Nachhall und Zukünfte
Schoecks Liederzyklus «Nachhall» erfährt eine textliche und musikalische Fortschreibung von Michael Emanuel Bauer, beides noch einen Remix.

Über ihrem gemeinsamen Faible für k-punk aka Mark Fisher, einen 2017 verstorbenen englischen Musikkritiker und Kulturtheoretiker, fanden sie zusammen. Und was machten der Pianist Stefan Kägi und der Komponist Michael Emanuel Bauer daraus? Sie nahmen Othmar Schoecks späten Liederzyklus Nachhall, betrachteten ihn «aus dem Geist der Derrida’schen Hauntology» und bearbeiteten ihn. Die Ausgangslage ist so ungewöhnlich wie der daraus entstehende Mix: Kägi interpretiert den Zyklus zusammen mit dem Bassbariton Robert Koller; neben das Original tritt eine textliche und musikalische Fortschreibung, Bauers «Afterimages». Schliesslich remixt der deutsche Experimentalmusiker Gunnar Geisse noch einiges davon. Das Ganze bekommt einen englischen Titel: Schoeck vs. Bauer Or What Futures are you Longing For? Wo sind wir da?
Sentimentalisch ist die Gefühlslage: ein Zurück, ein Nachsinnen ist zentral, wie es der Titel Nachhall verdeutlicht. Schoeck war sich seiner Position als Spätgeborener, als Nachromantiker, ja sogar gewissermassen als Epigone bewusst. Und er entdeckte sie in den Gedichten von Nikolaus Lenau und Matthias Claudius wieder. Resignation schwingt mit – und schwappt dann auf Bauer über, der sie auf vielfältige Weise bricht. Stilistisch überraschend klingt da so einiges aus der Musikgeschichte herein. Nachhall ist immer. Diese Brechung ist durchaus notwendig, da die Tonlage Kollers, der doch ein so gewitzter Vermittler sein kann, bei Schoeck gelegentlich ins Sentimentale, Rührselige abgleitet. Aber vielleicht gehört gerade dies auch in eine solche Assemblage. Aufgesetzt und nicht integriert wirken danach allerdings Geisses Remixes, die wohl einen Vorhall der ersehnten Zukünfte repräsentieren sollen.
Schoeck vs. Bauer Or What Futures are you Longing For? Othmar Schoeck: Nachhall; Michael Emanuel Bauer: Afterimages; Remixes von Gunnar Geisse. Robert Koller, Bassbariton; Stefan Kägi, Klavier. aDevantgarde records, nur online
