Er wollte Musik sichtbar machen

Dirigent, Konzertveranstalter und durchaus polemischer Musikvermittler: Ein Nachruf auf Armin Brunner, der am 12. August im Alter von 93 Jahren verstorben ist.

Armin Brunner (1933-2026). Bild: Wikimedia Commons/Anthropogen anthropogen

Man wandelte durch das Gebäude, während in jedem Raum simultan eine andere Musik erklang. Wer hören wollte, musste sich entscheiden. «3×5 Stunden Musik» hiess der Anlass;  er war eine jener auf- und anregenden Veranstaltungen, mit denen Armin Brunner in den 70er Jahren das Musikleben aufmischte. Das Konsumverhalten wurde herausgefordert, die Hörgewohnheiten wurden in Frage gestellt, das Konzertformat aufgebrochen, auf ebenso witzige wie provokante Weise. Die Neue und ältere Musik geriet zuweilen ins Wechselspiel mit Poppigem – eine Folge der bewegten 60er Jahre. Das andächtige Hineinhorchen ins Absolut-Musikalische war Brunners Sache nicht. Das waren wichtige Impulse auch für unsere, damals junge Generation, die zu diesen Anlässen pilgerte.

Geboren 1933 in Zollikon, hatte Brunner an der Musikhochschule Zürich studiert. Bald schon wurde er am Opernhaus Assistent bei Hans Rosbaud, einem der wichtigen Dirigenten für zeitgenössische Musik damals. Brunner nämlich war am Neuen interessiert, aber auch am Szenischen – oder weiter: an der Verbindung von Musik mit dem Visuellen. Nach Erfahrungen mit Kammeropern gründete er 1971 das Musikszenische Studio Zürich, das er bis 1983 leitete. Gleichzeitig engagierte er sich für das Widerborstige. So führte er etwa Hans Werner Henzes Show Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer auf, in der ein Autowrack als Perkussionsinstrument diente.

Dann ging er zum Deutschschweizer Fernsehen, wo er von 1979 bis 1998 die Abteilung «Musik und Ballett» leitete. Nie zuvor und nie danach herrschte dort punkto Klassik eine solche Betriebsamkeit. Es war eine Zeit des Aufbrechens und des Experimentierens. Regisseure wie Fred Bosman, Peter Schweiger oder Werner Düggelin realisierten ungewöhnliche Musikfilme, der letzte etwa eine eindrückliche Johannes-Passion. Ein Zyklus mit Balletten von Heinz Spoerli entstand. Mauricio Kagel, eine von Brunners Leitfiguren im Umgang mit Musik und Medien, schuf grandiose Musikfilme.

Innovative Zusammenarbeit mit Adrian Marthaler

Vor allem aber die innovativen Produktionen mit Adrian Marthaler wurden über die Landesgrenzen hinaus ein Riesenerfolg: kritisch bis hin zum Parodistischen wurde das Konzertleben kommentiert und neu erzählt. Klassische Werke erschienen in einem modernen Kontext. Gershwins Rhapsody in Blue etwa wurde in einer Bar lokalisiert. Später folgten aber auch «ernsthaftere» Mozart-Verfilmungen oder Mahlers Sechste als Filmepos. Das Schweizer Fernsehen hat das alles schon lange nicht mehr gezeigt, obwohl es zu den glorreichsten Schöpfungen seiner Geschichte gehört.

Brunner, der lange den Frauenfelder Oratorienchor leitete, wollte aber auch die grossen Werke der Kirchenmusik befragen. So realisierte er insgesamt 21 «Musikalische Meditationen», in denen kritische Zeitgenossen quasi von der Kanzel zu einem klassischen Werk «predigten». Wolfgang Hildesheimer zum Beispiel formulierte zu Mozarts Requiem ketzerische Gedanken: «Herr, gib ihnen die ewige Ruhe nicht!» Ihm folgten Schriftsteller und Theologen wie Dorothee Sölle, Günter Wallraff, Hans Küng, Peter Bichsel, Martin Walser, Wolf Biermann, Adolf Muschg.

Schliesslich galt Brunners besondere Liebe dem Stummfilm: Berühmte Beispiele wie Nosferatu, Panzerkreuzer Potemkin oder Metropolis hat er vertont, freilich nicht, indem er neue Musik dazu komponierte, sondern indem er bestehende Werke kompilierte und sie unter die Bilder legte. Mit der Zeit wurde darin auch ein Misstrauen gegenüber dem Elitarismus der Neuen Musik spürbar. Eine Musik, die sich nicht vermitteln wollte, wurde Brunner mit den Jahren suspekt. Arvo Pärt galt ihm als leuchtendes Gegenbeispiel.

Ihn faszinierte die Verbindung von Ohr und Auge

Als Konzertmanager bei den Migros-Klubhauskonzerten setzte er nach der Fernsehzeit seine Vermittlertätigkeit fort. Nach acht Jahren schloss er sie mit einem Mitbestimmungskonzert ab – das bunte Programm wurde bei den letzten Konzerten aufgrund eines Fragebogens eruiert. In jenen Jahren griff er aber auch die ungewöhnlichen Konzertformate von einst wieder auf, in allerdings viel grösserem Ausmass. Für die Alte Oper Frankfurt hatte er schon 1990 ein grossangelegtes Sonoptikum geschaffen. Auch da ging es wieder um die Verbindung von Ohr und Auge, das Thema, das ihn bis zuletzt faszinierte und antrieb.

Am 12. August ist Armin Brunner verstorben, ein kritischer Geist, der im Übrigen auch beim Gegenüber den kritischen Impuls schätzte. Dass etwa die Musikkritik in den letzten Jahrzehnten darniederging, empfand er als grosse Verarmung. Tatsächlich, und das stimmt wehmütig, ist vieles, was er geschaffen hat, heute kaum mehr denkbar, zumal am Fernsehen nicht.

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