderzusetzen und die neuen Möglichkeiten intelligent zu nutzen.

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Musikdorf: So könnte eine Musikschule als Lernort gemäss Andreas Doerne und Stefan Doeritz aussehen. Foto: Niklaus Rüegg

Musikschule als Musizierlernort

«Wie sieht die Musikschule aus, in die wir selber gerne gegangen wären?» Von dieser Prämisse gingen die beiden Pädagogen Andreas Doerne und Stefan Doeritz von der Musikhochschule Freiburg/Br. aus. Sie liessen sich leiten vom Grundgedanken, dass die herkömmliche Musikunterrichtsstätte in einen Lernort zu verwandeln sei, an dem verschiedene Formen des Lernens möglich werden. Die beiden setzten bei der Architektur eines für sie idealen Musiklernorts an, beflügelten die Fantasie der Anwesenden mit einem virtuellen Rundgang durch ein «Musikdorf» mit Wegen, verglasten hellen, separaten und multifunktionalen Räumen. Der Grundriss sollte zum Verweilen einladen, spontane Kontaktaufnahme ermöglichen und die Kommunikation fördern. Bemerkenswert war insbesondere die «Silent Arena» mit Musikinstrumenten, die lautlos geübt werden können. Einige dieser Ideen hat Stefan Goeritz bereits an seiner Musikschule in Waldkirch umgesetzt. Das übliche Frage- und Antwortspiel nach dem Vortrag wurde durch einen SMS-Dienst ersetzt – eine pfiffige Idee, um das Publikum in die Diskussion einzubeziehen.

Das 9. FMB findet am 17. und 18. Januar 2020 wieder in Baden statt.

Die Schweizer Musikzeitung ist Medienpartnerin des FMB.

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