Teenager Ravel am Klavier

Die «Sérénade grotesque», geschrieben vom ganz jungen Maurice Ravel, weist auf Charakteristiken späterer Werke voraus.

Die Klavierklasse von Charles-Wilfrid de Bériot am Conservatoire de Paris 1895, ganz links der zwanzigjährige Maurice Ravel. Foto: Eugène Pirou / wikimedia commons

«Nous ne savons rien sur l’origine de cette pièce qui constitue la première composition de Ravel pour le piano.» Dies schrieb Arbie Orenstein im Vorwort zur Erstausgabe der Sérénade grotesque, die 1975 zum hundertsten Geburtstag Ravels bei Salabert erschienen ist. Der prominente Ravel-Forscher, dessen Monografie über den grossen Komponisten immer noch das Mass aller Dinge sein dürfte, war nicht nur der Entdecker des Autografs, das lange als verschollen galt. Er besorgte im selben Jahr auch gleich die Uraufführung.

Fünfzig Jahre später hat nun Andreas Pernpeintner das kurze Klavierstück bei Henle neu herausgegeben. Die Unterschiede zur französischen Erstausgabe sind gering. Man erfährt aber in Pernpeintners Vorwort einige spannende Details darüber, wie Ravel selber dieses Werk beurteilte, das er fast noch als Teenager geschrieben hatte. Offenbar hat er es nie ganz unter Verschluss gehalten.

Die Sérénade grotesque lebt von heftigen Gegensätzen zwischen perkussiven Passagen («très rude, pizzicatissimo») einerseits und längeren Kantilenen («très sentimental») andererseits. Nicht nur die zahlreichen Anklänge an spanische Gitarrenmusik lassen schon die weit berühmtere Alborada del gracioso aus den Miroirs erahnen (Arbie Orenstein fühlte sich gar an Scarbo erinnert). Wie bei diesen späteren Meisterwerken lebt der Klaviersatz auch hier von orchestralen Assoziationen. Zwar ist dieser nicht allzu anspruchsvoll, aber auch die Sérénade hat ihre pianistischen Tücken. Um diese Hindernisse möglichst elegant bewältigen zu können, hat der französische Pianist Cédric Tiberghien einige Fingersätze beigesteuert, die wirklich sehr praktikabel sind.

Insgesamt also eine lohnende Neuausgabe! Für Ravel-Fans sowieso. Aber auch für alle, die gerne einem jugendlichen Genie bei seiner Entwicklung über die Schulter blicken möchten.

Maurice Ravel: Sérénade grotesque, hg. von Andreas Pernpeintner, HN 1590, € 8.00, G. Henle, München

Das könnte Sie auch interessieren