Schweizer Klänge am Vilnius Festival
Zwischen den beiden kleinen Ländern Litauen und Schweiz gibt es erstaunlich viele Verflechtungen. Dies zeigte sich auch beim diesjährigen Vilnius Festival.

Wie klingt St. Gallen? Nach der Stille einer Klosterbibliothek? Nach Diskussionen von HSG-Studenten über die Zukunft des Kapitalismus? Auf diese Frage gab es beim Eröffnungskonzert des Vilnius Festivals mit Fabian Künzlis 2025 uraufgeführtem Orchesterwerk So klingt St. Gallen eine klangwuchtige Antwort. Dieses Werk verwebt verschiedene Hörerfahrungen, die im Vorfeld von der Bevölkerung des Kantons St. Gallen eingereicht werden konnten.
Eine eingängige Melodie mit Ohrwurm-Charakter erscheint dabei immer wieder in neuen Instrumentierungen, während dazwischen auch schon mal eine Choralmelodie von Johann Sebastian Bach auftaucht. Doch damit noch nicht genug: Sogar die Atmosphäre eines Cafés in St. Gallen lässt Künzli aufleben. Das Publikum darf sich mitten im Stück mit den Sitznachbarn austauschen. Ein Wurf!
Ein Litauer auf Abschiedstournee
Dass eines der renommiertesten Klassikfestivals des Baltikums seine diesjährige Ausgabe mit dem Werk eines Schweizer Komponisten eröffnete, ist Modestas Pitrėnas zu verdanken. Der in Vilnius geborene Dirigent stand acht Jahre lang an der Spitze des Sinfonieorchesters St. Gallen. Seine Abschiedstournee führte ihn nun mit diesem Klangkörper in seine Heimatstadt. Einige Tage nach dem Konzert ist Pitrėnas immer noch in Gedanken in der Philharmonie von Vilnius: «Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das Sinfonieorchester St. Gallen in meiner Heimat zu sehen. Bis heute schwelgt das Orchester in Erinnerungen an Litauen und seine gastfreundlichen Menschen. Darauf bin ich sehr stolz!»
Dem Sinfonieorchester St. Gallen war am Eröffnungskonzert nicht anzumerken, dass es erst spät in der Nacht zuvor in der litauischen Hauptstadt angekommen war. Mit grosser Energie interpretierte es auch Daniel Nelsons Akkordeonkonzert The Ghost Machine Treatise und Beethovens Fünfte Sinfonie. Besonders berührend war die Zugabe des Akkordeonisten Martynas Levickis: In seiner Eigenkomposition The Dawn is Breaking trafen minimalistische Akkordbrechungen auf weit ausholende elegische Kantilenen – inspiriert von litauischer Volksmusik. Ein Juwel!
Jubiläumsausgabe
Das Vilnius Festival feierte in diesem Jahr vom 5. bis 25. Juni seine 30. Ausgabe und ist längst ein Fixpunkt im litauischen Kulturkalender. Im Programm treffen internationale Klassikprominenz und die Förderung des litauischen Musikschaffens aufeinander, nicht zuletzt durch Uraufführungen und Auftragswerke. Dieser Spagat gelingt dem Festival mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit.
An der Spitze des Vilnius Festival steht seit Jahren die litauische Musikwissenschaftlerin Rūta Prusevičienė. In ihrem Büro in der Nationalphilharmonie erzählt sie von Krzysztof Penderecki, der in den 1990er-Jahren zu einer der ersten Ausgaben des Festivals nach Vilnius kam, spannt den Bogen aber auch zu weiteren Schweiz-Litauen-Verbindungen: Um 1900 studierten etwa zahlreiche junge Litauer an der katholisch geprägten Universität Fribourg. Einer von ihnen war Juozas Purickis, der später Aussenminister des unabhängigen Litauen wurde.
Tessiner Stuckaturen und Litauischer Klangkünstler
Das Vilnius Festival entfaltet sich inmitten einer Altstadt, deren Kirchen und Klöster vom Barock geprägt sind. Sogar architektonisch führen einige Spuren in die Schweiz: Im 17. Jahrhundert wirkten Künstler und Stuckateure aus dem heutigen Tessin am litauischen Barock mit. Giovanni Pietro Perti und Giovanni Maria Galli schufen etwa den überwältigenden Stuckraum der Kirche St. Peter und Paul. Die Schweiz-Litauen-Connection ist in Vilnius also nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar.

Foto: Go Vilnius
Das zweite Konzert des Vilnius Festival gehörte ganz dem litauischen Ausnahmepianisten Andrius Žlabys. Welche unterschiedlichen Klangfarben er in Bachs Ouvertüre nach Französischer Art BWV 831 aus dem Steinway-Flügel hervorzaubern kann, war beeindruckend: Jeder Triller, jede Verzierung, jede rhythmische Schärfung erhielt bei ihm eine eigene Farbe. Žlabys spielte die Musik von Bach als vibrierende Gegenwart. Weniger überzeugend wirkte jedoch die Uraufführung seines Werks Movement für Klavier und Streichquartett, das zwar poetische Passagen hatte, sich aber stilistisch allzu deutlich an andere Komponisten anlehnte, etwa an Arvo Pärt.

Murmeltiere füttern vor dem Konzert
Musikalisch sind Litauen und die Schweiz stark verflochten. Das Litauische Nationale Sinfonieorchester gastierte vor gut einem Jahrzehnt mehrfach im Gletscherdorf Saas-Fee beim Festival Música Romântica. Festivalleiterin Rūta Prusevičienė erinnert sich, wie die Musiker ihr erzählten, dass sie tagsüber in den Bergen wanderten und Murmeltiere fütterten, bevor sie abends in der Pfarrkirche konzertierten. Das litauische Klavierduo Vilija Poškutė und Tomas Daukantas wiederum lebt seit etlichen Jahren in der Schweiz und gehört längst zur hiesigen Musiklandschaft.
Ein wichtiger Vermittler zwischen litauischer und Schweizer Musik ist der Dirigent und Flötist Kaspar Zehnder: Er kam 2002 erstmals mit Litauen in Kontakt, als das Orchester der Nationaloper bei seinem Festival Murten Classics gastierte. Später dirigierte er in Vilnius und Kaunas, brachte litauische Musik von Loreta Narvilaitė, Onutė Narbutaitė oder Anatolijus Šenderovas in die Schweiz und lud das Klaipėda Chamber Orchestra zu Murten Classics und dem Festival «klangantrisch» in seinem Heimatort Riggisberg ein, dessen künstlerischer Leiter er ist. «Was ich an Litauen schätze, ist, dass sich mit jedem Auftritt, jedem Aufenthalt das Netzwerk erweitert», so Zehnder.
Drei Wochen musikalische Entdeckungen
Rund drei Wochen dauerte das Vilnius Festival. Bereits die ersten Festivaltage zeigten die stilistische Spannweite des Programms. Beim dritten Konzert stand der amerikanische Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen im Zentrum. Begleitet vom St. Christopher Chamber Orchestra unter Hossein Pishkar spannte er einen Bogen vom Barock bis in die Moderne. Cohen überzeugte vor allem in den leisen Passagen, wo seine Stimme ein helles, feines, nie gläsernes Timbre entfaltete. Das Kammerorchester wirkte nicht immer restlos eingespielt. Der Funke sprang nur stellenweise über.
Der Reiz des Vilnius Festivals liegt auch darin: Bereits wenige Stunden später bietet das nächste Konzert die Chance auf die nächste musikalische Entdeckung – mit oder ohne Schweiz-Bezug.

