Ein neuer Konzertsaal für Altdorf
Seit die Winter wärmer und die Skipisten kürzer werden, haben die Bergregionen den touristischen Sommer entdeckt und mit ihm die Kultur. Andreas Haefliger will das alte Zeughaus im Urner Kantonshauptort dafür umbauen.

Der Alpenbogen ist reich an Konzertorten, von Zermatt, Sion, Ernen, Verbier und Gstaad über Meiringen, Sarnen und Andermatt bis Klosters und Davos, um nur einige zu nennen. Und mit Blick auf See und Berge der Klassik-Olymp Luzern. Demnächst soll auch Altdorf dazugehören.
Der Hauptort des Kantons Uri mit 10 500 Einwohnerinnen und Einwohnern, den die meisten nur vom Vorbeifahren in den Süden kennen, wird vielleicht mit Wilhelm Tell assoziiert, aber nicht unbedingt mit Klassik. Das soll sich bald ändern, sagt Andreas Haefliger. Der international erfolgreiche Pianist ist vor einigen Jahren aus den USA in die Schweiz zurückgekehrt und lebt jetzt mit seiner Frau, der amerikanischen Flötistin Marina Piccinini, hoch über Altdorf auf siebzehnhundert Metern mit einer prächtigen Rundsicht auf die Urner Alpen. In Altdorf hat sich der charismatische Künstler verliebt, hier will er einen Konzertsaal für Kammermusik bauen und ist überzeugt: Der Saal wird nicht nur eine kulturelle Bereicherung für Altdorf darstellen, sondern mit den international bekannten Künstlerinnen und Künstlern, die hier auftreten werden, auch für eine über die Schweiz hinausgehende Aufmerksamkeit sorgen. Ein wirtschaftlicher Nutzen durch den Kulturtourismus wäre garantiert.
Ein Geschenk mit Konzept
Haefligers Konzertsaalidee ist schon auf dem Weg zur Realisierung. Die Pläne, die er der Gemeinde auf den Tisch legt, sind hinsichtlich Architektur, Verwaltungsstruktur und Finanzen völlig ausgearbeitet. Sie bilden gewissermassen ein mit Goldschleife versehenes Geschenkpaket, das ein grosszügiger Künstler der Gemeinschaft überreichen möchte. Die Finanzierung soll ausschliesslich durch Private erfolgen – ein Glücksfall für Altdorf. Und ein Fingerzeig Richtung Europa, wo der subventionierte Kulturbetrieb wegen Ebbe in den öffentlichen Kassen gefährlich ins Wanken gerät.
Sein Vorhaben hat Haefliger mit strategischer Weitsicht geplant. Die Konzerttätigkeit will er in den nächsten Jahren reduzieren, um sich als Lobbyist in eigener Sache voll seinem Herzensprojekt widmen zu können. Als Betriebsgesellschaft für den Saalbau existiert bereits eine Stiftung mit Persönlichkeiten aus Altdorf, eine im Kern aus dem Ehepaar Haefliger und dem Kulturmanager Pius Knüsel bestehende Projektgruppe wird den Bau überwachen. Vor Ort hat er sich in kurzer Zeit einen Bekanntenkreis geschaffen, der vom Bäcker bis zum Regierungsrat reicht, und als Musiker sind er und seine Frau hier auch schon bestens eingeführt. Ihr Zauberklang-Festival, sagt er, ziehe lokales Publikum und Besucher aus der ganzen Schweiz an. Den hinter der Schöllenenschlucht gelegenen Konzertsaal in Andermatt betrachtet er nicht als Konkurrenz, ebenso wenig den neuen Saal im nahen Vitznau. Die Veranstaltungsmodelle seien total verschieden.
Holzkonstruktion von Shigeru Ban
Die Umbaupläne situieren den Saal im denkmalgeschützten Zeughaus aus dem frühen 19. Jahrhundert im Zentrum Altdorfs. Dessen Fassade wird nicht angetastet, aber das Innere umgestaltet, um einer Holzkonstruktion Platz zu machen, die auf vier Pfeilern ruht und Platz für 250 Personen bietet. Der innovative Entwurf stammt vom japanischen Architekten Shigeru Ban, einer internationalen Koryphäe und bekannt für seine Holzbauten. In der Schweiz hat er unter anderem schon den Hauptsitz der Swatch-Gruppe in Biel und das Medienhaus der Tamedia in Zürich architektonisch gestaltet.

Der Zeitplan ist eng und genau getaktet, das Fundraising läuft bereits auf vollen Touren. 2027 soll die Baubewilligung vorliegen, ab 2028 gebaut und 2030 das Haus eröffnet werden. Die Kosten von rund 45 Millionen Franken sollen durch Zuwendungen von Mäzenen und Stiftungen gedeckt werden. Eine gewagte Wette, doch Haefliger ist sich sicher, dass das klappt, und verweist dabei auf seine weitreichenden persönlichen Kontakte. Die nicht unerheblichen Kosten für den laufenden Betrieb sind bereits durch eine feste Zusage abgesichert. Die Gemeinde und der Kanton, dem das Zeughaus aktuell gehört, wären also auch von den Folgekosten befreit.
Ein Ort für alle
Gegenwärtig wird das Zeughaus vom Verein Haus der Volksmusik für Büros, ein Archiv und Veranstaltungen, die im Parterre stattfinden, genutzt. Sollte dafür kein adäquater Ersatz gefunden werden, könnte dem Projekt von dieser Seite noch eine Opposition erwachsen. Volksmusik gegen Klassik, das wäre eine fatale Konstellation. Haefliger sucht deshalb den Austausch mit den Einheimischen und betont: Der Saal soll auf keinen Fall ein Fremdkörper im Dorfkern sein, wo nur Hochkultur für eine herbeigereiste Kundschaft zelebriert wird. Er soll in das lokale Kulturleben integriert werden und auch Veranstaltern aus anderen Musikrichtungen offenstehen. Das Foyer im Parterre ist als lokaler Treffpunkt geplant, wo man sich auch tagsüber zu einem Kaffee oder einem Bier treffen kann.
Die Idee, mit Musik einen kulturellen Entwicklungsprozess in der Region anzustossen, trifft sich mit den heute praktizierten Modellen eines nachhaltigen Tourismus. Zugleich erzeugt das Projekt einen beträchtlichen künstlerischen Mehrwert. Wenn alles gut geht, werden in Altdorf ab 2030 Konzerte von ausgesuchter Qualität zu hören sein, dank der ausgezeichneten Akustik werden hier Tonaufnahmen entstehen, es werden Educationprogramme für die Altdorfer Schüler stattfinden und Marina Piccinini, die an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore Flöte unterrichtet, wird hier internationale Meisterkurse organisieren. Sie hat auch dafür gesorgt, dass ihre Universität schon 2027 in einem zertifizierten Austauschprogramm Studenten nach Altdorf schickt. Und was schliesslich nicht hoch genug zu veranschlagen ist: Angesichts der trüben wirtschaftlich-politischen Zukunftsaussichten ist dieses Projekt ein starkes, mutiges Signal für den Erhalt unserer Musikkultur.
Visualisierung: Shigeru Ban Architects
