Über die Lust, Rahmen zu sprengen

In 14 Beiträgen umkreist dieser Text+Kritik-Sonderband Werk und Biografie von Michael Wertmüller.

Michael Wertmüller. Ausschnitt aus dem Buchcover

Wie will man sich einer solchen Fülle nähern? Also dem Œuvre Michael Wertmüllers, eines Schlagzeugers und Komponisten, dessen Werkverzeichnis einen geradezu manischen Schaffensdrang verrät, dessen Partituren an Opulenz und Dichte kaum zu überbieten sind und der sich obendrein noch bewegt zwischen verschiedensten Genres wie Jazz, Neuer Musik inklusive Oper, Kammer- oder Orchestermusik und schliesslich Rock mehrheitlich härterer Gangart.

Nun, die 14 Autoren des reich mit Partituren und Fotos bebilderten Sonderbandes Michael Wertmüller versuchen es. Ein Schwerpunkt liegt auf dem erstaunlich umfangreichen Opern- und Musiktheaterschaffen. Thomas Meyer beschäftigt sich in seinem Text mit Anschlag, das 2013 in Luzern Premiere hatte. Er arbeitet die Entstehung des politisch stark aufgeladenen Werks anschaulich heraus, beschreibt detailliert, wie die Texte des radikalen Schweizer Literaten Lukas Bärfuss und die nicht minder radikale Musik Wertmüllers zusammenfanden. In ihrem Beitrag über die «experimentelle Oper» D·I·E erläutert Barbara Eckle unter anderem die jeglichen traditionellen Rahmen sprengende Konzeption. Zum teilweise ohrenbetäubend lauten Einsatz kommen hier ein klassisches Streichquartett, eine Rapperin, eine Garage-Hardcore-Punkband, ein klassischer Perkussionist und nicht zuletzt das bekannte Jazztrio Steamboat Switzerland, mit dem Wertmüller eine nun schon Jahrzehnte währende Zusammenarbeit verbindet. Diese enge, sich gegenseitig immer wieder befruchtende Kooperation beschreibt Gabrielle Weber mit vielen erfrischenden Interview-Ausschnitten der Bandmitglieder Dominik Blum, Marino Pliakas und Lucas Niggli.

Auch die musikalische Sozialisation Wertmüllers kommt mehrfach (und durchaus mit Wiederholungen) zur Sprache. In Thun wird er gross, spielt offenbar unermüdlich Schlagzeug und erhält dann nach Perkussionsstudien in Bern und Amsterdam eine Stelle im renommierten Concertgebouw-Orchester. «Ich sah die Zukunft vor mir, was andere
sich wünschten, eine feste Stelle im Orchester, war für mich der Horror.» Das sagt dann doch einiges über diesen ungebändigt umtriebigen Musiker und Komponisten.

Michael Wertmüller, Musik-Konzepte Sonderband XI/2024, hg. von Ulrich Tadday, 248 S., € 44.00, Edition text+kritik, München 2024, ISBN 978-3-96707-969-2

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