Zwei « neue» Werke von Bach
Zwei Chaconnen in einem Brüsseler Manuskript werden dem jungen Johann Sebastian Bach zugeschrieben und tragen die BWV-Nummer 1178 und 1179.

Als «Weltsensation» kündigten die Medien im vergangenen November die (Wieder-)Uraufführung zweier Chaconnen an, die der Musikwissenschaftler Peter Wollny nach jahrelangen Recherchen nun dem jungen Johann Sebastian Bach zuschreibt und die daher auch zwei BWV-Nummern erhalten haben.
Bach-Schüler Salomon Günther John
Die vorliegende – in gewohnter Weise tadellose – Ausgabe, welche bei Breitkopf & Härtel als Supplement zum 4. Band der derzeit neuesten Gesamtausgabe der Orgelwerke publiziert worden ist, zeichnet im Vorwort die akribische, geradezu «detektivisch» anmutende Spurensuche zu den beiden Werken nach. Durch komplizierte Schriftvergleiche liess sich ein in Brüssel aufbewahrtes, anonymes Manuskript auf den 1695 geborenen Kantor, Lehrer und Organisten Salomon Günther John zurückführen, der 1727 bei einer Stellenbewerbung darauf hinwies, «anfangs bey dem ehemahligen Organist in Arnstadt» (ohne weitere Namensnennung) den Unterricht besucht zu haben. Da aufgrund einer weiteren Abschrift Johns eines sicher von Bach stammenden Werks (BWV 951) angenommen werden kann, dass dieser tatsächlich während Bachs Arnstädter Zeit (1703–07) dessen Schüler war, lässt sich auch für die beiden anonymen Chaconnen im Brüsseler Manuskript eine mögliche Urheberschaft Bachs annehmen. (NB: Zuvor waren diese einem anderen Komponisten, J. C. Graff, zugeschrieben worden, unter dessen Namen sie sogar gelegentlich gespielt wurden.)
Stilmerkmale
Wollny untermauert seine Theorie weiter durch stilistische Vergleiche mit anderen frühen Werken Bachs, deren Merkmale der Schweizer Organist Jean-Claude Zehnder in seiner grundlegenden, im Rahmen der Schola Cantorum Basiliensis Scripta 2009 bei Schwabe erschienenen Arbeit einer umfassenden Analyse unterzogen hat. Zudem erinnern gewisse Figurationen durchaus an Bachs Orgel-Passacaglia BWV 582, welche, genau wie BWV 1178, dann auch in einer Fuge fortgesetzt wird.
Faszinierende Beweisführung
Wie zu erwarten, löste die «Uraufführung» weitere Diskussionen über die Urheberschaft Bachs aus. Ohne hier auf die diversen Argumente pro und contra eingehen zu können: Die beiden auch auf kleineren Orgeln gut realisierbaren Werke zeigen einen Komponisten, der über ein solides Handwerk verfügt, mit virtuoser Spielfreude zu schreiben weiss und gelegentlich (wenn auch nicht immer) eine persönliche Handschrift und «genialische» Züge durchschimmern lässt. Falls es sich dabei tatsächlich um den (18- bis 22-jährigen) Bach handelt, ist hier eine weitere Etappe auf dessen Entwicklungsweg als Komponist erschlossen worden. Faszinierend ist der Weg zu dieser Zuschreibung aber in jedem Fall!
Johann Sebastian Bach: Zwei Chaconnen BWV 1178 und 1179, (Sämtliche Orgelwerke, Supplement zu Band 4), hg. von Peter Wollny, EB 9648, € 16.90, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
