Eigenwillige Biografie

Für die erste, überaus detailreiche Biografie von Klaus Huber hat Corinne Holtz eine doppelte Perspektive gewählt.

Klaus Huber 2006 in Stuttgart. Foto: Max Nyffeler

Eine Biografie über Klaus Huber zu schreiben, ist nicht einfach. Die Persönlichkeit des 2017 verstorbenen Komponisten war ebenso, sagen wir mal, problemorientiert wie sein von produktiven Widersprüchen und Brüchen durchzogenes Schaffen.

Corinne Holtz hat als Erste den Versuch gewagt und für ihre Biografie eine eigenwillige Form gewählt. Vier der acht Kapitel sind nämlich aus der Ich-Perspektive des Komponisten geschrieben, was ihn in eine fast intime Nähe zum Leser rückt. Das sieht zunächst nach literarischer Fiktion aus, wird aber mit zahllosen Fussnoten weitgehend korrekt dokumentiert. Das zusammengesetzte Ich, das so entsteht, ist ein Puzzle aus schriftlichen und mündlichen Äusserungen Hubers, aus Briefen, Tagebuchnotizen und Gesprächen mit den Nachkommen, vieles davon unveröffentlicht.

Mit ihren akribischen Recherchen beförderte Corinne Holtz auch viele private Details aus Hubers Leben ans Tageslicht. Seine Tochter Katharina Rikus öffnete dafür bereitwillig das Familienarchiv. Aufschlussreich ist der Teil über seine Kindheit und Jugend, die durch einen strengen und keineswegs vorbildlichen Vater dominiert wurden – ein klassisches Über-Ich, von dem sich der kompositorische Spätstarter nie ganz befreien konnte.

Die Werke kommen in der detailsatten Biografie leider etwas zu kurz. Breiten Raum nimmt einzig die Oper Schwarzerde ein, deren Produktion am Theater Basel 2001 die Autorin journalistisch begleitete. In einem ganzen Kapitel, offenbar ein Beifang ihrer Recherchen in der Basler Sacher-Stiftung, betreibt sie dagegen Spurensuche zum Thema Sacher und die Nazis, was etwas nach dem unter Schweizer Kulturlinken eifrig gepflegten Moralsozialismus riecht und hier wie ein Fremdkörper wirkt.

Über hundert Seiten, ein Drittel des Buches, nimmt die umfangreiche Dokumentation mit Anmerkungen, Quellen und Literaturverzeichnis ein. Eine gewaltige Fleissleistung mit Vollständigkeitsanspruch, der aber in einem so komplexen Fall wie Huber wohl nie ganz eingelöst werden kann.

Corinne Holtz: Welt im Werk. Klaus Huber (1924–2017), Biografie, 309 S., Fr. 54.00, Schwabe, Basel 2024, ISBN  978-3-7965-5148-2

Ausführlichere Version dieser Kritik: beckmesser.info/klaus-huber-biografisch-seziert/

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