PGM: Freiwilligenarbeit im Gegenwind

Die Parlamentarische Gruppe Musik beschäftigte sich bei ihrem jüngsten Treffen in Bern mit dem unbezahlten Engagement, das für musikalische Organisationen unverzichtbar ist. Das politische Interesse am Thema scheint im Moment gering.

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700 619 896 Stunden wurden 2014 in der Schweiz an Freiwilligenarbeit in- und ausserhalb von Vereinen geleistet, rund 48 000 000 Stunden davon in kulturellen Organisationen. Würde man sie mit einem Stundenansatz von 50 Franken vergüten, ergäbe das 5,5 % des Bruttoinlandproduktes und entspräche der Summe, die von Bund, Kantonen und Gemeinden jährlich für Bildung ausgegeben wird. Mit diesen beeindruckenden Zahlen eröffnete Markus Freitag, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern, seine Ausführungen. Rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ist in irgendeiner Form in Vereinen unbezahlt tätig. Grundsätzlich wird Freiwilligenarbeit (ausserhalb des eigenen Haushalts) von Haus- und Familienarbeit (zu Hause) unterschieden.

Das Treffen eingeleitet hatte der Präsident der Parlamentarischen Gruppe Musik, Nationalrat Stefan Müller-Altermatt, mit einem pessimistisch stimmenden Beispiel: In seinem Wohnkanton Solothurn, wo er selbst als Blasmusiker aktiv ist, wird im kommenden Jahr kein Kantonales Musikfest stattfinden, weil sich kein Verein in der Lage sah, den Aufwand für ein solches Fest zu stemmen. Probleme dieser Art scheinen sich zu häufen. Und Freitag bestätigte auch, dass das freiwillige Engagement in allen Bereichen rückläufig sei.

Individuelle Vorlieben statt gemeinsame Ziele

Einleuchtende Gründe dafür finden sich im heutigen Lebensstil. Nicht nur die traditionellen Rollen innerhalb der Familie wandeln sich, auch die soziokulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Ansprüche an den Einzelnen im täglichen Leben sind gestiegen, so dass er weniger Zeit zur Verfügung hat, zugleich schreitet die Individualisierung – getrieben von Wohlstand, Mobilität und Internet – voran. Statt in einem örtlichen Verein mitzumachen, kann jeder dorthin fahren, wo er das ganz spezielle Freizeitangebot für sich findet. Oft beschränken die Menschen ihre Aktivitäten eben nicht nur auf den Wohnort, so dass sich dort keine Basis für gemeinschaftliche freiwillige Arbeit bilden kann.

Nun könnte man argumentieren, dass hier wohl einfach Aktivitäten verschwinden, für die jüngere Generationen eben keine Notwendigkeit mehr sehen. So einfach ist es aber nicht. In einem Land wie der Schweiz, wo nicht nur kulturelle und sportliche Strukturen, sondern auch die politische Arbeit auf dem Milizsystem basieren, ist der Rückgang des Engagements für die Gemeinschaft in hohem Masse besorgniserregend. Freiwilligenarbeit bildet eine essenzielle Grundlage des Gemeinwesens. Zudem ist erwiesen, dass sie mit einem verantwortungsbewussten Abstimmungsverhalten korreliert: Wer sich ehrenamtlich einsetzt, geht auch an die Urne. Umso erstaunlicher, dass die Freiwilligenarbeit in den politischen Diskussionen kaum präsent ist. Ein Symptom davon könnte sein, so wertete es Markus Freitag, dass die Parlamentarische Gruppe Freiwilligenarbeit, die es noch vor einigen Jahren gab, «verschwunden» sei.

Entschädigen heisst nicht zwingend bezahlen

Für die Musikverbände und -vereine ist Freiwilligenarbeit unabdingbar. Karin Niederberger, Präsidentin des Eidgenössischen Jodlerverbands (EJV) führte aus, wie ihr Verband in den bald zehn Jahren, seit sie das Präsidium übernommen habe, das freiwillige Engagement neu zu regeln versuche. Begonnen habe es mit einer Krise um die Geschäftsstelle, die mit Arbeit weit über das bezahlte Pensum hinaus überhäuft worden sei. In einem langwierigen Prozess hätten sie dann alle Arbeiten der beteiligten Gremien und Personen evaluiert und in Pensen festgehalten. Als Ziel sei eine Vergütung von 40 % dieser Arbeiten festgelegt worden. Das habe Mehrkosten von 120 000 Franken ergeben, die man verbandsintern habe aufbringen müssen. Niederberger betonte aber, es könne keinesfalls darum gehen, alle Tätigkeiten zu bezahlen, nicht nur, weil das Geld fehle, sondern auch, weil man sonst vermutlich die falschen Leute bekäme, die keinen Bezug zur Sache, keinen inneren Antrieb mehr hätten. Eine Entschädigung sei aber wichtig, eine ausgewogene Mischung von Anerkennung, Dank und finanzieller Abgeltung. So sei es für sie jetzt in Ordnung, wenn sie wegen der Verbandsarbeit in der Familie oder im Geschäft ihres Mannes fehle.

Jemand zahlt immer

Niederberger appellierte an die Politik, den Verbänden nicht immer neue Hürden in den Weg zu legen. Der EJV organisiere grosse friedliche Feste für die Bevölkerung und es sei stossend, dass er die hohen Sicherheitskosten selbst tragen müsse, während diese bei Sportgrossanlässen dem Steuerzahler aufgebürdet würden. Mit grosser Zustimmung von anderen Verbandsverantwortlichen plädierte sie auch für höhere Strukturbeiträge des Bundesamtes für Kultur an die Verbände. Freitag untermauerte ihr Votum: «Event-Freiwilligenarbeit wird auch in Zukunft nicht das Problem sein, sondern das regelmässige, nicht im Rampenlicht stehende Engagement.»

«Jemand zahlt immer», warf Daniel Schranz, ehemaliger Präsident des Eidgenössischen Orchesterverbands, gegen Ende der Veranstaltung ein, «der Partner, die Familie oder das Auskommen, wenn man wegen eines zeitintensiven Ehrenamtes nur Teilzeit arbeitet.» Er sprach sich daher für die steuerliche Absetzbarkeit von Freiwilligenarbeit aus. Auch dies sei ein immer wiederkehrendes Postulat, entgegnete Freitag. Was es brauche, sei politischer Wille, Sichtbarkeit!

Dass man im Moment weit davon entfernt ist, verriet ein Blick in die Runde: Ausser Müller-Altermatt war niemand aus dem Parlament erschienen – und das kann auch die AHV- und Steuerdebatte in den Räten nicht völlig entschuldigen.

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