Ende und Anfang in der Kartause

Die dreissigsten Ittinger Pfingstkonzerte vom 22. bis 25. Mai 2026 handelten vom «Auf-hören». – Über die erste Austragung des Festivals unter der künstlerischen Leitung von Reto Bieri und Vertikalität im Erleben von Musik.

«Letztes Geleit» in Richtung Kartause. Foto: Pia Schwab

Es scheint ein befremdliches Thema für einen, der anfängt. Aber der Bindestrich in «auf-hören» deutet bereits darauf hin, dass es nicht einfach ums Beenden, Schlussmachen geht. Reto Bieri, Klarinettist, Dirigent, Dozent für Kammermusik in München, langjähriger Intendant des Davos-Festivals und leidenschaftlicher Programmgestalter leitet erstmals die Pfingstkonzerte in der Kartause Ittingen. Vor genau dreissig Jahren begannen Heinz Holliger und András Schiff mit dieser Tradition; nach zwanzig Ausgaben übernahmen nacheinander Graziella Contratto, Oliver Schnyder, Maurice Steger, Nicolas Altstaedt, Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout.

Wie kommt das Hören ins Aufhören?

Und nun «hört» Reto Bieri «auf». Im Programmheft führt er aus, wie er das versteht: «Kaum ein anderes Wort sagt so entschieden Nein und hält zugleich eine Öffnung bereit. Man sagt: ‹Hör auf!› und meint Stillstand. Doch im Innern des Wortes liegt etwas anderes verborgen: ein Hören … » Aufhören also wie aufhorchen. Diese Deutung leuchtet ein für einen, der auf Musik aus ist. Aber stimmt sie auch? Kluges Etymologisches Wörterbuch bestätigt, dass «aufhören» im Mittelalter gleichchbedeutend gewesen sei mit «hören» und leitet her: «Wenn jemand auf etwas sein Augenmerk richtet, dann lässt er zugleich von seiner Tätigkeit ab.» Aufhören als Bereitsein für das Neue, das sich ankündigt.

Reto Bieri erklärt diese Wahl mit dem ersten Eindruck, den die Kartause auf ihn gemacht habe: «Du kommst durch dieses Portal und findest dich in einer neuen, geschlossenen Welt. Der offenste Raum ist der Himmel. Das war auch für die Karthäuser so, die sich hinter diese Mauern zurückgezogen und ein Paradies eingerichtet haben.» Von hier aus erschliesst sich das ganze Festivalprogramm.

Radikales Hintersichlassen

Es beginnt mit der Extremform des Aufhörens, dem Tod. Zum Auftakt am Freitagabend gibt es ein dreiteiliges «Letztes Geleit», das genau dieses Hinkommen, Abschiednehmen und Wiederaufleben inszeniert. Einige hundert Meter von der Kartause entfernt formiert sich ein Detachement des Musikvereins Weinfelden, marschiert dann bedächtig los, spielt den Trauermarsch «Teure Mutter». Dann Stillstand, Stille. Es geht weiter, gleiche Musik, gleiche Langsamkeit. Wieder Stille. Ganz hinten im Trauerzug der Festivalbesucher macht sich Unruhe breit. Jemand regt sich auf, dass der Lautsprecher, der auf einem Karren mitgeführt wird, falsch platziert sei, man höre ja nichts. Es gibt nichts zu hören, das wird dann allmählich klar. Es gibt langsames Schreiten zum Trauermarsch – auf die Halbe! – und stilles Stehenbleiben. Gar nicht so einfach zu ertragen. Beim dritten Stillstehen merke ich, dass sich meine Augen schliessen, ich mich in die Situation ergebe. Bieri wird später bestätigen «dass man es fast nicht aushält, diese Wiederholungen, dieses Treten an Ort». Und er wird erzählen, welch einzigartige Erfahrung es für die beteiligten Musikstudierenden gewesen sei, da mitzumarschieren mit Spielerinnen und Spielern, die einen völlig anderen musikalischen Hintergrund haben. Wie der Tambourmajor ihnen erklären musste, wie sie im Glied zu stehen hätten, Fersen zusammen, Füsse im 45-Grad-Winkel. Auch Bieri hat sich im Klarinettenregister eingereiht und erweist der teuren Mutter die Reverenz. Fünf Mal muss der Marsch gespielt werden, bis man die Kartause erreicht, und in der Langsamkeit beginnt die Minze am Weg zu duften.

Vokalensemble Vox Clamantis im Klostergarten. Foto: Barbara Camenzind

Leichenschmaus, gespielt und völlig wahr

Im Barockgarten hat sich Vox Clamantis um das runde Wasserbecken aufgestellt und begrüsst die Eintreffenden mit gregorianischen Gesängen, auch mit der Pfingstsequenz. Im anschliessenden Konzert in der Remise singt dieses estnische Vokalensemble mit seiner schlafwandlerischen Homogenität The Deer’s Cry von Arvo Pärt, dem Komponisten, dem es sehr nahesteht und der beinahe aufgehört hätte, um dann nach Jahren zu einer neuen Stimme zu finden. Zum Schluss erklingt Henryk Góreckis Kleines Requiem für eine Polka, auch hier Wiederholungen, Treten an Ort und plötzliches Hervorbrechen einer nostalgisch-überdrehten Ausgelassenheit. Für Heiterkeit sorgt auch Schauspieler Jürg Kienberger, der schon draussen als «Pfarrer» eine etwas disparate Ansprache zwischen Gotthelfzitaten und automatischen Telefonansagen gehalten hat. Dort haben mich diese tragikomisch-parodistischen Intermezzi etwas befremdet; auf der Bühne gefallen sie mir. Es tut gut zu lachen zwischen dieser konzentrierten Musik. Auf die Frage, ob dieses «Theater» nicht auf Widerspruch stosse, wird Bieri von einem Pfarrer berichten, der ihm erbost geschrieben habe. Mittlerweile sei ein sehr anregender Austausch daraus geworden.

Der Abend schliesst, wie es sich für Trauerfeiern gehört, mit dem Leichenmahl. Alle sitzen im Restaurant der Kartause: Suppe, man beginnt sich zögerlich zu unterhalten, Hauptgang, Mark Padmore begleitet von Anthony Romaniuk singt Schuberts Abschied von der Erde, Dessert, Schlittschuhläufer-Walzer. Die Festivalmusikerinnen und -musiker stehen zwischen den Tischen, wo gerade Platz ist, und spielen, die Gäste singen-summen-murmeln mit in mehreren Wiederholungen, bis die Trauer weggeschmolzen ist und alle sicher sind, dass nach dem Schluss wieder etwas beginnt. «… das Ende ist der Anfang von der anderen Seite», wird Karl Valentin im Festivalprogramm zitiert.

Beziehungslos im Horizontalen

Ein Zusammengehörigkeitsgefühl macht sich breit. Langjährige Festivalbesucher finden, dass ihnen genau so etwas Gemeinsames bisher gefehlt habe. Eine Gemeinde? Übernimmt hier die Musik die Rolle der Kirche? Für Bieri ist die Nähe zum Litugischen und Religiösen einerseits stark autobiografisch: «Ich habe als Kind selbstverständlich die Karfreitagsprozession mitgemacht, durstig vier Stunden den Hang hinauf. Im katholischen Lehrerseminar haben wir jeden Morgen gregorianische Choräle gesungen. Andererseits scheinen mir die Wurzeln verlorenzugehen für vieles, das uns geprägt hat. Wir leiden heute unter einer gigantischen Kultur-Amnesie. Auch in der Musik können wir oft keine Bezüge mehr herstellen und wissen nicht mehr, woher etwas kommt, wohin es geht. Hier begegnen wir dem Hintergrund dieser klösterlichen Lebensweise, einer umfassenden Sorgfalt, einer Vertikalität. Im Alltag bewegen wir uns häufig nur noch im Horizontalen und vergessen darüber, dass es auch etwas über und unter uns gibt.»

Aufhören und Erblühen

Sieben Konzerte umfasst das diesjährige Programm. Sie mischen Musik vom Mittelalter bis in die Gegenwart, weniger als Abfolge denn als Konsequenz. Dabei fällt die Prozession, das Machen, immer stärker weg und macht der Essenz Platz. Endpunkt ist Brahms’ Klarinettenquintett op. 115, das er geschrieben hat, nachdem er eigentlich schon mit dem Komponieren abgeschlossen hatte. Auf-hören, immer wieder! In der Matinee vom Pfingstsamstag singt Vox Clamantis zuerst das gregorianische Antiphon Ubi caritas et amor und geht dann nach einem einzigen Atemzug in Maurice Duruflés Motette über dieses Thema über, so dass der Eindruck entsteht, die einstimmige Melodie breche unhaltbar auf in eine mehrstimmige Farbigkeit. Später erblüht Os justis auf dieselbe Weise zu Bruckners Motette. Auf-hören! Nächstes Jahr soll es ums «Wieder-holen» gehen.

An diesen Pfingsten reichen die Besetzungen vom Solo bis zum 14-köpfigen Ensemble, neben Vox Clamantis sind das Trio Gaspard in der Kartause, das Streichquartett Meta4 und viele andere. Bieri sagt, er habe darauf gedrängt, dass die Interpreten und Interpretinnen die ganze Zeit über hier seien. Viele gingen gar nie hinaus. Es ist auch keine Stadt in der Nähe. Aber die alten Rosen – die Kartause ist berühmt für ihre umfangreiche Sammlung – gehen in diesen Tagen auf. Solche historischen Sorten blühen nur einmal im Jahr, nach wenigen Wochen ist ihr Spiel vorbei, dafür duften sie einmalig.

Hinkommen, Abschiednehmen und Wiederaufleben. Foto: Pia Schwab

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