Annäherungen an den Kosmos
Das Festival Interfinity in Basel hat sich innerhalb weniger Jahre als erfolgreiche Veranstaltungsreihe etabliert, die Musik und Wissenschaft verbinden will. Die Ausgabe 2026 stand vom 7. bis 20. März unter dem Motto «Exoplaneten & Kosmos».

Erstaunlicherweise waren von den rund einem Dutzend Veranstaltungen auch diejenigen mit ausschliesslich zeitgenössischer Musik sehr gut besucht. Trotz grosszügiger Unterstützung durch Novartis als Hauptsponsor ist das Interfinity-Festival natürlich auf Einnahmen angewiesen. Darum traten in einigen Konzerten der ersten Festivalhälfte sehr bekannte Künstlerinnen und Künstler auf – so etwa der Blockflötist Maurice Steger, der lettische Radiochor, die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker und die Organistin Iveta Apkalna –, die auch grössere Säle füllten. Dennoch nahmen sie in ihren Programmen auf das Festivalthema Bezug. Lukas Loss, Gründer und Leiter des Festivals, kann für sich in Anspruch nehmen, konsequenter als andere Veranstalter ein bestimmtes Thema, dieses Jahr eben den Weltraum, ins Zentrum zu stellen und Werke und Personen zu präsentieren, die im Basler Kulturleben sonst nicht unbedingt zu hören gewesen wären. Für das Publikum war besonders interessant, dass mehrere Veranstaltungen in Räumen stattfanden, die sonst anders genutzt werden oder gar nicht öffentlich zugänglich sind.
Galaktische Lautstärke
In einem ehemaligen Silo auf dem Franck Areal, wo früher das Kaffeeersatzprodukt «Franck Aroma» oder der Kaffeeextrakt «Incarom» produziert wurden und heute das Tanzhaus Basel seine Heimstätte hat, wurde Supramodal Parser für eine Sängerin, E-Gitarre, Saxofon, Perkussion und Elektronik des deutschen Soundkünstlers und Komponisten Alexander Schubert aufgeführt. In den Worten des Festivalprogramms ein Eintauchen in «den inneren Kosmos des Menschen: in Ekstase, Klang und Licht, in das Unbewusste». Ob man nun tatsächlich «tief in das Unterbewusstsein eingetaucht ist und Begehren, Träumen und der » begegnet ist, wird jeder anders empfunden haben.
Auf jeden Fall ist Supramodal Parser, entstanden für das Ensemble Nikel und von diesem in Wien uraufgeführt, ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Nebel, Licht und Elektronik, das alle Grenzen austestet. Unter anderem durch seine unglaubliche Lautstärke, die man trotz des am Eingang abgegebenen Gehörschutzes körperlich spürt, erinnert es an eine wahnwitzige Technoparty. Der Text («twenty four hours, forward, bridge, circle, line, open, twitch, heavy drag, align the moths, feathers hit embrace, the froth» etc.) fügt eher einen zusätzlichen Klang als eine weitere Bedeutungsebene hinzu. Die Aufführung durch Mona Steinwidder (Gesang), Paulina Pitenko (Saxofon), Miguel Garcia (Percussion, Denis Linnik (Klavier), Ruben Mattia Santorsa (E-Gitarre), Nika Schönfelder (Licht) und Alexander Schubert (Elektronik) stiess auf grosse Begeisterung.
Himmelweites Klangspekturm der E-Gitarre
Der E-Gitarre begegnete man erneut in zwei Konzerten mit dem israelischen Musiker Yaron Deutsch, seit 2021 Professor für zeitgenössische Musik an der Basler Musikhochschule. Im ersten, erneut im Tanzhaus Basel, aber in einem anderen Silo des weitläufigen Areals, mit Uli Fussenegger (Kontrabass) und einem kleinen Instrumentalensemble, erklangen Werke, die das Potenzial der E-Gitarre nachdrücklich unter Beweis stellten. Sie fasziniert mit einem Spektrum von grosser Zartheit bis zu Klängen, die an Triebwerke eines startenden Jets erinnern, erzeugt dank verschiedenster Pedale oder Zusatzgerätschaften, die direkt auf die Saiten einwirken. Alle vier Werke von Elena Rykova, Clara Iannotta, Tristan Murail und Catherine Lamb überzeugten, wobei in zweien zusätzlich Ondes Martenot, urtümliche elektronische Instrumente mit einer ganz spezifischen Klangfarbe, für einen zusätzlichen Reiz sorgten. Lambs Shadow/Line für acht Instrumente (2011) ist ein mikrotonales Klangkontinuum, aus dem immer wieder einzelne Farben hervortreten, in das man sich gerne versenkt.
Im zweiten Konzert mit Yaron Deutsch, nun in der Gare du Nord, dem in Basel wohlbekannten Aufführungsort für zeitgenössische Musik im ehemaligen Wartesaal des Badischen Bahnhofs, wirkte mit dem Geiger Irvine Arditti einer der legendärsten Interpreten der Neuen Musik mit. Die aufgeführten Werke, alle in den letzten acht Jahren entstanden, beeindruckten nicht durch spektakuläre Virtuosität, sondern eher durch fein ausgehörte Klanglichkeit. Kelley Sheehans Hot Guts und Sarah Nemtsovs EMP, beide für Violine und E-Gitarre, waren die interessantesten Stücke des Abends, wobei Deutsch seinem Instrument erneut erstaunliche Klänge entlockte. Verblüffend war, dass sich in Zeynep Toramans Days that last forever, auch das ein Duo, eine fast sakrale Atmosphäre entfaltete, die an César Franck erinnerte. In diesem Rahmen wirkten die beiden Solostücke Tiding für E-Gitarre von Lisa Illean und Hauch für Solovioline von Rebecca Saunders nicht so überzeugend: das eine zu punktuell und das andere zu introvertiert.
Von Baikonur zu den Exoplaneten
Verschiedene Vorträge und Panels vertieften das Festivalthema. Ausserordentlich interessant war der im Gehry-Auditorium von Novartis gezeigte Dokumentarfilm Space Tourists. Der Schweizer Regisseurs Christian Frei, der am renommierten Sundance Festival 2010 mit dem Regiepreis ausgezeichnet worden war, war persönlich anwesend. Der aufwendig recherchierte Film schildert sowohl den Aufbruch wohlhabender Touristen ins All vom kasachischen Baikonur aus als auch das Recycling von Raketenschrott durch die ansässige Bevölkerung. Eine spektakuläre Horizonterweiterung!

Ein neuartiges Instrument, entwickelt von Fabrizio Di Salvo und Roberto Maqueda, konnte man in der Maurerhalle der Gewerbeschule Basel kennenlernen: Le Slie’s. Es basiert auf den physikalischen Prinzipien des Leslie-Lautsprechers der Hammondorgel. Metallene Klangscheiben waren kreisförmig im Saal verteilt und wurden zentral elektronisch gesteuert und durch reaktive KI ergänzt, was an eine kosmische Konstellation erinnerte. Jeder Lautsprecher führte sein Eigenleben, und die Klänge wanderten durch den Saal. Akustisch war das aber nicht besonders interessant und abgesehen von einigen wenigen Ruhepunkten sehr aggressiv, als ob Eisenstangen aufeinandergeschlagen würden. Es blieb eine nette – wenn auch brutal laute – Spielerei. Möglicherweise hätte dieses Instrument ein klangliches Potenzial. Es wurde bisher aber noch nicht ausgeschöpft.

Vom äusseren Aufwand her war das letzte Konzert in der grossen Halle 1 der Messe Basel das aussergewöhnlichste. Das Sinfonieorchester Basel spielte im Halbdunkel unter der Leitung der taiwanesischen Dirigentin Lin Liao das Werk Exoplanets des britischen Komponisten Robert Laidlow, mit einem gesprochenen Text von Henry Legg, der die Zuhörerschaft mit der Welt der Exoplaneten vertraut machte, den Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems. Dazu kamen eine Lichtinstallation von Nick Verstand mit Lasern, Lichtobjekten und tausendfachen Spiegelungen sowie der Nachhall der riesigen Messehalle.
Alles in allem ein eindrucksvolles Spektakel. In der Musik von Laidlow brodelt, dampft und wabert es. So stellt man sich die Entstehung von Himmelskörpern und den Kosmos vor, wo es offenbar auch Planeten gibt, die auf der einen Seite glühend heiss und auf der anderen eiskalt sind, wo es Eisen regnet oder Quarzkristalle in Stürmen durch die Atmosphäre wirbeln. Gegen Ende des Werks, unterstrichen von markanten Trompetenklängen, kommt viel Dur in die Musik, und sie ist nicht mehr sehr weit von Richard Strauss’ Zarathustra entfernt. Ausser den Trompeten kann man auch die Streicher, besonders die Geigen, gut hören sowie das vielfältige Schlagzeug; die Holzbläser kommen kaum zur Geltung.
Interessant ist das von Laidlow erfundene und von ihm gespielte KI-basierte Instrument Stacco, das «künstliche» Klänge beisteuert. Beim Publikum kam Exoplanets, vom Orchester souverän gespielt, sehr gut an, sicher auch wegen der Vielzahl an akustischen und optischen Eindrücken. Ob das Werk – ein Kompositionsauftrag von Interfinity und dem London Philharmonic Orchestra (LPO) – ohne «Inszenierung» musikalisch bestehen kann, scheint mir fraglich. Die Uraufführung in einem Sinfoniekonzert des LPO in London im letzten November wurde aber durchaus positiv besprochen. In Basel verhalf das Werk Interfinity 2026 zu einem krönenden Abschluss.
