Demokratiebildung unterstützen – ein Blick aus der Forschungsperspektive

Building Bridges for All. Participate More. Advance Democracy – auf diese Kurzformeln brachten die internationalen Musikbildungsnetzwerke AEC*, EAS* und ISME* ihre diesjährigen Fachkonferenzen. Ein Rückblick von Ruth Frischknecht, Leitung Musikpädagogik – Musik und Bewegung/Schulmusik, ZHdK.

Demokratische Bildung – was die Forschung sagt (Bild: zvg)

Die übergeordnete Thematik der Demokratiebildung hat angesichts der weltweiten Herausforderungen demokratischer Gesellschaften eine offensichtliche Dringlichkeit erhalten. Auch Musikhochschulen der Schweiz reagieren auf die Fragestellung, sowohl mit Anpassungen von Studieninhalten als auch mit der Konzipierung von Weiterbildungsangeboten. Exemplarisch sei hier auf den Ansatz der Community Music hingewiesen, der Eingang in die Musikhochschulen gefunden hat. In diesem Ansatz werden musikalische und soziale Prozesse gleichermassen berücksichtigt und mit den Prämissen der Partizipation und Zugänglichkeit verbunden, um Empathie, Verantwortung und Zugehörigkeitsgefühl zu stärken.

Auch der Arbeitskreis musikpädagogische Forschung (AMPF) hat 2024 mit Demokratie und musikalische Bildung Inhalte aus diesem Bereich aus forschender Perspektive aufgenommen. Die thematischen Setzungen der AMPF finden jeweils besondere Beachtung, denn die Jahrestagung und die Publikationen der Institution werden als zentral für die deutschsprachige Forschung wahrgenommen.

Zwei Kernprozesse demokratischer Gesellschaften, Partizipation und Gemeinsinn wurden an einem Symposium der Konferenz der European Association for Music in Schools (EAS) anhand von drei Forschungsprojekten diskutiert. Partizipation hat sich als Begriff im Zusammenhang mit Demokratiebildung etabliert. Gemeinsinn wird in den Projekten in Anlehnung an die Publikation von Aleida und Jan Assmann als sechster, sozialer Sinn verstanden, der vom einzelnen Individuum geformt und als Perspektive auf andere Menschen übertragen wird. Er kann dort entstehen, wo Menschen eine gemeinsame Welt gestalten wollen, indem sie Unterschiede anerkennen können.

Das erste der präsentierten Projekte fokussierte auf die Ermutigung der Studierenden, innovative Ansätze im Musikunterricht auf gymnasialer Stufe zu verfolgen, da im Rahmen der Praktika an Schulen oft wenig Spielraum für Exploration vorhanden ist, hier wird vielmehr eine lineare Durchführung von Unterricht erwartet. Um diese Linearität aufzuweichen wurde ein ‘Praktikum unter Studierenden’ konzipiert, in dem künstlerisches Denken und Gemeinsinn als Potenzial für Unterrichtsentwicklung genutzt wird. Skizzenhaftes, Emotionales, Irritierendes oder Regelbrüche waren in diesem Try-Out beabsichtigt und erwünscht. Neue Unterrichtsideen wurden ausprobiert, gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt. Es zeigte sich in der Befragung der Studierenden mit leitfadengestützten Interviews, dass sie den Ideenraum zu nutzen wussten und ein gemeinsames Verständnis von zeitgemässem Unterricht entworfen werden konnte.

Das zweite Projekt widmet sich der Rolle biografischer Erfahrungen. Eine Forschungsgruppe entwickelte ein methodisch strukturiertes Modell für die pädagogische Arbeit am musikalischen Selbstkonzept. Um das Modell zu testen, führten Studierende untereinander biografisch-narrative, geleitete Interviews durch. Gemeinsam diskutierten sie Metaphern und sprachliche Symbole, um persönliche Erfahrungen und Bedeutungszuschreibungen zu erfassen. So entstanden im dialogischen Austausch neue Perspektiven auf individuelle Erfahrungen. Aus der persönlichen Reflexion und der Spiegelung in der Gruppe entwickelte sich ein gemeinsames Verständnis. Ein Verständnis, das im individuellen Kontext Auswirkungen hat, aber auch im Hinblick auf die Ausbildung eines Gemeinsinns tiefgreifende Konsequenzen aufzeigt.

Den Umgang mit Emotionen in Bildungsprozessen untersuchte schliesslich das dritte der Projekte. Mittels einer autoethnografischen Erzählung wurde dargestellt, wie ein Community Music-Seminar das Bewusstsein der Autorin für das gefürchtete emotionale Terrain, wie es Martha Nussbaum formulierte, geschärft hat. Die Erzählung und die Selbstreflexionen der Teilnehmenden zeigten, auf welche Weise Emotionen den Prozess der Suche nach Gemeinsinn in Musikgruppen beeinflussen können. In jüngster Zeit haben Untersuchungen aus politischer sowie neurowissenschaftlicher Perspektive gezeigt, dass die menschlichen Fähigkeiten zur Wahrnehmung und Pflege individueller Emotionen als ausschlaggebend für den Erhalt von Demokratien sind. Die Argumentation lautet, dass Emotionen das Handeln von Menschen in öffentlichen Räumen wie Schulen oder Hochschulen beeinflussen. Die Untersuchung dieses universitären Kontexts zeigt, dass Emotionen insofern sogar problematisch werden können, als dass sie partizipative Teamarbeit und sogar die Umsetzung von Musikprojekten behindern können.

Demokratiebildungsprozesse werden auch in den Lehrplänen der Volksschulen und Gymnasien aufgeführt. Gut also, wenn an den weiterführenden Musikhochschulen in diesem Feld die Verschränkung von Forschung und musikpädagogischer Praxis aktiv vorangetrieben wird.

*AEC: The Association Européenne des Conservatoires, Académies de Musique et Musikhochschulen

*EAS: European Association for Music in Schools

*ISME: International Society for Music Education

Ruth Frischknecht, Leitung Musikpädagogik – Musik und Bewegung/Schulmusik, ZHdK (Bild: ZHdK)

Literatur

  • Arendt, H. (2018). The Human Condition. Second Edition. The University of Chicago Press.
  • Assmann, J. & A. (2024): Gemeinsinn. Der sechste, soziale Sinn. C.H. Beck
  • Bartels, D., Frischknecht, R., Mommartz, S., (2026, geplant) Getting to the Core of Democratic Education. Three Ways to Foster Common Sense (Gemeinsinn) (Arbeitstitel) in: European Perspectives on Music Education, vol. 15. Helbling
  • Barth D., große Prues, P. (Hg.) (2025). Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe. Fachdidaktische Zugänge, Entwicklungen und Potenziale. Debus Pädagogik Verlag
  • Bossen, A., Tellisch, C., (Hrsg.) (2020). Musikpädagogik als Beitrag zur Demokratiebildung. Universitätsverlag Potsdam.
  • Frey-Konrad, U., Hofbauer V.C., Blanchard, O., Bugiel, L. (Hrsg.) (2025). 46. Jahresband des Arbeitskreises Musikpädagogische Forschung. Waxmann
  • Nussbaum, M. C. (2013). Political Emotions. Why Love Matters for Justice. Harvard University Press.
  • Reichenbach, R. (2025): Krise der Imagination. Zum Verlust von Urteilskraft und Gemeinsinn. Psychosozial-Verlag

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