Vom Pergament zum Pixel (und zurück)

Digitalisierung macht Quellenkunde nicht überflüssig, sondern wichtiger. So lautet das Fazit der Summer School, die das Musikwissenschaftliche Institut der Uni Zürich dieses Jahr in Rom durchführte.

Beschäftigung mit Originalquellen sollte für Musikwissenschaftler nicht lästige Pflicht, sondern spannende Kür sein. Bild: Wikimedia Commons / Valerie McGlinchey

Jedes Jahr schreibt das Istituto Svizzero in Rom Summer Schools in seinen Räumen aus. Dieses Jahr ging der Zuschlag an das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Zürich. Nicolò Ferrari und Inga Mai Groote organisierten vom 19. bis 24. Juli ein vielfältiges Programm zwischen Musikwissenschaft, digitalen Geisteswissenschaften und Aufführungspraxis: mit Workshops, Vorträgen, Diskussionen und einem Konzert. Das Motto lautete «From Parchment to Pixel and Back»: vom Pergament zum Pixel und wieder zurück. Es ging also um «echte» Handschriften und ihre Digitalisate. Für die zwölf Doktorierenden und Dozierenden der Universitäten Zürich, Regensburg, Leuven und Pavia wurde es eine anspruchsvolle und ertragreiche Woche.

Im Zentrum stand eine Teildisziplin der Musikwissenschaft, die meist nur als Mittel zum Zweck erscheint: die Kodikologie, also die wissenschaftliche Beschreibung historischer Handschriften und Drucke. Häufig ist die «Quellenkunde» im musikwissenschaftlichen Studium zwar ein notwendiges Pflichtfach – schliesslich stehen die Quellen im Zentrum historischer Forschung –, doch nur selten lässt sich die Tragweite dieser Disziplin so bewusst machen wie bei dieser Summer School.

Die Quellenkunde zeigte hier ihr volles Potenzial in der aktuellen Forschung: Sie entwickelt sich praktisch weiter, beeinflusst die digitale Repräsentation der Quellen und wirkt in die Aufführungspraxis zurück. Zu diesem reichen Themenspektrum wurden die Lamentationes Ieremiae von Tomás Luis de Victoria als zentrales Fallbeispiel gewählt. Der Einfall erwies sich als guter «Klebstoff», der Quellenforschung, Aufführungspraxis und Digitalisierungsfragen verband.

Kodikologie: Rom als quellenkundliche Goldgrube

So banal es klingen mag: Die erste Erkenntnis war, dass Quellen physisch gebunden sind. Das hat Vor- und Nachteile. Wie kaum eine andere Stadt bietet Rom eine Fülle von Musikquellen auf engem Raum – nicht nur in einer zentralen Bibliothek, sondern über die ganze Stadt verteilt. Die Vorträge der Forscherinnen und Forscher in der Villa des Istituto Svizzero (Antonio Chemotti, Daniele Sabaino, Katelijne Schiltz, Inga Mai Groote) boten vor allem Kontext zu den Quellen, die sich die Gruppe grösstenteils «erlief».

Praktische Einblicke sammelten die Teilnehmenden beim Archivbesuch in der spanischen Nationalkirche, Santa Maria in Monserrato degli Spagnoli, einem der Wirkungsorte Victorias (mit einem Exemplar des Drucks seiner Musik zur Karwoche). Sie bekamen dort vom Rektor Don José Jaime Brosel Gavilá auch die Akten zu Victoria präsentiert. In der Biblioteca Casanatense konnten die Teilnehmenden die Materialität der Musikquellen erleben: Originalmanuskripte des 16. und 17. Jahrhunderts wie Chorbuch, Kantatenhandschrift oder Chansonnier boten die Gelegenheit, Gewicht, Beschaffenheit oder schlicht die beeindruckenden Grössenunterschiede kennenzulernen. (Ein angenehmer Nebeneffekt der Archivforschung im Sommer 2026: der Aufenthalt in Räumen, die zum Quellenschutz fast immer klimatisiert sind.)

Die Teilnehmenden und Dozierenden der Summer School im Salone Sistino der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek mit der Leiterin der Handschriftenabteilung, Dr. Claudia Montuschi (vorderste Reihe, Mitte). Foto: zVg

Ein besonderer Höhepunkt war der exklusive Zugang zum eindrucksvollen Salone Sistino der Vatikanischen Bibliothek. Nach persönlicher Begrüssung durch den Präfekten der Bibliothek, Don Mauro Mantovani, studierten die Teilnehmenden hier die Musikalien der Cappella Sistina, darunter eine wenig bekannte handschriftliche Fassung der Lamentationes. Sie konnten aber auch den berühmten Chigi-Codex, eine der prächtigsten Musikhandschriften der Renaissance, in Augenschein nehmen. Was leicht touristisch hätte wirken können, wurde zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Bestand – dies dank der Erläuterungen, welche die Teilnehmenden von der Leiterin der Vaticana-Handschriftensammlung, Claudia Montuschi, und den Herausgebern des im Erscheinen begriffenen Cappella-Sistina-Katalogs (Thomas Schmidt, Nicolò Ferrari) erhielten. Ein Workshop (Nicolò Ferrari) im Deutschen Historischen Institut bot für alle Teilnehmenden die Gelegenheit zum praktischen Umgang mit Musikhandschriften aus dem dortigen Bestand.

Aufführungspraxis: Der Fall Victoria

Kontrastiert wurde diese Arbeit an den Quellen mit einer Aufführung aus den Quellen. Teil der Summer School war auch ein voll besetztes, öffentliches Konzert mit dem Ensemble Cantoría unter Jorge Losana in der Kirche Santa Maria in Monserrato. (gefördert von spanischen Kulturinstitutionen und den Botschaften Spaniens und der Schweiz beim Heiligen Stuhl). Victorias Tenebrae-Responsorien kamen in atmosphärisch dichter Weise mit dem liturgisch üblichen sukzessiven Löschen der Kerzen zur Aufführung.

Das Vorgespräch mit dem Ensembleleiter in der Sala Dalí des Instituto Cervantes machte deutlich, dass diese inszenierte, quasi-liturgische Rekonstruktion in Zusammenarbeit mit Theolog:innen und Musikwissenschaftler:innen aus verschiedenen europäischen Ländern entstanden war. Losana betonte dennoch, dass es seinem Ensemble nie um «historisch korrekte» Rekonstruktion ging, sondern um eine inspirierte, künstlerische Darbietung.

Im Workshop der Summer School-Teilnehmenden mit dem Ensemble am nächsten Tag zeigte sich, wie eng die musikalische und wissenschaftliche Betrachtung des Repertoires und die analytischen, historischen und performativen Argumente ineinandergreifen. So entsteht eine produktive Reibungsfläche, dank der sowohl die Aufführung als auch die wissenschaftliche Interpretation der Quellen gewinnen. Das Ensemble sang Sätze der Lamentationen zum Vergleich in der handschriftlichen und der gedruckten Fassung. Die Diskussion darüber förderte die Unterschiede zwischen einer pragmatischeren Schreibweise und kompositorisch komplexeren Varianten zutage. Der Druck dokumentiert wahrscheinlich die von Victoria gewünschte, «verbesserte» Fassung.

Digitalisierung: Die (Un-)Sichtbarkeit der Quellen

Ein weiterer Aspekt war die Digitalisierung der Quellen und ihre Edition im digitalen Raum. Im Zentrum stand hier, neben einem Hands-on-Workshop zum digitalen Edieren (Hein Sauer), ein Roundtable mit Ángela Núñez Gaitán (Chefkonservatorin der Vaticana) und den Musikwissenschaftlern Antonio Chemotti (KU Leuven) und Hein Sauer. Die Diskussion behandelte die zentralen Fragen der Digitalisierung: Sichtbarkeit, Zugänglichkeit, Quellenschutz sowie Best- und Worst-Practice-Beispiele. Für die Konservatorin Núñez Gaitán war der Schutz gefährdeter Handschriften durch Digitalisierung zentral. Für Projektleiter Chemotti war es das Miteinander der Institutionen, um gesellschaftliche Vermittlung zu ermöglichen. Für Archivnutzerinnen und -nutzer bleibt nach den Forschungserfahrungen Sauers die Gefahr ungleichen Zugangs zu den Originalen je nach Grösse und Ressourcen der Bibliotheken ein virulentes Problem.

Am Ende stand fest: Jedes digitale Projekt oder Werkzeug entfaltet erst dort Kraft, wo es auf Quellenkenntnis und dem Willen, die Quellen wirklich zugänglich zu machen, aufbaut. Eine digitale Edition ist nur so gut wie das Verständnis der Handschrift, die ihr zugrunde liegt; eine Datenbank nur nützlich bei kritischer Reflexion über ihre eigene Entstehung. Selbst scheinbar unabhängige Dinge wie maschinelle Transkriptionen sind keine neutralen Tools. Denn selten sind Bestände dafür bereits geeignet, und selbst dann müssen die Daten oft nachbearbeitet werden, um wissenschaftlich verwertbar zu sein. Letztlich waren sich alle einig: Die eigentliche Maxime muss heissen «Gut Ding will Weile haben». Besser langsam und hochwertig digitalisieren als schnell und oberflächlich. Entgegen manchen Meinungen macht die Digitalisierung die Quellenkunde nicht überflüssig, sondern im Gegenteil sogar noch wichtiger.

Insgesamt stellte die vielfältige Summer School das «and Back», also die Rückbesinnung auf die Quellen, in den Vordergrund, ohne einen banalen «ad fontes»-Ruf zu formulieren. Vielmehr bot sie den Teilnehmenden die Gelegenheit, die Schönheiten der Kodikologie und ihrer Räume kennenzulernen, sich der Tragweite der Quellenarbeit für die Praxis bewusst zu werden und die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen. Den Weg zu den Archiven gilt es dabei nicht zu vernachlässigen, da noch lange nicht alle Quellen gefunden oder ausgewertet sind. Die Summer School zeigte, dass aus dem Pflichtfach Quellenkunde eine Kür werden kann – und dass die Verbindung von traditioneller Quellenforschung und digitalen Methoden nicht nur möglich, sondern für die Zukunft der Musikwissenschaft unverzichtbar ist und auch in der Lehre integriert werden muss.

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