Donaueschingen bittet um Aufmerksamkeit

Virtuos-witzig, locker oder hinterhältig: Auf überaus gegensätzliche Weise forderten oder umwarben die Komponisten an den Musiktagen im Oktober ihr Publikum.

Donaueschinger Musiktage 2026
Das SWR-Symphonieorchester und Dirigent Brad Lubman beim Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage am 16. Oktober. Foto: SWR/Ralf Brunner

Manchmal ist es angenehm, sich für ein Festival wie Donaueschingen eine Fragestellung vorzunehmen (mit der Bereitschaft, sie wieder fallenzulassen). Einfach um der Fülle an Eindrücken Herr zu werden. So nahm ich mir vor, nach unanstrengender/unangestrengter Musik zu horchen und danach, was sie mit mir macht.

Das kann vielerlei sein: Unterhaltsam war etwa die Bühnen- und Video-Performance UR! von Simon Steen-Andersen, die er allerdings für Donaueschingen nur teilweise fertigstellen konnte. Sie verquickt die Ursonate von Kurt Schwitters mit der Geschichte ihres Interpreten Michael Schmid, der einer Krankheit wegen seine Karriere als Flötist aufgeben musste und sich stattdessen auf Performance und besonders auf Schwitters spezialisiert hat. Auf rasante und virtuos-witzige Weise kippte das Video immer wieder in Schmids Live-Performance hinüber. Der Komponist steuerte dazu zwar noch keinen Ton bei, inszenierte und rhythmisierte das Ganze jedoch so geschickt, dass durchaus etwas Spassvoll-Bedrängendes entstand. Es war wie schon in Vorjahren Steen-Andersens Beitrag, über den in Donaueschingen alle am liebsten sprachen.

Wohltuende Lockerheit bei Igor C Silva

Unangestrengt, weil locker und von freier Agogik geprägt war das Orchesterstück Tomorrow’s Next Bliss des Portugiesen Igor C Silva – und ja, wie der Titel andeutete, vermochte es sogar eine Art Glücksgefühl auszulösen, wie locker sich die Musik da durch die Zeit bewegte. Dirigent Brad Lubman gestaltete die Partitur frei und aus dem Moment heraus. Der Komponist an der Elektronik und die grandiose Trompeterin Susana Santos Silva improvisierten ihre Soloparts. Doch nicht Beliebigkeit entstand, sondern Lockerheit und Freiheit, ein Atmen, das wohltat.

Und da war zum Beispiel auch das neue Streichorchesterstück thirst von Rebecca Saunders. Die in Berlin lebende Britin arbeitet oft mit subtilen farblichen Nuancen, hier aber erzählte sie darüber hinaus eine langsam sich entfaltende Geschichte, ruhig und durchaus spannungsvoll. Ohne Forderung lenkend. Vielmehr schenkte uns die Musik ihre beziehungsweise unsere Aufmerksamkeit. Anspruchsvoll, aber ohne Forcieren.

Wenn das Publikum veralbert wird

Es ist so eine Sache mit dem aufmerksamen Zuhören. Man muss in dieser Zeit immer wieder darauf zurückkommen, muss es fördern, so wie es bei der kürzlich verstorbenen Éliane Radigue geschieht, deren schichtweise sich aufbauende Meditation OCCAM XXV zéta für Orgel und Bläser uraufgeführt wurde. Man kann dieses Zuhören natürlich auch fordern, einfordern und herausfordern, ja gewissermassen auch überfordern, so wie es etwa Stefan Prins mit seinem Orchesterstück Madness Machines tat, und erreicht damit vielleicht weniger Aufmerksamkeit als Erschlagensein, Überwältigung, wie sie angesichts der Weltlage verständlich ist.

Aber manchmal wird diese Acht- und Aufmerksamkeit auch zum Fetisch. Und darauf rekurrierte Brigitta Muntendorf mit ihrem Stück Last Show auf hinterhältige Weise. Sie gab vor, das Publikum via Handy an einer Befragung zur Musik und zum Hören teilhaben zu lassen – was aber technisch kaum funktionierte und sich als Fiktion herausstellte. Hingegen nahm sie in den projizierten Kommentaren das Selbstbewusstsein des Publikums aufs Korn. Am Schluss zeigte sie auf der Leinwand werbeprospektartige Filmbilder von reichen, schönen und aufmerksamen Menschen, die es sich in einer Höridylle wunderbar eingerichtet haben, fernab der bösen Welt. Für diese ironische, etwas herablassende Veralberung, wie sie in Donaueschingen zur Tradition gehört, erhielt Muntendorfs Stück als einziges heftige Buhs. Es wird sie freuen.

Dekonstruierter Sternenstaub

Kennen Sie Stardust von Hoagy Carmichael? Der Italiener Mauro Lanza dekonstruierte den Song aus den 30ern und baute mit den reichen Harmonien eine rhythmisch agile und kurzweilige Orchesteretüde. Und weil das SWR Symphonieorchester diese so gern spielt, verlieh es Lanza seinen traditionellen Orchesterpreis.

Aber auch andere Stücke des Abschlusskonzerts wären dafür in Frage gekommen: das frech-comichafte und mit Badezimmerenten spielende Bestiarium Musicale VI der Japanerin Noriko Baba, die zentralafrikanisch angehauchte Musik des Franzosen Fabien Lévy oder das utopisch-wunderschöne into a world that is pure blue (where your are transformed utterly and forever) ((Amen)), für das die Italienerin Clara Iannotta früher unter New Age-Verdacht geraten wäre. Aber die Musik klang toll… oder sitze ich da etwas auf? War das vielleicht gar nicht so schön und angenehm? Ist da etwas meiner Aufmerksamkeit entgangen? Die Fragen bleiben…

…auch dies noch: Von kompositorischer Seite gabs keine Schweizer Beteiligung, auch niemanden aus Österreich, wenig aus Deutschland, mehr Franko- und Anglophones diesmal.

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