Das Schöpferische erproben

Erstmals fand im Stellwerk Basel Ende Mai das «Atelier Création» statt, ein kleines, von der Musik-Akademie Basel initiiertes Festival, das sich der Kreativität widmet, an der Nahtstelle von Laien und Professionalität.

Fotos: Donata Ettlin

Vierzig Minuten dauerte die freie Improvisation, lange für ein Laienensemble, das erst seit drei Jahren in diese Musik hineingewachsen ist. Die Teilnehmenden, vier Frauen und ein Mann, brachten die Instrumente im Raum verteilt auf unterschiedlichste Weise zum Klingen. Es waren nicht «ihre» Instrumente, die sie bedienten, und so lässt sich auch nicht von einem Spielen im üblichen Sinn eines Beherrschens sprechen. Vielmehr war es eine gemeinsame Entdeckungsreise, wobei sie von zwei Profis, Peter Schärli an der Trompete und Sylwia Zytynska an der Perkussion, unterstützt wurden. Das integrierte sich alles mühelos, ein Ganzes entstand, worüber sich die fünf im Gespräch danach selber erstaunt – und berührt – zeigten.

In diesem Ü65-Impro-Ensemble mit dem Namen Ad libitum sind Menschen mit unterschiedlichem Background zusammengekommen im gemeinsamen Wunsch, Musik zu machen, ja, endlich das Instrument zu spielen, das sie sich ein Leben lang gewünscht hatten. Das Ergebnis, zu erleben im Rahmen des Festivals «Atelier Création», klang vielversprechend, die Aktion sei zur Nachahmung empfohlen. Es geht, wie Zytynska, die künstlerische Leiterin, in der Einleitung des Programmhefts schreibt, um einen Ort, «an dem nicht Können oder Wissen im Vordergrund stehen, sondern Neugier, Präsenz und die Bereitschaft zu hören und mitzumachen». Das sprang am ersten Festivalabend aufs Publikum über.

Am folgenden Tag trat die junge Generation auf, das Ensemble ImproNext, das seit Langem an der Musikschule Basel besteht. Das Projekt wird jedes Jahr in zwei Altersgruppen (12–15 und 15–19 Jahre) durchgeführt – unter der Leitung von Zytynska und dem Geiger Egidius Streiff. Die gezeigte Konzeptimprovisation der Jugendlichen Am Puls der Stadt führte in ganz andere Klangräume. Die Tonmeisterin Małgorzata Albińska Frank mischte konkrete Klänge und Geräusche aus dem urbanen Arbeitsumfeld hinein. Eine vielschichtige Klangkulisse drehte sich im Raum. Vielleicht wird der eine oder die andere der Beteiligten später den Weg in die Musikwelt einschlagen, vielleicht aber werden sie auch «nur» (aber das ist so viel) mit einer intensiven Erfahrung und offenen Ohren in die Welt hinausgehen. Auf der Spur des Schöpferischen.

Zuhören Schweiz und Stellwerk als Partner

Etwas Wesentliches bei diesem «Atelier Création» nämlich ist der Fokus auf dem Musikschaffen von Laien, an den unterschiedlichen Nahtstellen (bekanntlich auch Sollreissstellen) zur Professionalität. Das kleine Basler Festival, das am letzten Maiwochenende erstmals stattfand, verliess bewusst den Campus der Musik-Akademie, die Initiantin und Förderin des Anlasses ist, und suchte einen anderen Ort der Kreativität auf. In den gedrängten Räumlichkeiten des Stellwerks im Bahnhof St. Johann ist seit 2010 die Kreativbranche eingezogen. Das Restaurant Perron bietet eine kleine Konzertbühne. Als Gastgeberin wirkte die Geschäftsleiterin des Vereins Stellwerk Xenia Fünfschilling ebenfalls in der Programmgruppe des Festivals mit, so wurde der Ort mitbedacht und trug zum Gelingen bei.

«Hörminuten», stille Momente des Innehaltens und Aufmerkens mitten in der Stadt.

Da Sylwia Zytynska auch die Gründerin und künstlerische Projektleiterin von «Zuhören Schweiz» ist, erhielt dieser Verein ebenfalls eine wichtige Rolle. Die «Hörminuten», stille Momente des Innehaltens und Aufmerkens – ein genuines Projekt des Vereins –, eröffneten das «Atelier Création» und wurden von Jugendlichen und Kindern mitten in der Stadt dargeboten. Und neben den bereits erwähnten Performances gab es auch ein zeremoniell durchkomponiertes Abendessen mit musikalischen Einlagen.

Schaufenster für den Kompositions-Workshop

Der eigentliche Ausgangspunkt zu diesem Minifestival war jedoch «Komposition Plus», ein Workshop für junge Komponierende, der heuer schon zum fünften Mal stattfand, geleitet vom Komponisten Lukas Langlotz und vom Dirigenten Matthias Kuhn. Bislang wurde der übers Jahr dauernde Kurs im internen Rahmen abgeschlossen. Um ihm mehr Öffentlichkeit zu geben, entstand das «Atelier Création», wo übrigens auch die Resultate des Workshops «Songwriting» unter der Leitung von Anna Hirsch zu hören waren. Für beide Kurse standen den Laien an allen Arbeitstagen und zum Schlusskonzert professionelle Begleitensembles zur Verfügung. Es ist ja wesentlich, dass sie das, was sie im Kopf erdacht und in die Partitur gesetzt haben, im Zuhören überprüfen und notfalls korrigieren.

Es war denn auch eine ungemein anregende Atmosphäre, die man bei den drei Arbeitstagen bzw. Ateliers von «Komposition Plus» erleben konnte. Ein Prozess kam in Gang. Die Teilnehmenden brachten ihre Partituren mit, konnten sie anhören, ganz sowie in Auszügen, konnten mit den beiden Leitern und den Musikern diskutieren und danach weiter daran feilen. «Es ist etwas, was die lernenden Komponistinnen und Komponisten so sonst kaum anderswo erfahren, insofern eine Spezialität unserer Basler Musikschule», wie Lukas Langlotz sagt und darauf verweist, dass sich einzig beim Young Composers Project am Künstlerhaus Boswil Ähnliches findet.

«Komposition Plus»

Hier darf man gehört werden wollen

Das sei es gerade, was ihn gereizt und stetig weitergebracht habe, meinte einer der Teilnehmer: Ronan Hughes, im Hauptberuf Geograf, hat die Workshops von Anfang an besucht und enorm profitiert. Davon zeugte auch sein kraftvolles und klar geformtes Stück Might. Vorgegeben war eine extravagante Besetzung mit Trompete, Posaune, Tuba, Kontrabass und Perkussion. Sie forderte heraus und führte die fünf zu ganz unterschiedlichen Lösungen. Marcus Schmied, als Perkussionslehrer am Gymnasium Leonhard tätigt, horchte auf suggestive Weise in die Obertöne und ihre Proportionen hinein. Tanja Bippus-Jäger, schon seit Längerem als interdisziplinäre Künstlerin unterwegs, entwickelte ein grooviges und abwechslungsreiches Stück namens G wie Gott und G wie Goethe. Caner Öztas und Gion Pinösch wiederum, die Jüngsten, beide vor der Matura stehend, stellten eine sehr appellative Musik vor: Öztas, indem er für Heimweh die Instrumente durch den Raum wandern liess, und Pinösch, indem er in Aufbruch auf die Weltlage reagierte und seine Musik in einem Frieden enden lässt. Das klang alles sehr frisch – und getragen auch vom Wunsch, damit hervorzutreten und sich hören zu lassen. Ja, auch das ist ein Moment, das sich Laien oft nicht recht zutrauen: gehört werden wollen.

https://www.musikschule-basel.ch/de/angebot/atelier-creation.html

Transparenzhinweis: Der Autor übernahm bei der Veranstaltung eine moderierende Rolle und schrieb einen Essay fürs Programmheft, ist also durchaus für das Projekt eingenommen. Es scheint ihm aber schlicht zu wertvoll, als dass es unerwähnt bleiben dürfte.

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