Perlen aus einem verkannten Klavierwerk
An Werke für Klavier solo denkt man bei Antonín Dvořák nicht gleich. Dabei sind sie oft zauberhaft. Im neuen Sammelband «Leichten Klavierstücke und Tänze» sind besonders unbekannte zusammengestellt.

«Dvořáks Klavierwerk wird meist stiefmütterlich behandelt, als nicht ganz vollwertiger Bestandteil seines Schaffens», schreibt Tomáš Víšek im Vorwort zu seiner Anthologie Leichte Klavierstücke und Tänze, die kürzlich bei Bärenreiter Praha erschienen ist. Damit hat er zweifellos recht. Denn im Gegensatz zu seiner Kammermusik sieht man die Werke für Klavier solo eher selten auf unseren Konzertprogrammen.
Was ist der Grund dafür? Dvořák spielte zwar recht gut Klavier, nutzte aber kaum die spezifischen Möglichkeiten des Instruments. Sein Klaviersatz liegt denn auch oft etwas unbequem. (Das gilt übrigens in hohem Masse auch für sein Klavierkonzert!) Was nicht heisst, dass er nicht fähig gewesen wäre, dessen klangliche Reize auszuloten. Und so fügt der Herausgeber denn auch hinzu: «Dennoch lassen sich viele von Dvořáks Kompositionen wunderbar spielen … und so interpretieren, dass ihre klangliche oder technische Schwierigkeit vom Hörer nicht wahrgenommen wird.»
Unter Dvořáks Klavierwerken dominieren die kleineren Formate: Tänze, Stimmungsbilder, Humoresken. Dazu gehören übrigens auch die wunderbaren Silhouetten op. 8. Das einzige grossformatige Werk scheint Tema con Variazioni op. 36 zu sein. Eine Auswahl besonders unbekannter Kleinodien bildet nun den Inhalt der vorliegenden Edition. «Stücke, die nahezu unbeachtet blieben, weil sie zwischen anderen Werken gewissermassen untergingen und selten veröffentlicht wurden». Bei aller Schlichtheit der musikalischen Erfindung geht von diesen Klängen ein bemerkenswerter Zauber aus. Denn Dvořák gelingt es immer wieder, herkömmliche Akkorde in unkonventioneller Folge so zu kombinieren, dass ganz neue Klangfarben und Harmonien entstehen. Und dies geschieht bei ihm, ohne dass die Musik ihren natürlichen Fluss verliert. Gerade die Albumblätter (Nr. 1) und das Wiegenlied (Nr. 8) belegen das eindrucksvoll.
Dvořák selbst gab keine Fingersätze an. Herausgeber Tomáš Víšek hat sich die Mühe genommen, sehr detaillierte Hilfestellungen beizufügen. Dabei hat er wohl etwas zu viel des Guten getan, wenn er gelegentlich über jede Note eine Zahl setzt. Aber im Übrigen ist das Notenbild sehr übersichtlich und lädt einen unmittelbar ein, sich mit diesen kleinen musikalischen Perlen vertraut zu machen.
Antonín Dvořák: Leichte Klavierstücke und Tänze, hg. von Tomáš Víšek, BA 11584, € 16.50, Bärenreiter, Praha

