Ein Resonanzraum für Zürichs Klassiktalente
Die Förderlandschaft für die musizierende Jugend ist im Kanton Zürich um eine Plattform reicher: «Zurich Youth Classical» ZYC will mehr sein als ein Wettbewerb. Die künstlerische Persönlichkeit soll im Mittelpunkt stehen.

Technische Perfektion beim Musizieren war in der Qualifikationsrunde des ersten ZYC im Brunnenhof und im Florhof nicht das wichtigste Kriterium. Die technische Fertigkeit auf dem Instrument wurde quasi vorausgesetzt für eine erfolgreiche Teilnahme. Die Jury beurteilte schwerpunktmässig die künstlerische Haltung und persönliche Gestaltungskraft der vorspielenden Kinder und Jugendlichen – dies immer unter Berücksichtigung des Alters und Entwicklungsstandes. Das Ziel der Vorspiele soll gemäss Konzept keine weitere Bestenauslese, sondern eine ganzheitliche Förderung sein.
Für Andrea Raschèr, Präsident der «Förderstiftung Musik Zürich», ist Zurich Youth Classical eine Herzensangelegenheit, die ihn seit Längerem begleitet. Er zeichnet für die strategische, finanzielle und strukturelle Führung des Projekts verantwortlich. Seit Anfang letzten Jahres hat er zusammen mit dem Pianisten und künstlerischen Supervisor Oliver Schnyder und Valérie Probst, der Leiterin des Künstlerischen Büros, daran gearbeitet.
In seiner Rede am Schlusskonzert, die aus gesundheitlichen Gründen von Valérie Probst verlesen wurde, ist die Grundidee formuliert: «ZYC ist kein klassischer Wettbewerb im Sinne eines Leistungsvergleichs. Es ist ein Resonanzraum. Ein Ort, an dem nicht Ranglisten im Vordergrund stehen, sondern eure künstlerische Identität. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer hat ein Programm gewählt, das zu ihr, zu ihm passt — zum eigenen Entwicklungsstand, zur eigenen Persönlichkeit.» Nach Raschèrs Überzeugung verdient musikalische Begabung mehr als Anerkennung, «sie verdient Raum – zum Wachsen, zum Zeigen, zum Verbinden.» Das neue Format soll den Begabten ermöglichen, «das echte Empfinden, Persönlichkeit, Ausdruckswillen und die musikalische Stimme» zu zeigen.
Feedback statt Konkurrenz
ZYC richtet sich an Kinder und Jugendliche sowie an Vorprofessionelle zwischen 7 und 24 Jahren. Sämtliche Instrumente und Gesang aus allen Stilepochen sind zugelassen. Kammermusik bis zu Quintett und Vokalensembles sind willkommen. Weitere Kategorien sind Komposition und Freier Gestaltungsraum für Experimentelles. Es werden nur Darbietungen berücksichtigt, die von der Jury im weiteren Sinne der klassischen Musik zugeordnet werden können. Begriffe wie «Wettbewerb» oder «Competition», welche Rivalität und Leistungsvergleich implizieren, werden von den Verantwortlichen vermieden. Stattdessen finden sich Formulierungen wie «wiederkehrendes Förderformat» und «feste Plattform für die Nachwuchsförderung im Kanton Zürich».
Ganz ohne Selektion geht es allerdings nicht. Für die Vorspiele wird der etwas weichere Begriff «Contest» verwendet. Die Anmeldezahlen waren so hoch, dass aufgrund des eingesandten Videomaterials eine Vorauswahl vorgenommen werden musste. 47 Interpretinnen, Interpreten oder Gruppen wurden zur Qualifikationsrunde vom 6. bis 8. März im Brunnenhof eingeladen. Hier gab es eine traditionelle Rangliste mit 3., 2. und 1. Preisen sowie 1. Preisen mit Auszeichnung. 23 Beiträge erreichten das Finale vom 17. bis 19. April.
Jurypräsident Oliver Schnyder hatte ein hochkarätiges und breit abgestütztes Gremium einberufen, um entlang festgelegter Kriterien Individualität, Musikalität, Ausdrucksvermögen, Bühnenpräsenz und kommunikative Qualität zu bewerten. Dabei sollte nie der Konkurrenzgedanke aufkommen, sondern die Entfaltung des Potenzials im Auge behalten werden. Die Verantwortlichen legen Wert auf eine entspannte und achtsame Durchführung des «Contest». Valérie Probst sagt: «Mit dieser ersten Ausgabe von Zurich Youth Classical haben wir unsere Ziele erreicht und sogar übertroffen. Es war uns wichtig, in jeder Hinsicht höchste Professionalität und Qualität zu gewährleisten und gleichzeitig den jungen Künstlerinnen und Künstlern ein einladendes und anregendes Umfeld zu bieten. Wir haben diesbezüglich sehr positive Rückmeldungen erhalten.» Eine zentrale Bedeutung kommt den Feedbackgesprächen zu. Dazu Jurymitglied Daniel Fueter: «Die Jury gibt sich wirklich Mühe, ausführliche Feedbacks zu geben. Das sind sehr entspannte Gespräche und die Jugendlichen nehmen gerne an, was wir zu sagen haben.»
Das Potenzial für eine mögliche professionelle Laufbahn soll im Anschluss an den Contest in den Abteilungen «The Cadenza» and «The Crescendo» zur Entfaltung gebracht werden. Bis zu drei Teilnehmende, in der Regel jene mit Auszeichnung, werden von ausgewiesenen Fachleuten nachbetreut, beraten und auf dem Weg in den Beruf begleitet.
Unbeschwert zu staunenswerten Leistungen
Die beabsichtigte lockere Stimmung übertrug sich im Schlusskonzert auf die Zuhörerschaft. Man lauschte entspannt einem bunten Programm auf hohem Niveau. In keinem Moment dachte man an eine Stresssituation. Die 17-jährige Cellistin Frida Lindner – sie besucht das Kunst- und Sport-Gymnasium Rämibühl und bereitet sich auf ein Berufsstudium vor – bestätigte diesen Eindruck nach ihrem bemerkenswerten Konzertbeitrag mit Elgar, Haydn und Kurtág: «Man merkt den Unterschied deutlich, schon bei der Jury. Sie ist sehr durchmischt zusammengestellt, von der Musikrichtung, aber auch vom Alter her. Dadurch wird auch anders bewertet. Bei anderen Wettbewerben sassen da fast alles Cellisten, die stark auf das Technische achteten.» Der 10-jährige Harfenist Jaron David Kiener, der den Small Bolero von Anna Sikorzak-Olek packend darbot, drückte es kurz und bündig aus: «Es ist hier angenehm zu spielen. Sie sind weniger streng als anderswo.»
«Ich bin überwältigt, was die können in dem Alter, das ist einfach krass, eine besser als der andere!», entfuhr es Pepe Lienhard in einer Pause des Finals. Lienhard wurde als «Quereinsteiger», wie er es nennt, in die Jury berufen, um die Performance-Qualität der Teilnehmenden zu beurteilen. «Ich bin natürlich kein Spezialist für klassische Musik. Am ehesten kann ich die Leistung des 11-jährigen Oboisten Marc Boller beurteilen. In seinem Alter bekam ich mein erstes Saxofon und er spielt bereits solch schwierige Stücke, unglaublich … Ich habe als Junger auch an Wettbewerben teilgenommen und war oft in Jurys. Da liegen vom Niveau her Milchstrassen zwischen damals und heute.»
Zeitgemässer, aber auch anspruchsvoller
Oliver Schnyder war im Voraus nicht sicher, ob «der Grundgedanke von Zurich Youth Classical in den Köpfen ankommen würde», dass es nämlich «nicht um einen Quervergleich geht, sondern dass man die jungen Menschen an den Aufgaben misst, die sie sich selber stellen. Wir waren freudigst überrascht, wie gut das geklappt hat und dass die Message auf Anhieb angekommen ist.»
In mancher Hinsicht ist das Format von ZYC für alle Beteiligten anspruchsvoller als die herkömmlichen, auf Konkurrenz abzielenden Wettbewerbe. Wenn man künstlerische Persönlichkeiten sehen will, die auf dem Podium etwas zu sagen haben, muss die instrumentaltechnische Basis bereits gelegt sein. Wie man am ZYC-Finale feststellen konnte, ist das heute immer häufiger und in jüngerem Alter der Fall. Vor diesem Hintergrund ist die Zeit reif für eine neu gedachte, zeitgemässe Form der Exzellenzförderung. ZYC könnte somit tatsächlich Impulsgeber werden.

