Die verzweifelte Lust an der Apokalypse
Das Zürcher Opernhaus zeigt «Monster’s Paradise». Gemeinsam mit Elfriede Jelinek hat die Österreicherin Olga Neuwirth eine höchst aktuelle Oper geschaffen, in der sie die Ungeheuer der Gegenwart aufeinander loslässt.

Der Grand Guignol, dieser aufgeblasene Kasperle aus Frankreich, neigt zum Monströsen, zum Irr- und Surrealen, freilich wird er längst von der Wirklichkeit eingeholt und überholt. Das 1897 eröffnete Théâtre du Grand Guignol in Pigalle, das mit Folter, Vergewaltigung und blutigem Mord schockte, schloss am 5. Januar 1963 mit der Begründung, mit Buchenwald könne man nicht gleichziehen. Die Kunst reicht nicht an die Realität heran. Das wissen auch die beiden Künstlerinnen, die nun eine neue «Grand Guignol Opéra» geschaffen haben.
Ihr Ausgangspunkt ist die Vergeblichkeit des Unternehmens; dennoch versuchen sie es und schicken zwei ihnen ebenbildliche Vampirinnen in die Welt hinaus: um sie vielleicht doch zu retten oder zumindest den schlimmsten Tyrannen zu beseitigen, einen «König-Präsidenten», dessen reales Konterfei wir täglich in den Nachrichten sehen. Sie versagen kläglich; den Präsidenten immerhin frisst ein anderes Monster, der wiederauferstandene Gorgonzilla. Der Weltuntergang lässt sich so jedoch nicht aufhalten; eine Sintflut reisst alles weg. Am Schluss sehen wir die beiden Vampirinnen, Schuberts f-Moll-Fantasie auf einem Bösendorfer spielend, im Ozean dem Sonnenuntergang entgegenfahren.

Kluft zwischen Text und Musik
Die Oper Monster’s Paradise, die am ersten Februar an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde und nun in Zürich gezeigt wird, fährt auf einer lustvoll-apokalyptischen Geisterbahn in den Abgrund. Mit viel Spektakel und Gefuchtel. Das weckt Spass an der Dystopie. Die künstlerischen Abgründe lauern anderswo: nicht im Monströsen, von dem es durchaus noch etwas mehr sein dürfte, sondern beim theatralen Tempo, das oft von Resignation und gut gemeinten Statements ausgebremst wird. «Wir sind ja jetzt schon nicht mehr gefragt», singt die eine Vampirin schon zu Beginn. «Alle her zu mir, die friedlich sind und es bleiben wollen!», lauten die ersten Worte Gorgonzillas. Damit macht man keine spannungsreiche und angriffige Kunst. Sogleich fragt man sich aber, ob das die beiden Autorinnen überhaupt wollen, ob sie uns nicht ins Missratene strudeln lassen.
Die Komponistin Olga Neuwirth hatte die Idee zu diesem Musiktheater; sie schaffte es, ihre langjährige Librettistin, die lange opernüberdrüssige Freundin Elfriede Jelinek zu einem gemeinsamen Text zu bewegen. Gerade bei diesem jedoch hapert es. Er schwadroniert und referiert, weitschweifig, mal belehrend, mal sarkastisch, mal platt. Die Worte blocken. Die erste Szene etwa kommt nicht vom Fleck. Zugestehen mag man, dass solche Plattheit zum Genre gehört, als Anti-Qualität, die den guten Geschmack konterkariert. Dafür jedoch klingt die Musik wiederum viel zu reichhaltig, lebhaft, raffiniert, farbig, jazzig-drivig, witzig. Das Orchester des Opernhauses unter Titus Engel spielt mitreissend.

Lang und umständlich wie der Weltuntergang
So driften die Ebenen öfters auseinander. Hinzu kommt die bunte und doch manchmal ideenarme szenische Gestaltung. Regisseur Tobias Kratzer und sein Team haben mitunter ihre Mühe, das Geplänkel in Schwung zu bringen, aber auf den Höhepunkten gelingen ihnen grandiose Bilder. Der Kampf der Monster mit Gorgonzilla (Anna Clementi) und dem Präsidenten (hervorragend: Georg Nigl) wird zu einem überlebensgrossen Schattentheater. Die Schlussszene im Meer überschwemmt Auge und Ohr dank der geschickt eingesetzten filmischen Mittel, die Neuwirth so liebt. So gibt es viel zu erleben, zu viel fast, denn alle Szenen, auch die wirklich gelungenen, sind zu lang und zu umständlich geraten. Man könnte das Stück um ein gutes Drittel eindampfen. Verloren ginge damit allenfalls die prekäre Nicht-Qualität, die das Werk ein wenig mit ausmacht.
Doch in diesem Moment drängt sich dem Kritiker der Verdacht auf, ob er wieder mal viel zu sehr differenzieren möchte und ihm dabei der Weltuntergang abhandenkommt. Das mag sein. – Grosser (nicht monströser) Applaus.
Zürich, Opernhaus; Premiere am 8. März 2026; Koproduktion mit Hamburg und Graz. Weitere Aufführungen bis 12. April

