Barockmusik aus der Schweiz? Durchaus!
Vor 400 Jahren wurde Johann Melchior Gletle im aargauischen Bremgarten geboren. Sein Lebensweg führte ihn als Organisten und Domkapellmeister nach Augsburg.

Die Eidgenossenschaft ist kaum als Herkunftsland barocker Komponisten bekannt. Es lag weniger an mangelndem musikalischem Talent, dass sich hierzulande kaum Tonschöpfer hervortaten, als an den gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen. Insbesondere für verheiratete katholische Musiker bestanden in der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft nur wenige Ämter, die eine dauerhafte kompositorische Tätigkeit ermöglichten. Der in Bremgarten/AG geborene Johann Melchior Gletle (1626–1683), dessen Geburtstag sich Anfang Juli zum 400. Mal jährt, verliess deshalb seine Heimat und machte im bayerisch-schwäbischen Augsburg als Domkapellmeister Karriere.
Über Gletles Ausbildungsjahre wissen wir erstaunlich wenig. Gesichert ist lediglich, dass er 1641 die Jesuitenschule in Freiburg/FR besuchte. Im August 1651 wurde er als Organist am Augsburger Dom angestellt. Kurz darauf heiratete er Katharina Streitlin, mit der er 16 Kinder hatte. Bereits im April 1654 wurde er als erster Nichtgeistlicher zum Domkapellmeister ernannt. Dafür erhielt er einen Chorrock, um bei Prozessionen wie die Kleriker aufzutreten. Beide Ämter versah er bis zu seinem Tod Anfang September 1683.
Zwischen Bremgarten und Augsburg
Gletle verbrachte insgesamt 32 Jahre mit seiner Familie in Augsburg und publizierte dort acht Musikdrucke, von denen sieben erhalten sind. Auf sämtlichen Titelblättern erscheint er als Bremgarter Bürger und Augsburger Domkapellmeister («Bremgartensi. Ecclesiae Cathedralis Augustanae Capellae magistro»). Bis zu seinem Tod liess er sich alljährlich im Bürgerregister von Bremgarten eintragen. Weshalb, bleibt bislang ungeklärt. Diesen und weiteren Fragen zu Gletle und seinem Umfeld widmet sich eine Tagung der Universität Genf vom 21. bis 23. August 2026 in Muri/AG. Parallel dazu erklingen im Rahmen der Konzertreihe «Musik in der Klosterkirche» Werke Gletles und seines musikalischen Umfelds.
Der Augsburger Dom eröffnete dem katholischen Laien berufliche Möglichkeiten, die ihm in der Eidgenossenschaft weitgehend verschlossen geblieben wären: Die Kapellmeisterstellen in eidgenössischen Klöstern wurden in der Regel mit Konventualen besetzt und setzten einen Ordenseintritt voraus. Als verheirateter Familienvater kamen für Gletle faktisch nahezu ausschliesslich Kathedral- und Stiftskirchen als Arbeitgeber infrage.
Welches Ansehen er zu Lebzeiten genoss, zeigt ein Urteil des Musiktheoretikers Sébastien de Brossard (1655–1730). Unter den Komponisten des deutschen Sprachraums schätzte dieser besonders Johann Melchior Gletle und Samuel Capricornus (1628–1665). Über Gletle schrieb er: «Seine Musik ist ausgewogen und regelmässig aufgebaut, zugleich aber – wenn es nötig ist – glänzend und leicht. Sie ist kunstvoll, ausdrucksstark, anmutig und vor allem den jeweiligen Orten, Zeiten und dem eigentlichen Sinn der Worte hervorragend angepasst [Übersetzung des Autors].»
Für einen heute weitgehend vergessenen Komponisten ist dies ein bemerkenswertes Urteil. Im Vorfeld seines 400. Geburtstags wurden daher weitere Werke aus seinem bislang nur bruchstückhaft erschlossenen Œuvre transkribiert – sowohl für Aufführungen als auch zur kritischen Einordnung seines Schaffens. Die Vorbereitungen zu Tagung und Jubiläum haben zudem die weite zeitgenössische Rezeption seiner Musik sichtbar gemacht: im mitteleuropäischen Raum (Mitteldeutschland, Elsass, Schweiz, Österreich, Südtirol), in Zentraleuropa und Skandinavien sowie bis in die Jesuitenreduktionen Südamerikas.
Ein Bremgarter Bürger, der in Augsburg Karriere machte und dessen Musik bereits um 1700 bis nach Südamerika rezipiert wurde: Johann Melchior Gletle gehört zu den faszinierenden, noch immer zu wenig bekannten Figuren der Musikgeschichte der Alten Eidgenossenschaft – mit globaler Reichweite.
Weiterer Artikel zum Thema: https://www.musikzeitung.ch/basis/smg/2026/06/johann-melchior-gletle-1626-1683-tagung-und-konzerte-zum-400-geburtstag
