Gotthelfs Spinne singt, tanzt und feiert
«Codewort: Spider» des Jungen Theaters Biel bringt Laien und Profis, Senioren und Kinder zusammen. Die Premiere am Mittwoch sorgte für Begeisterung.

Es geht los, bevor es losgeht. Ein verfremdetes Dies Irae und eine Installation, die mit Motiven der Spinnen-Thematik arbeitet, nehmen den Besucher vor der Spielstätte in Empfang. Es folgen, immer noch auf der Terrasse vor dem Eingang, kleine, fragmentiert wirkende Einlagen und Performances, dargeboten durch eine Kindergruppe, ein Ländler-Duo, Schauspieler in Gruselkostümen, einen jungen Mann mit Behinderung – alles mit und ohne Musik, live und aus Lautsprechern. Der Ton von Codeword: Spider ist damit buchstäblich gesetzt.
«Community Opera» nennt sich die Produktion, die am Mittwoch in der «Manufacture: TOBS!» in Biel Premiere feierte. Sie ist das Resultat einer Kooperation des Jungen Theaters Biel und der Hochschule der Künste Bern, mit Isabelle Freymond als Regisseurin, Pascal Viglino als musikalischem Leiter und Leo Dick als Gesamtleiter und Komponist. Unter einer «Community Opera» versteht man für gewöhnlich ein von Laien und Profis gemeinsam aufgeführtes Werk; das Team von Codeword: Spider geht darüber noch deutlich hinaus. Es bringt, wie im Pressetext treffend festgehalten ist, «Menschen zusammen, die sich im Alltag oft nicht begegnen würden»: solche mit und ohne Behinderung, ein Laienorchester aus Senioren, Hobby-Schauspieler jeden Alters, darunter mehrere Kinder, einige Profi-Bühnenkünstler und -Instrumentalsolisten.
Musik aus Folklore, Moderne, Mittelalter und Film
Grösstmögliche Heterogenität also – der die Musik von Leo Dick durchaus Rechnung trägt. Sie kombiniert folkloristische Elemente unterschiedlicher Provenienz mit Anklängen aus der Moderne, aus dem Mittelalter und aus der Filmmusik. Für das einigende Element sorgt das Dorffest aus Die Schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf. In der Novelle liefert das Fest lediglich die erzählerische Klammer für die Binnenhandlung, die den Hauptteil des Buches ausmacht. In Codewort: Spider hingegen schafft es das Setting für eine längere Reihe von Darbietungen, die Theater, Oper und Tanz vereinigen. Als eine Klimax fungiert dabei der sechste Akt Präsentation Dorftheater, in dem – sozusagen als Theater im Theater – ein guter Teil der Handlung aus der Gotthelf-Novelle nacherzählt wird.
Codeword: Spider besteht aus insgesamt acht Akten, die das Publikum in aufgelisteter Form das ganze Stück über auf der Bühne vor Augen hat: ein gelungener Regieeinfall, der die Orientierung in dem doch sehr collagenartig strukturierten Werk erheblich erleichtert. Für die Einheitlichkeit sorgt aber, trotz oder gerade wegen seiner Heterogenität, das überragende Ensemble. Eine besondere Erwähnung verdienen die beteiligten Kinder, die nicht nur darstellerisch glänzen, sondern auch mühelos vom Französischen ins Deutsche und wieder retour wechseln. Der begeisterte Applaus des Premierenpublikums dürfte, mehr noch als den individuellen Leistungen, der Virtuosität gegolten haben, mit der hier Alters-, Ausbildungs- und sonstige Grenzen überwunden wurden.
Weitere Aufführungen am 18., 19. und 20. September.
